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Die Geschichte des Müggelsees

mueggelseeWie kaum eine andere Stadt in Deutschland ist Berlin von einer wasserreichen Landschaft geprägt. Namen von Seen und Flüssen – Wannsee, Havel, Krumme Lanke, Spree, Dahme, Weißer See, Müggelsee – sind untrennbar mit Berlin verbunden. Was dem Westberliner der Wannsee, ist dem Ostberliner der Müggelsee – mit 7,4 Quadratkilometern der größte See Berlins. Der Name stammt von dem vorslawischen Wort „Mighla“ ab, was soviel wie Nebel, Dunst bedeutet. Noch auf Fontane wirkten der See und seine Umgebung wie ein Urwald. Der Dichter wunderte sich Ende der siebziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts, dass „nirgendwo Rauch aus einer Hütte aufsteigt“ und „keine Herden am Seeufer grasen“, so abgeschieden war es damals. „Die Müggel und ihre Ufer sind Märchenland“, heißt es in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“.

Ein Jahrzehnt später – 1889 – wurde der Vorläufer des heutigen Müggelturms gebaut, erster Tourismus setzte ein. Heinrich Zilles berühmte Zeichnung „Sonntagsfreuden am Müggelsee“ zeigt freizügig Badende und Faulenzende – barbusig und noch nicht dem Schlankheitswahn verfallen. Zur gleichen Zeit bildeten einige dem Naturalismus verbundene Schriftsteller und Philosophen den Friedrichshagener Dichterkreis. Zu ihm zählten unter anderen Gerhart Hauptmann, Else Lasker-Schüler und Frank Wedekind. 80 Jahre später (1962) gründeten die beiden Dichter Johannes Bobrowski und Manfred Bieler nicht ganz ernst gemeint den Neuen Friedrichshagener Dichterkreis. Seine Präambel lautete: „Der Friedrichshagener Dichterkreis steht auf dem Boden Friedrichshagens und sieht seine Aufgaben in der Beförderung der schönen Literatur und des schönen Trinkens.“ Bobrowski, dem die Nachwelt einige hervorragende Gedichtbände wie „Schattenland Ströme“ oder „Wetterzeichen“ zu verdanken hat, starb leider schon 1965 im Alter von nur 48 Jahren. Auch in der neuesten Literatur spielt der Müggelsee eine Rolle: In Julia Francks Roman „Rücken an Rücken“ (2011) wird die dramatische Geschichte eines Geschwisterpaares aus Rahnsdorf erzählt.

Während der Wannsee damals wie heute den Ruf des Mondänen und Elitären besitzt, ist am Müggelsee vieles in die Jahre gekommen. Die architektonisch interessante, großzügige Anlage des Strandbads, in den Dreißigern erbaut und früher „Riviera des Berliner Ostens genannt“, bietet heute einen traurigen Anblick. Zerstörte Steinplatten am Ufer, rot-weißes Absperrband, nur ein Teil des langen Strandes ist zugänglich. Auch um den Müggelturm war es schon mal besser bestellt. Der auf dem kleinen Müggelberg gelegene und im chinesischen Pagodenstil erbaute Turm fiel nicht etwa Bomben zum Opfer, sondern Schweißarbeiten im Jahr 1958: Durch Funkenflug brannte der ganze Turm ab. Trotz wirtschaftlicher Nöte spendeten die Berliner großzügig. Schon 1961 konnte der Turm wieder errichtet werden. Eine große Gaststätte mit Sonnenterrassen bot einen phantastischen Blick auf Müggelsee, Müggelspree, Teufelssee und umliegende Berge. Der höchste von ihnen, der große Müggelberg, misst 115 Meter. 2011 fand das 50-jährige Jubiläum des neuen Müggelturms statt. Doch vom ehemaligen Gasthaus ist nur eine Ruine übrig, die Terrassen sind nicht mehr betretbar. Vor vier Jahren wurde das Gelände von einem Privatinvestor aufgekauft, seitdem verfällt es immer mehr.

An einem der schönsten Ausflugsziele Berlins steht nur ein kleiner Container, vor dem man dünnen Kaffee und staubige Muffins zu sich nehmen kann. Wenn instand gesetzt wird, dann nicht immer mit dem besten Geschmack. Auf der Südseite des Sees direkt am Wasser befindet sich – seit 1876 – das Traditionslokal Rübezahl. Die Aussicht ist umwerfend, aber der blitzeblanke Riesenbiergarten wirkt lieblos, man könnte meinen, auf Mallorca zu sitzen. Da lohnt ein Besuch der Strandbar auf Friedrichshagener Seite schon eher. Dort lockt auch die urigmondäne Bölschestraße, die Hauptverkehrsader des Ortes, mit kleinen Cafйs und Läden. Empfehlenswert ist überdies das Museum-Wasserwerk Friedrichshagen. Stadtplanerisch interessant ist auch die Siedlung Neu-Venedig – eine Gartenkolonie mit vielen kleinen Flüssen und Brücken an der Ostseite des Sees.

Leider droht das Naherholungsgebiet Müggelsee bald nicht mehr so gemütlich zu sein. Es liegt nicht nur daran, dass der See zum Paradies für Wassersportler mutiert ist, die auf merkwürdigsten Vehikeln herumkurven. Wenn der Großflughafen Berlin-Brandenburg in Betrieb genommen wird, sollen täglich 120 Maschinen in nur 1100 Meter Höhe über den See donnern. Die Anwohner fühlen sich überrumpelt. Noch im letzten Jahr wurde ein Teil des Müggelsees zum Naturschutzgebiet erklärt. Nun jedoch dürfen Jumbo-Jets ihn mit Kerosin düngen. Klimaforscher haben zudem festgestellt, dass sich die Temperatur des Sees in nur 30 Jahren um zwei Grad erhöht hat, was enorme Veränderungen für das Ökobinnensystem zur Folge hat. Die Zeit, in der sich Eis entwickeln kann, hat sich um fast einen Monat verkürzt. Algen erobern die einst finnisch anmutende Wasseroberfläche. Es wird sich einiges ändern am und im Müggelsee.

Text: Tanja Dückers

Grafik: Dagmar Weiß

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