Kultur

Die Medici-Masche

Die Medici-Masche

Die Zimmertüren der Bewohner sind verschlossen, als die Mitarbeiterin der Firma Medici Living durch die WG führt. Ich habe mich für die Besichtigung eines Acht-Quadratmeter-Zimmers in der Friedrichs­hainer Gärtnerstraße 3 angemeldet. Anstelle des üblichen WG-Castings geleitet mich die Mitarbeiterin wie bei einer privaten Audienz durch Küche, Bad und Flur. Die Räume sind hell und freundlich, das Mobiliar im einfachen IKEA-Stil scheint neu. Doch: Wo sind die anderen? Ich ernte nur ein Schulterzucken. Wie alt meine potenziellen Mitbewohner sind, was sie arbeiten oder studieren, auch das kann mir die Mitarbeiterin nicht sagen.  
Auch Sammy L. aus der WG gegenüber – sie gehört ebenfalls zu Medici Living – kennt von seinen Mitbewohnern gerade mal einen. Und das, obwohl er schon seit mehreren Monaten dort wohnt. „Vom Rest krieg ich gar nichts mit“, sagt er. Die WG sei für ihn eine Notlösung. „Ich hab sicher 100 Bewerbungen rausgeschickt und nur Absagen bekommen.“ Bei Medici Living hingegen habe ein Anruf genügt und schon habe er einziehen können.
Mit dem Prinzip WG-Zimmer-Vermittlung per Mausklick hat Medici Living offenbar eine Bedarfslücke geschlossen. Seit 2012 hat Deutschlands erster professioneller WG-Anbieter rund 100 Wohnungen in Berlin mit circa 400 Zimmern für sein Geschäfts­modell angemietet. Tendenz steigend. Auch in Hamburg, München, Los Angeles und Shanghai ist die Firma tätig. Ihre Vision? Jungen Menschen bezahlbaren Wohnraum in gefragten Lagen zur Verfügung zu stellen.
Der Begriff „bezahlbar“ ist jedoch dehnbar. Selbst in weniger schicken Gegenden wie der Müllerstraße im Wedding werden für acht Quadratmeter schon mal 380 Euro fällig. Von Mietpreis­überhöhung will Robert Gmeiner, Mitglied der Medici-Living-Geschäftsleitung, jedoch nichts hören. „Unser Preis ist ein Flatrate-­Preis. Nebenkosten, Internet, Ausstattung, Mieter-Support – alles schon mit dabei“, sagt er. Außerdem müsse man auch noch die Gemeinschaftsfläche anteilig dazurechnen.
Tatsächlich gibt es für das Produkt, das Medici Living anbietet, keine vergleichbaren Marktwerte. Um Mietwucher nachzuweisen, genügt für gewöhnlich ein Blick in den Miet­spiegel. Liegt die Nettokaltmiete mehr als 20 Prozent über dem orts­üblichen Vergleichs­wert, kann der Mieter mithilfe von Paragraf 5 des Wirtschafts­strafrechts gegen den Vermieter vorgehen. Medici Living bietet jedoch keine kalten, leeren, sondern warme, möblierte Zimmer an.

Die Medici-Masche

Reiner Wild, Geschäftsführer vom Berliner Mieterverein, geht dennoch davon aus, dass Medici Living von seinen Klienten zu viel Miete nimmt: „Offenbar wird die angespannte Wohnungsmarktlage dazu genutzt, mit Studenten oder Leuten, die neu in der Stadt sind, gute Geschäfte zu machen.“ Gmeiner sieht das natürlich anders: „Unser Publikum kommt oft schwierig an Wohnungen, weil sie a) kurzfristig etwas finden müssen und b) zum Teil nicht über die nötigen Bonitäts­nachweise verfügen.“ Gmeiner zufolge verknappe seine Firma keinen Wohnraum; sie „enable“ ihn. Dazu gehöre auch, aus einer Drei- eine Fünf­zimmer­wohnung zu machen.
Für die Nicht-Medici-Living-Bewohner der Gärtnerstraße 3 hat das mit „effizienter Wohn­raumnutzung“ nichts zu tun. „Durch die zusätzlichen Zimmer wohnen viel zu viele Leute auf engem Raum“, beschwert sich ein Mieter. Dies äußere sich in lautem Trampeln, überfüllten Mülltonnen und einem verschmutzten Treppen­haus. Außerdem wisse er gar nicht mehr, wer hier überhaupt wohnt, lamentiert er. Zu hoch die Fluktuation. „Das Paar unter uns hat sich beim Eigentümer beschwert“, erzählt er weiter. „Der meinte aber nur, sie sollten doch ausziehen. Dann vermiete er die Wohnung eben an Medici Living. Die zahlten eh mehr als nur zehn Euro pro Quadratmeter.“ Dies deckt sich mit der Einschätzung Reiner Wilds vom Berliner Mieterverein: „Wer so ein Untermiet­verhältnis zulässt, der wird natürlich auch den Gesamt­mietpreis entsprechend hoch setzen, weil er ja weiß, was sein Hauptvermieter verlangt.“ Die professionelle WG-Zimmer-Vermietung stellt folglich sowohl für Medici Living als auch den eigentlichen Hauseigentümer eine Win-win-Situation dar.
Klare Verlierer sind dagegen solche potenziellen Mieter, die weder mit wenigen Quadratmetern auskommen noch über besonders hohe Einkommen verfügen: Familien etwa oder andere Haushalte, in denen es mehr Personen als gute Gehälter gibt. Ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Wohnungsmarkt nimmt angesichts von Firmen wie Medici Living einmal mehr weiter ab.  

Text: Henrike Möller

Foto:
Medici Living; Screenshot

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