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Olympia 1936

Die Stimmen der Vergangenheit

Hier finden Sie die O-Töne (siehe Links weiter unten zu MP3-Dateien) aus Interviews mit fünf deutschen Medaillengewinnern von Olympia 1936: Auf sechs alten Kassetten fand tip-Redakteurin Eva Apraku ihre 30 Jahre alten, ­unveröffentlichten Interviews mit Berliner Olympia-Teilnehmern von 1936 wieder. Keiner von ihnen lebt mehr, doch ihre Stimmen sind bei uns noch einmal zu hören. Klicken Sie einfach auf die markierten Namen unten im Text. Und lesen Sie Auszüge aus den Interviews in der aktuellen Printausgabe des tip. Von der Begegnung mit den Zeitzeugen, die damals mitten drin waren. Und die sich freuten, dass ihnen endlich mal jemand zuhört.

Herbert Schmidt/ Olympia 1936
Foto: Archiv der RG Wiking

Ich weiß nicht mehr, wie lange die Kiste dort hinten im Schrank lag. Tatsächlich 30 Jahre? Oder zehn? War sie bei einem Umzug dorthin geraten? Ich hatte sie vergessen. Die Kiste und das, was dort drin lag. Sechs alte Kassetten. Als ich sie aber beim Aufräumen sah, wusste ich sofort wieder, was drauf war.

Es war 1986 in Berlin, als der Beginn der Olympischen Sommerspiele von 1936 genau 50 Jahre zurück lag: Zur Jahresmitte erschien irgendwo in einer Berliner Tageszeitung eine kleine Meldung, die an das Herannahen des Datums im August erinnerte. Ansonsten hörte und las man vorab so gut wie nichts über das historische Ereignis. Dabei hatten es die Nazis doch geschafft, mit ihren monumentalen Sportanlagen, einer akribischen Organisation und den so unbeschwert wirkenden Veranstaltungstagen die Weltöffentlichkeit hinters Licht zu führen: Deutschland stellte sich als gleichermaßen modernes, aufgeschlossenes wie leistungsstarkes Land dar, das sich lediglich in Sportarenen mit anderen Nationen messen wollte. Ein Riesenirrtum, wie sich bald herausstellen sollte.

Mehr oder weniger ungewollt beigetragen zu dieser Täuschung hatten die 348 deutschen Athletinnen und Athleten, die für einen bis dahin nicht gekannten Medaillenregen sorgten. Mit 89 gewonnenen Medaillen, darunter 33 mal Gold, 26 mal Silber und 30 mal Bronze, lag das Deutsche Reich noch weit vor den USA an der Spitze des Medaillenspiegels. 50 Jahre nach 1936 – was war eigentlich aus den Medaillengewinnern geworden?

Den Kontakt zu den früheren Athleten zu bekommen, war einfacher als gedacht: Ein Anruf beim Olympiastützpunkt Berlin – oder war’s das Nationale Olympische Komitee? – machte nicht nur klar, dass es tatsächlich Medaillengewinner gab, die in Berlin wohnten. Die angefragten Ex-Sportler, nicht nur der einstige Ruderer Herbert Schmidt (O-Ton Audiodatei), der lange Zeit beim Sender Freies Berlin (SFB) gearbeitetet hatte, waren auch ausnahmslos an Interviews sehr interessiert. Was im Verlaufe der Gespräche allmählich klar wurde: Offensichtlich hatten die einstigen Athleten das starke Bedürfnis, sich zu erklären – es fehlte bloß die Nachfrage nach ihren Geschichten, was beispielsweise beim Gespräch mit Wilhelm Baumann (O-Ton Audiodatei), dem Goldmedaillengewinner im Feldhandball deutlich wurde. Nach 1945 waren öffentliche Erinnerungen an sportliche Lorbeeren aus der Nazizeit offenbar ein Tabu.

Natürlich fühlte ich mich mit der Aufgabe eigentlich ebenfalls völlig überfordert – obwohl ich zuvor das eine oder andere Buch zum Geschehen rund um die Spiele von 1936 gelesen hatte. Die große Frage war: Wem würde ich da entgegentreten? Unverbesserlichen Schönrednern? „Einfach mal reden lassen“ war eine Taktik, die aus meiner Hilflosigkeit geboren wurde. Die, das zeigt sich beim Abhören der nun wiederentdeckten Tonkassetten 30 Jahre später, dennoch zu Resultaten führte, die Zeugnis von der Vielschichtigkeit der damaligen Zeit geben. Die fünf Medaillengewinner sowie Werner Zöfelt (O-Ton Audiodatei), ein Zeitzeuge vom Berliner Ruder-Club Welle-Poseidon, waren nicht nur völlig unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie blickten auf die Vergangenheit auch aus teils sehr abweichenden Perspektiven. Der Ruderer Walter Volle (O-Ton Audiodatei) etwa gestand ein, die Chancen, die sich für ihn im Sport durch die Nazis ergaben, gerne genutzt zu haben.

Berliner Hallenhandballmeister der Männer
Berliner Hallenhandballmeister der Männer Foto: Archiv des SCC Berlin

Natürlich hätte ich gezielter und viel kritischer nachfragen müssen, das empfindet man Jahre später nicht nur bei so einer problematischen Thematik recht schmerzhaft. Trotzdem stellt sich, jetzt noch mehr als damals, auch eine große Dankbarkeit meinen einstigen Gesprächspartnern gegenüber ein: Sie haben mir – und nun auch anderen – ermöglicht, in Abgründe zu blicken, wie sie so wohl nur Zeitzeugen anschaulich vermitteln können: Die Schwimmerin Ruth Hoffmann-Halbsguth erzählte etwa von ihrer damaligen Schwärmerei für Adolf Hitler. Oder Heinz Raack (O-Ton Audiodatei), wie die Familien von jüdischen Sportskameraden ihre Sachen packen und von heute auf morgen fliehen mussten. „Unpolitisch sein“, das wird mir angesichts ihrer Erinnerungen einmal mehr klar, ist immer die falsche Haltung. Umso größer das Bedauern, dass die Lebenszeit meiner Gesprächspartner bereits so viele Jahre vorbei ist: Ich hätte noch so viele Fragen an sie!

PS: Auch der tip hatte 50 Jahre nach den Olympischen Spielen in Berlin dann doch nur ein gebremstes Interesse an den Erinnerungen der Medaillengewinner: Der Beitrag, den ich 1986 im Heft unterbringen konnte, war gerade mal eine Spalte lang. Diese Gespräche blieben unveröffentlicht. Hier sind sie nun zum ersten Mal in Ausschnitten zu lesen.

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