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Literatur-Adaption

„Die stillen Trabanten“ nach Clemens Meyer an den DT-Kammerspielen

Fremde in der Nacht: Armin Petras’ gefühlsstärkste Inszenierung seit langem

Foto: Arno Declair

Es sind zugige Orte, an denen sich in Clemens Meyers Geschichten die Menschen begegnen: ein Treppenhaus im Plattenbau, ein Kiosk, der Zaun vor einem Asylbewerberheim, eine Bahnhofskneipe, Eisenbahngleise. Es geschieht nicht viel in diesen Geschichten. Ein Wachdienstmitarbeiter verliebt sich in ein Mädchen aus dem Asylbewerberheim und erinnert sich viele Jahre später an sie. Eine Putzfrau und eine Friseurin freunden sich an. Ein Mann steht auf den Gleisen und wird überfahren. Jemand wirft die Post vom Amt weg. Geschichten von Fremden, deren Wege sich streifen. Sie kommen irgendwie über die Runden, sammeln Pfandflaschen, braten Würste oder arbeiten im Internetcafé. Sie erzählen sich selbst Geschichten gegen die Einsamkeit, sie schauen in den Nachthimmel oder auf die Wände. Sie kommen ohne größere Träume aus, Illusionen können sie sich nicht leisten.

Armin Petras hat sechs dieser Erzählungen aus Clemens Meyers vor einem Jahr erschienenen, unbedingt lesenswerten Band „Die stillen Trabanten“ mit einem herausragenden Ensemble zu einem atmosphärisch dichten, lakonischen Abend montiert. Peter Kurth ist in seiner ersten Theaterrolle nach seinem Erfolg in „Berlin Babylon“ zu sehen – als Wachmann, Kioskbudenbetreiber oder Zugführer, der seine Lokomotive am liebsten nachts fährt, einer dieser schweren, schweigsamen Männer mit zerknautschtem Gesicht und einer tiefen Müdigkeit. Seine Melancholie gönnt sich höchstens lange Blicke oder einen tiefen Zug aus der Zigarette, jedes Wort wäre zu viel. Niemand kann so abgründig schweigen wie Peter Kurth.

Dabei hat dieser wuchtige Mann für Momente eine Leichtfüßigkeit und vorsichtige Zärtlichkeit, die berührender ist als alle Leichtgewicht-Romantizismen. Die Begegnung zwischen Christa, die nachts mit dem Putztrupp die schmutzigen Züge am großen Bahnhof reinigt, und Birgitt, die im Frisiersalon am selben Bahnhof arbeitet, machen Katrin Wichmann und Anja Schneider zu komisch-lakonischen Studien über Einsamkeit und Lebensmut. Es ist die in ihrer scheinbaren Naivität und Spielfreude, in der Zuneigung zu den Figuren und trockenen Melancholie gefühlsstärkste Petras-Inszenierung seit langem.

Deutsches Theater Kammerspiele Do 29.11., Mo 3.12., Sa 22.12., 20 Uhr, 9 – 30 €

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