Kultur

Die heimliche Sexwelle

pritzkuelitWer Elena*, 46, auf der Straße begegnet, würde der zierlichen Frau in Thermojacke nicht unbedingt hinterherblicken. Die Leiterin einer Berliner Kindertagesstätte ist dezent gekleidet und geschminkt, ihre blonden, schulterlangen Haare sind zu einem praktischen Zopf gebunden. Erst im Cafй, beim Gespräch, zeigt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern mehr von ihrer Persönlichkeit. Wenn sie lächelt, dann erscheint ein verschmitzter Zug um ihre Mundwinkel. Ihre wachen, blauen Augen strahlen Temperament aus. Am auffälligsten aber sind Elenas Hände, mit denen sie bedacht gestikuliert: Ungewöhnlich zart und hellhäutig sind sie. „Porzellanhände“ hätte man früher dazu gesagt.

Was man ihnen nicht ansieht, was auch die meisten Freunde und ihre Kinder nicht wissen, denen sie mit diesen Händen einst die Schulbrotstullen geschmiert hat: Regelmäßig fährt Elena mit ihren Porzellanfingern mal zärtlich, mal fordernd über den Körper oder durch das Brusthaar eines komplett fremden Mannes. Sie streichelt oder knetet mit ihnen seine nackte Haut und berührt seine intimsten Stellen. So einen Mann, nach Elenas Vorstellungen darf er zwischen Anfang 40 und Anfang 50 und auch mit einer anderen Frau verheiratet sein, trifft Elena – dann in ihrer auffälligeren Ausgeh-Aufmachung – zunächst in einem Cafй zum Plaudern. Wenn der Typ gepflegt rüberkommt, vertrauenswürdig erscheint, sich zu benehmen weiß und Charme hat, kann Phase zwei beginnen: die Verabredung im Stundenhotel. „Bitte zieh’ kein Höschen an, wenn wir uns das nächste Mal treffen“, hat schon mal einer gesagt. Elena war einverstanden. „Die Leute unterwegs kriegen das ja ohnehin nicht mit“, sagt sie und lächelt.

83 % der User auf Secret.de möchten bei ihrem Sex-Date küssen, 71?% erwarten Oralsex, 65?% Kuschelsex

Seit ihrer Scheidung vor sechs Jahren ist Elena Single. Und seit ein paar Jahren Nutzerin von Affären-Portalen im Internet, etwa Secret.de. Dabei hatte sie zuvor online erst nur nach einem neuen Lebenspartner gesucht. Bei Friendscout24.de. Doch irgendwie meldeten sich stets nur Männer, die zwar vorgaben, nach der großen Liebe zu suchen, tatsächlich aber nur auf ein kurzes, erotisches Abenteuer aus waren. Oder ganz traurige Typen, die sich von ihren „Altlasten“ – sprich: Scheidungen oder missratenen Beziehungen zu den eigenen Kindern – erdrückt fühlten und eine Schulter zum Ausheulen suchten. Alles nicht Elenas Ding. Trotzdem will sie, wie sie sagt, „gerne mal von einem Mann in den Arm genommen werden“. Und: „Außerdem habe ich sexuelle Bedürfnisse.“

Schneller Sex statt ewige Liebe

Seit immer mehr Bundesbürger auf dauerhafte Bindungen angelegten Partnerportalen wie Parship.de, Ilove.de oder Neu.de die – kostenpflichtige – Anbahnung ihres zwischenmenschlichen Lebensglücks anvertrauten, gilt die Branche als etabliert. Und als eine der wenigen Möglichkeiten, im Internet Geld zu verdienen. Viel Geld. Denn die auf Hochzeiten ausgesprochene Erklärung „Wir haben uns im Internet kennengelernt“ ist salonfähig geworden. Allerdings sprach man, zwar erst hinter vorgehaltener Hand, zunehmend auch über die Schattenseiten der digitalen Partnermärkte. „Sex und hopp. Millionen Deutsche suchen in Partnerbörsen die große Liebe, doch am Ende bleiben oft nur flüchtige Affären“, lauteten etwa die Titelzeilen, mit denen der „Stern“ vor knapp zwei Jahren die Desillusionierung in Worte fasste.

Statt privates Glück zu finden, kamen sich viele zahlende Nutzer wie eine austauschbare Ware vor, die ein User zwar in Augenschein nahm, aber mit Aussicht auf ein besseres „Produkt“, also einen attraktiveren Partner, schnell wieder ins Regal zurückstellte. Andere Plattformbesucher hingegen, die eigentlich von Beginn an weder vorhatten, in den Ehehafen zu schippern, noch ihrem Blind-Date vorschwindeln wollten, sie seien an einer Beziehung für die nächsten Jahre interessiert, fühlten sich auf diesen Single-Portalen zunehmend deplatziert. Kein Wunder, dass diese ihren Zenit inzwischen überschritten haben – und sich das Feld nun immer mehr mit neuen Formen der zwischenmenschlichen Kontaktanbahnung teilen müssen.

