Wandern

Die neue Wanderlust

Runterkommen und in den eigenen Trott: Warum die Berliner das Wandern neu entdecken – und was es auf den Touren im Umland alles zu erkunden gibt

Kunstwanderweg Hoher Fläming. Foto: Torsten Maue / flickr.com / CC BY-SA 2.0

Same, same but different“ – „Genauso, nur anders.“ Vielleicht ist es die in Thailand geprägte Redensart, die die neue Leidenschaft für eine alte Fortbewegungsweise gut beschreibt. Schließlich wurde das deutsche Wort „Wanderlust“ ja sogar von Amerikanern in ihren Wortschatz aufgenommen. Wie sonst nur „Kindergarten“, „Pumpernickel“ oder „Schadenfreude“. Eines steht jedenfalls fest: Wir Berliner sind wieder wanderlustig. Nur eben – irgendwie anders.

Und so treffe ich mich mit Jacques Koller, rotblonder Vollbart, grüner Outdoor-Anorak, am S-Bahnhof Karow, um einen Tag zwischen eiszeitlichen Moränenlandschaften, Wildpferden und Schlossruinen zu erleben. 28 Kilometer lang ist unsere Tour durch Rieselfelder und Buchenwälder, vorbei am Mühlenbecker See und am Schloss Dammmühle, am Gorinsee ist bereits die Freikörpersaison eröffnet, es riecht nach Kirschblüten und Sonnenöl. Später, bei regionaler Bratwurst und bayerischem Bier im James Biergarten in Hobrechstfelde, erzählt der Student der Geowissenschaften von Reisen durch Südamerika und wie er plötzlich darauf gekommen ist, genau das auch vor seiner Haustür zu erleben. Exkursionen in die nahe Ferne. Auf dem Bahnstieg in Karow jedenfalls ist es an diesem Frühlingssonntag funktionsjackenbunt.

Die Zahlen, sie sprechen schon einmal für das Wandern. Rund 70 Prozent der Deutschen sind einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge zumindest gelegentlich aktive Wanderer. 2009 hatte der wandernde Bevölkerungsanteil nur bei 56 Prozent gelegen. Wir geben dabei rund 7,5 Milliarden Euro für Tagesausflüge oder den Wanderurlaub aus und noch einmal 3,7 Milliarden für unsere Ausrüstung. Anteilig betrachtet wuchs der Outdoormarkt in den vergangenen Jahren dabei sogar schneller als die ohnehin boomenden Sportartikelbranche. Denn auch das ist ein Mikrotrend im Makrotrend Wandern: „Aus passionierten Modeverweigerern in Kniebundhosen und Seppl-Hüten“, sagt Eike Wenzel, „ist ein durchaus konsumfreudiger Lebensstil geworden.“

Wenzel, Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung, läuft dabei erst einmal vom Wandern weg, um wieder dort anzukommen: „Natürlich könnte man jetzt sagen, mit den ganzen verkauften Outdoorjacken gehen die Leute doch nur in der Innenstadt bummeln oder montagmorgens ins Büro. Aber auch das ist ja ein Indiz jener neuen Lust am Wandern und des Kults um den so genannten aktiven Lebensstil.“ Kurz gesagt: Man zieht ein Kleidungsstück an, weil einen die darin eingewebten Zuschreibungen anziehen. Wir sehnen uns danach, zumindest so auszusehen, als könnten wir aus dem Stand einen Viertausender erklimmen oder für die nächsten vier Wochen im kalifornischen Hinterland verschwinden. Zumindest aber in der Uckermark. Und als das Berliner Kunstmagazin 032c, so etwas der Gradmesser cooler Distinktion, vor einigen Wochen seine erste Modekollektion präsentiert hat, sahen wir – wüstenbeige Trekkinghosen.

