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Die heilige Johanna der Schlachthöfe im Deutschen Theater

Einen kleinen Triumph gönnt Brecht seiner Titelheldin Johanna Dark. „Am blutigsten Gesicht“ erkennt die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ bei ihrer ersten Begegnung den Fleischfabrikanten Mauler in einer Gruppe Männer. Eines der wenigen Erfolgserlebnisse – sonst rennt sie in ihrem Kampf gegen die Chicagoer Spekulanten von Niederlage zu Niederlage, bis sie ermattet ist vom Elend der Welt und der Aussichtslosigkeit, etwas zu ändern. Regisseur Nicolas Stemann lässt seiner im funkelnden Cock­tail-Kleidchen auftretenden Titelheldin (Katharina Marie Schubert) nicht einmal diesen Sieg.
Denn hier gibt’s Mauler gleich drei Mal: Andreas Döhler, Felix Goeser und Matthias Neukirch teilen sich die Rollen der fiesen Kapitalis­ten und bleiben so ungreifbar. „Du bist doch der Mauler!“ – „Nein. Du!“ Wie sie sich dabei im hämisch-harmlosen Grinse-Reigen aus der Verantwortung stehlen, das ist eine der vielen gelungenen Ideen einer rasanten In­szenierung. Stemann setzt voll auf den „Ist doch alles nur Spiel“-Gedanken, lässt als Hin­tergrund Live-Bilder einer kleinen Modellstadt aus Pappe auf den Vorhang werfen, steckt seine Büchsenfleischglücksritter in weiße Show-Anzüge und lässt sie selbstgefällig die Welt rui­nie­ren. In dieser real exis­tierenden Revue-Show wird Johanna zum possierlichen Pin-up-Girl des Kapitalismus, darf zwar erst mit der Gummi-Moralkeule und später mit ihrem geflickten Holzkreuz den Glamboy-Kapitalisten eins überbraten – um dann doch zu scheitern.
Am Schluss endet sie in der Chicago-Bulls-Jacke. Nicht mal ihre Monologe darf sie selber sprechen. Das übernimmt Margit Bendokat als Proletarierin. Und dieser Monolog-Playback ist dann einer der wenigen ehrlichen Momente des Abends.

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Nicolas Stemann

Text: Björn Trautwein

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, Deutsches Theater, Di 29.12., 19.30 Uhr, So 3.1., 19 Uhr

Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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