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Performance

„Die Nacht der Maulwürfe“ im HAU 2

Komm, wir gehen in den Untergrund: Philippe Quesne zeigt „Die Nacht der Maulwürfe“. Das klingt nur auf den ersten Blick gemütlich

Foto: Phillippe Quesne

Für Philippe Quesnes Gastspiel „Die Nacht der Maulwürfe“, mit dem das HAU in die neue Spielzeit startet, hat Annemie Vanackere (siehe S. 44) eine nonchalante Genrebezeichnung erfunden: „Theater ohne Konflikt“. Das klingt zunächst etwas nach Harmonieweichspüler und Wohlfühlangebot im Stil der Tanzfestivitäten auf dem Tempelhofer Feld. Aber mit dieser Unterstellung würde man die Raffinesse der bewährten Konzept-Performance-Fachkraft Quesne, eines alten HAU-Bekannten, erheblich unterschätzen. Seine Aufführungen lassen sich als soziologische Versuchsanordnungen lesen: Wie reagieren eigentlich all diese seltsamen Lebewesen aufeinander, die man auf der Bühne beobachten kann? In diesem Fall handelt es sich bei den Leuten auf der Bühne nicht wie in einem seiner schönsten, angenehm sinnfreien Stücke um im Tiefschnee gestrandete Heavymetal-Freunde („La ­mélancolie des dragons“), sondern um Maulwürfe, genauer gesagt um ­Riesenmaulwürfe.

Wir dürfen ihnen dabei zusehen, wie sie unermüdlich Gesteinsbrocken hin und her rollen, als hätten sie Camus’ Aufsatz über die endlosen Mühen des Herrn Sisyphos gelesen. Wir werden Augenzeugen, wenn sie sich über Regenwürmer freuen, einen Baby-Maulwurf gebären und einen Angehörigen in den Tod verabschieden. Und weil sich offenbar auch für Maulwürfe die Sinnfrage stellt, finden sie ihre Berufung schließlich in Musik und Kunst, wozu sind wir schließlich im Theater? Seine Fortsetzung findet der Theaterabend in einer Maulwurfsprozession durch die Stadt und einem Maulwurfnachmittag für Kinder.
Weil Maulwürfe und ihre Betrachter nicht nur nach Sinn, sondern auch nach Reflexion verlangen, wird das Gastspiel von Vorträgen diskursiv begleitet. Nähere Auskünfte über das Sozialverhalten im tierischen Untergrund verspricht der Biologe Cord Riechelmann. Für Einblicke in das Wesen menschlicher Maulwürfe in Gestalt des Whistleblowers sorgt der kluge Medienanalytiker und Internetauskenner Felix Stalder.

HAU 2 Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Di 26.9., Fr 29.9., 19 Uhr, Sa 30.9., 21 Uhr, Mi 27.9., 16 Uhr, Do 28.9., 12 Uhr, Eintritt 8,80–22 €

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