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Die israelische Studentin Or Levin

Die israelische Studentin Or Levin

Or Levin fröstelt. „Die Kälte in Berlin ist das Schlimmste“, sagt sie. Sie meint den Berliner Winter, nicht die gelegentlich raue Art der Leute. „Ich habe hier zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, wie sich kalte Füße anfühlen“.
Kreuzberg, ein kühler Nachmittag. Die junge Israelin ist wettergerecht dick angezogen. Schwarzes Haar, dunkle Augen. Im vergangenen September kam die 24-jährige Studentin von Tel Aviv ins damals noch spätsommerliche Berlin. Zuerst wollte sie nur ein Semester bleiben, um International Business an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Schöneberg zu studieren. Doch dann habe sie Berlin, sagt sie, nicht einfach so schnell wieder hinter sich lassen können. Diese Stadt, in der scheinbar alles passieren könne und die voller junger verrückter Menschen sei. Sie wollte das ganze Berlin kennenlernen, so wie sie es auch aus Geschichten und Anekdoten von zu Hause kennt. Denn in ihrem Freundeskreis in Tel Aviv ist Berlin ein Sehnsuchts­ort. Viele waren schon da. Ihr Bruder während eines Schulaustauschs, einige ihrer Freunde auf Reisen. „In Berlin enden die Clubnächte nicht, und alles, was Spaß macht, ist günstig.“ So beschreibt sie die Anziehungskraft der Stadt, die ja irgendwie ähnlich liberal wie Tel Aviv, aber doch so verschieden sei. „Hier kann man ein ganzes Wochen­ende im Berghain verbringen, so etwas gibt es in Tel Aviv nicht“, dabei lacht sie. Dann fügt sie schnell hinzu, dass die Universität natürlich auch toll sei. Das Studium hat ihr die Reise nach Berlin überhaupt erst möglich gemacht. Alle Berliner Universitäten und viele Hochschulen haben Partnerhochschulen in Israel. Allein an den vier Universitäten studieren momentan 207 Israelis.
Auch von den Anschlägen in Paris und Kopenhagen lassen sich die israelischen Studenten nicht beeinflussen. „Es ist erschreckend, dass es diesen Hass in Europa noch gibt“, sagt Or, „aber in Berlin habe ich eigentlich keine Angst.“ Allerdings erzählt sie auch, dass sie manchmal auf der Straße lieber sagt, sie käme aus Südamerika. Auch spräche sie am Telefon Hebräisch nur leise. Aber sobald sie im Club und unter jungen Leuten ist, sagt sie mit Stolz, woher sie kommt. „Die jungen Deutschen finden Israel interessant und wissen immer schon unglaublich viel über unser Land.“ Auch ihre Eltern, erzählt Or Levin, machten sich keine Sorgen um ihre Tochter in ­Berlin – nur erkälten solle sie sich bitte nicht.    

Text: Fabian Herriger

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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