Überhaupt: Was ist eigentlich aus der Umhängetasche aus recycelten LKW-Planen geworden? Der urbane Dienstleistungsnomade radelt seine sieben Sachen im Rucksack, als Backpacker also, durch die Gegend. Wobei mir ein Freund gerade erzählt hat, er würde die sechs Kilometer bis zu seinem Büro inzwischen durchaus regelmäßig „wandern“. Um runterzukommen und in den eigenen Trott.

Die Gegenwart kennt viele prominente Wanderer. Hape Kerkeling markierte den Trend mit seiner säkularen Wallfahrt auf dem Jakobsweg, dessen Ausläufer längst auch durch Brandenburg führen. „Ich bin dann mal weg“ wurde zum geflügelten Wort einer Suche nach dem Selbst und einer Auszeit aus den Routinen des Alltags. Und auch Jacques Koller, der neben seiner Masterarbeit auch in einem Outdoor-Laden in Prenzlauer Berg jobbt, hat festgestellt: „Früher kamen die Leute, weil sie in die Alpen wollten oder gleich in die Anden. Heute kaufen sie ihre Trekkingjacke fürs Wochenende in der Uckermark.“

Tatsache ist: Von jener neuen Wanderlust können die klassischen, etwa im Berliner Wanderverband organisierten Wandervereine nicht profitieren. Und auch der gegenwärtige Zulauf der Berliner Sektionen des Deutschen Alpenvereins ist ein Indoor-Phänomen. Junge Menschen werden von deren Kletterhallen und dem Trendsport Bouldern angezogen.

Die neue Wanderbewegung organisiert sich über andere Kanäle. Über Facebookgruppen, die „Wandern in Berlin und Umgebung“ oder „Grunewald Foraging“ heißen, weil beim Wandern auch schon mal Wildkräuter gesammelt werden. Oder über Orte wie das Zabriskie in der Kreuzberger Manteuffelstraße, einen Buchladen für „Kunst und Natur“, zu dessen meistverkauften Autoren die beiden bewanderten US-amerikanischen Naturphilosophen Henry-David Thoureau und John Muir gehören. Beide erzählen vom Leben in den Wäldern, waren Zivilisationskritiker zu einer Zeit als es, rückblickend betrachtet, eigentlich erst begonnen hatte mit der modernen Zivilisation.

Im John Muir wiederum, einer Craft-Beer-Kneipe am Görlitzer Park, treffe ich Nathan Hard über eine Wanderkarte gebeugt. Keiner papiernen zugegeben, der werdende Bierbrauer programmiert die Route fürs Wochenende in seinem Smartphone. 40, vielleicht 50 Kilometer sollen es werden. Anstrengung als Entspannung. Und schon auch als Lebensstil.

„Das Gesamtpaket muss stimmen“, weiß Trendforscher Eike Wenzel. Und verortet die neuen Wanderer als Teil jener weltläufigen „Bio-Boheme“, die gerade den „Luxus des Lokalen“ suchen. Regionale Küche, lokale Produkte, die Gesten des Handgemachten, „Achtsamkeitsrituale, digital Detoxing“. Brandenburger Funklöcher hin oder her, Wenzel verweist auch auf die Sozialen Medien, in denen dann die Bilder vom Sonnenaufgang in der Märkischen Schweiz oder den Ziegen vom Capriolenhof hochgeladen werden. Das Lokale ist längst auch ein multimediales und damit globales Ereignis. Wir teilen unsere Erlebnisse und geben ihnen damit Relevanz. Wandern ist eben auch „Zeitgeist“. Noch so ein deutsches Wort, das es auch in den amerikanischen Sprachgebrauch geschafft hat.

Der Autor erkundet das wanderbare Umland Berlins stets mit einer latenten Hektik – als Trailrunner gehören der Havelhöhenweg, das Mühlenbecker Land und die Glindower Alpen zu seinen liebsten Laufrevieren.

https://www.tip-berlin.de/zehn-wanderwege-in-und-um-berlin/

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