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Die neue Kunst ?am Körper

Die neue Kunst ?am Körper

Ein Schaufenster an einem Neuköllner Altbau. Doch zu sehen gibt es nichts außer den großformatigen Initialen „VH“. Der dezente Auftritt ist bewusst gewählt, denn im Studio von Valentin Hirsch kann man sich nicht eben mal spontan tätowieren lassen. Wer bei VH klingelt, hat einen Termin und verbringt den Rest des Tages in dem weiß gestrichenen, cleanen Raum. „Ich brauche Platz und Ruhe zum Arbeiten, und das wissen auch die Kunden zu schätzen“, erklärt Valentin Hirsch. Er ist Mitte 30, seine eigenen Körperbilder verdeckt die Kleidung. Lediglich die Handtattoos unter den massiven Goldringen sind zu sehen. Die Bilder, die er anderen Leuten unter die Haut sticht, sind dagegen omnipräsent – weniger in Tätowiermagazinen, sondern auf Lifestyleblogs, in großen Tageszeitungen und urbanen Szenepublikationen.

Tattoos sind überall:
auf den Körpern, in den Medien, im Gespräch. Mal wieder, möchte man sagen. Doch das Thema wird immer komplexer. Schon allein aufgrund der Masse. Für eine Studie der Ruhr-Universität Bochum wurden im vergangenen Jahr 2.000 Personen befragt. Demnach sind neun Prozent der Deutschen tätowiert, bei den 25- bis 34-Jährigen ist die Quote mit 22 Prozent am höchsten, der Anteil der Frauen liegt leicht über dem der Männer. Reue spüren zehn Prozent der Befragten. Rückschlüsse auf die Schulbildung lässt eine Tätowierung nicht zu, die Kundschaft wird immer gemischter.

Und auch die Tätowierer werden mehr, allein in Berlin gibt es ca. 800 Tattoo-Studios. Vor allem aber fällt die bewusste Individualisierung einzelner Akteure innerhalb dieser riesigen Szene auf – wobei es so etwas wie die eine einheitliche Szene gar nicht mehr gibt. Oft strebt nicht nur der Kunde mit einem Körperbild nach Selbstverwirklichung, sondern, bis zu einem gewissen Grad, auch der Tätowierer mit seinem speziellen Stil.

Katalogware ist verpönt. Diese Entwicklung sorgt auch für einen neuen wissenschaftlichen Diskurs. „Nachdem sich zunächst vorwiegend Anthropologie und Soziologie mit Tätowierungen beschäftigt haben, geraten nun auch kunst- und bildwissenschaftliche Themen in den Blick: etwa die Besonderheiten des Mediums Haut als Bildträger, die Tattoo-Motivik ebenso wie Prozesse globalen Kulturtransfers„, sagt Sabine Kampmann. Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin ist Mitherausgeberin von „Querformat – Zeitschrift für Zeitgenössisches, Kunst, Populärkultur“, die dem Thema Tattoos bereits 2011 eine ganze Ausgabe gewidmet hat. „Interessant zu beobachten ist, wie zeitgenössische Tattoo Artists traditionelle Künstlermythen bedienen: Heute sind auch viele Tätowierer darauf bedacht, neben handwerklichem Können ihre eigenen Erfindungen und stilistischen Besonderheiten in den Vordergrund zu rücken.“ Viele der derzeit besonders gefragten Berliner Tätowierer haben ein Studium im Kunst- oder Designbereich absolviert und bezeichnen ihren Schritt vom Papier auf die Haut als eine von vielen Möglichkeiten, sich auszudrücken. Das sorgt für eine neue Vielfalt. Zwar bleiben Schriftzeichen, Symbole und Oldschool-Tattoos mit kräftigen Linien und bunten Farben gefragt. Bei den modernen Entwürfen sind jedoch verstärkt grafische Formen und ex­trem kleinteilige Bilder mit feiner Linienführung zu finden. Manche Motive muten wie eine spontane Bleistiftzeichnung an, andere wie Aquarelle. Dotworks, also Arbeiten, die Flächen mit winzigen Pünktchen füllen, sind beliebt. Und ebenso wuchtige schwarze Flächen.

Einen guten Überblick über die aktuellen Stile gibt die Webseite tattooartinberlin.com. „Ich stelle hier alle Tätowierer aus Berlin vor, die ich spannend finde“, sagt Macha Romaniuk, Betreiberin der Plattform. Die gebürtige Belgierin, selbst bis an die Fingerspitzen tätowiert, ist Store Managerin bei Toe Loop Tattoo in Neukölln. Die Seite entwickelte sie vor anderthalb Jahren, noch neu in der Stadt, um lokale Kontakte zu knüpfen. Die Anzahl derer, die auf sehr hohem Niveau arbeiten, sei in Berlin extrem hoch: „Du findest hier praktisch für jede Idee den passenden ­Tätowierer. Auch weil hier Künstler aus der ganzen Welt arbeiten, die viele verschiedene Einflüsse mitbringen.“

Kaum ein größerer Beitrag zum Thema Körperkunst in Zeitschriften und Blogs, in denen nicht mindestens ein Tätowierer aus Berlin genannt wird. Deswegen kommen mittlerweile auch die Kunden aus der ganzen Welt. „Ein Großteil reist aus anderen Städten an, häufig aus dem Ausland“, sagt Valentin Hirsch. „Das Besondere in Berlin ist zum einen die Masse der Leute, die hier arbeiten. Andererseits wird hier viel mehr ausprobiert, ständig nach neuen Stilen und Phänomenen gesucht als beispielsweise in den USA. Dort haben viele Tätowierer noch eine stärkere Verbindung zur Tradition. Was nicht heißt, dass das eine oder andere besser ist. Es kommt darauf an, was man sucht.“

Gesucht wird vor allem im Internet. Es ist die Selbstvermarktung im weltweiten Netz, mit denen sich die Berliner Akteure über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machen. Es gibt zwar noch große Conventions. Die Austauschplattformen der neuen Generation jedoch heißen Instagram, Facebook und Tumblr. Einige Tätowierer laden täglich neue Bilder ihrer Arbeiten hoch und behalten gleichzeitig die Entwicklung der anderen Studios im Blick. Über das digitale Sehen und Gesehenwerden können problemlos Kontakte geknüpft werden. Viele der auf den folgenden Seiten des tip Porträtierten laden regelmäßig internationale Gasttätowierer in ihre Studios ein. Und junge Künstler arbeiten zeitweise in bekannten Studios mit, bevor sie eigene Wege gehen. Da es nach wie vor keine staatliche Ausbildung zum Tätowierer gibt, sind viele  Anfänger auf die praktischen Tipps der Profis angewiesen.

Wer als Tätowierer erst einmal ein Standing hat und dauerhaft mit Qualität überzeugt, der kann sich heute fast alle künstlerischen Freiheiten nehmen. Und durch diesen betont individuellen Ansatz ein Klientel anlocken, das vor wenigen Jahren noch nichts von Körperkunst wissen ­wollte. Namen werden zur Marke. „Es ist davon auszugehen“, sagt Sabine Kampmann, „dass, ähnlich wie im Falle von Graffiti und Street Art auch ausgewählte Tattoo Artists in Kürze museale Weihen erhalten und in Kunstausstellungen präsentiert werden.“

Text: Isabel Ehrlich

Foto:
Valentin Hirsch  

Lesen Sie mehr rund um das Thema Tattoo in Berlin im aktuellen tip Berlin – Heft 23/2015

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