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Das 2004 online gegangene Berliner Seitensprungportal FirstAffair.de etwa, das nach eigenen Aussagen Deutschlands erste heterosexuell ausgerichtete Plattform dieser Art gewesen sein will, verzeichnete seit der Gründung laut Selbstbeschreibung „einen durchschnittlichen Zuwachs von bis zu 1?000 Neuanmeldungen pro Tag“ und habe „aktuell über 1,5 Millionen Mitglieder weltweit“. Andere Casual-Dating-Portale, so der Fachbegriff, folgten: C-date.de, Joyclub.de, Affaire.com oder Secret.de, Letzteres übrigens eine noch junge Tochter von Friend-scout24, das wiederum zur Deutschen Telekom gehört.

pritzkuleitInzwischen herrscht fast eine Inflation: Jeden Tag, so scheint es, taucht ein neues Casual-Dating-Portal auf: Vergleichsseiten listen mittlerweile um die 50 deutschsprachige Webseiten auf. Teilweise mit Namen, die Novizen in dieser Szene gerne mal die Schamesröte ins Gesicht treiben: Mit potenziellen One-Night-Stands, aber auch längerfristigen Affären kann man sich auf Portalen wie SofortFicken.com, Poppen.de oder Sexkiste.com verabreden. Glaubt man den Portal-Angaben zu den jeweiligen Mitgliederzahlen, dann scheint dort, in der Anonymität der Cyberwelt, derzeit die halbe Bundesrepublik auf der Suche nach „Kuschelsex“, „Rollenspielen“, „Gang-Bang“, „Analsex“, „frivolem Ausgehen“, „SM“ oder „Natursekt-Spielchen“ unterwegs zu sein. 

Viele Fake-Frauen

Die Vorbilder dieser Dating-Portale stammen aus der Schwulen-Szene: Wechselnde Sex-Kontakte ohne Zwang zu langfristigen Bindungen sind da beileibe nichts Ungewöhnliches. 2002, zwei Jahre vor der Gründung von FirstAffair, war die aus Berlin stammende Plattform GayRomeo.com, über die sich homo-, bi- und transsexuelle Männer zu ihren Stelldicheins treffen, erstmals online. Über 1,5 Millionen Mitglieder, davon rund 400?000 aus Deutschland, zählten Mitte dieses Jahres zu den Mitgliedern des inzwischen in PlanetRomeo.com umgetauften Portals.

Sex in allen Variationen mit einer eigentlich fremden Person? „Männer sind eben so. Die brauchen für so was nicht unbedingt eine lange Anlaufzeit und tiefer gehende Gefühle.“ Stephan*, 40, ein Ingenieur in der Computerbranche, ist heterosexuell und hat in der Vergangenheit im Internet ebenfalls regelmäßig nach Sex-Kontakten gesucht. Allerdings mit mäßigem Erfolg, wie er gesteht. „Auf Secret.de, da passiert gar nichts. Die angeschriebenen Frauen schreiben grundsätzlich nicht zurück. Ich bezweifel, ob die überhaupt real sind“, sagt der Berliner und spielt auf die große Anzahl sogenannter Fakes an, die es – neben Prostituierten – auf den heterosexuellen Casual-Dating-Portalen geben soll: Frauen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren und deren Profile und Kontakte von den Plattform-Mitarbeitern gepflegt würden. Damit Männer weiterhin auf der Plattform bleiben und beispielsweise teurere Premium-Verträge abschließen. Für Frauen ist die Mitgliedschaft dagegen kostenlos.

15 Mrd. $ werden nach Schätzungen weltweit mit Sextoys verdient. Nach Aussagen von „Forbes“ befindet sich der Markt auf starkem Expansionskurs

Aber vielleicht liegt Stephans Misserfolg auch daran, dass auf diesen Portalen unter Männern eine Riesenkonkurrenz herrscht. Auf eine Frau kämen zwei Männer – haben viele Portal-Betreiber schöngerechnet. Die Casual-Dating-Vergleichsplattformen sind da realistischer: Sie sprechen von einem Verhältnis eins zu fünf oder gar eins zu zehn. Bruno, 51, ein verwitweter Handwerker aus Sachsen-Anhalt, der beruflich ständig in der ganzen Bundesrepublik und auch in Berlin unterwegs ist, weiß, dass er bei FirstAffair, wo er angemeldet ist, letztlich „nur ein Produkt“ ist, wie er sagt. Und geht bei der Kontaktanbahnung – erfolgreich – in die Charme-Offensive. Außerdem achtet er auf seinen Körper, treibt regelmäßig Sport und gibt sich galant, wenn es zu einem Treffen mit einer der anvisierten 40- bis 60-jährigen Frauen kommt, die nicht perfekt, aber schlank und halbwegs gebildet sein sollten. Die Restaurant- und Hotelrechnung im Rahmen seiner Dates zahlt er, „das ist selbstverständlich.“ Und natürlich soll die Frau auch sexuell auf ihre Kosten kommen. Bruno ist das wichtig. 

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