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„Die Tauben“ in der Schaubühne

BühneKrisenzeiten sind gute Zeiten für den Aberwitz der Komödie. Wenn schon alle Sicherheiten und Wohlstandsgemütlich- keiten wegbrechen, wenn schon die vertrauten Überlebensstrategien nicht mehr funktionieren, kann man sich auch gleich über die kollabierenden Ord­nungssysteme lustig machen. Hollywoods schnelle Screw­ball-Comedy-Klassiker gehören zur großen Rezession der 1930er Jahre wie Chaplins „Modern Times“ oder Horvбths melancholische Komödien. Diese Komik ist nicht harmlos. Man lacht, um den Schrecken und die Depression wegzuwischen. In diese Komödien sind die Angst vor dem Absturz und das Wissen um die nicht besonders amüsanten Verhältnisse eingeschrieben. Ein anderes Lachen ist das der eskapis­tischen Freuden der Operetten und Screwball- Comedys, Komödien aus einem Märchenland, in dem es nichts Wichtigeres gibt, als die amourösen Verwick­lungen unter elegant durchs Leben tänzelnden Menschen, die von finanziellen Problemen so weit entfernt sind wie eine Broadway-Show von einer Suppenküche. Aber auch diese Komödien spielen mit Klassenschranken, mit Auf­stiegs­­träumen und Abstiegsängs­ten, mit dem Wissen um Arm und Reich und ökonomische Katastrophen. Das ist der Unterschied zu den sozialkontextfreien Dumpfbacken-Humor-Formaten zwischen „Quatsch Comedy Club“, „Der Schuh des Manitu“ und dem Enter­tain­ment-Sondermüll im Trash-TV.
Noch hat die jetzige Rezession ihre Komödienautoren, die den Absturz und die Angst auf den komischen Begriff bringen, nicht hervorgebracht. Oliver Bukowskis vor Kurzem glücklos in Hamburg uraufgeführtes Zeitstück „Kritische Masse“ über renitente Hartz-IV-Verlierer lässt immerhin ahnen, wie solche Rezessions­komödien aussehen könnten: unsentimental, schnoddrig, sarkastisch und garantiert sozialkitschfrei. Aber das ist eine Ausnahme. Auch David Gieselmann, einer der wenigen Gegenwartsdramatiker, der gekonnt mit Lust und Karacho das Genre bedient, hat mit seinem neuen Stück „Die Tauben“ keine Farce zur Rezession geschrieben. In Gieselmanns Komödie, die Marius von Mayenburg jetzt an der Schaubühne schön leicht, temporeich und unverschnörkelt uraufgeführt hat, ist die Welt noch in Ordnung. Die Figuren auf der Bühne haben keine anderen Sorgen als eine Midlife-Crisis samt Aussteigerträumen, mit dem Therapeuten vögelnde Ehefrauen und mobbende Bürokollegen. Es ist ein lustiges Stück, das sich clever und durchaus amüsant im reichen Fundus der komödientauglichen Figuren und Problemchen bedient, aber es stammt unübersehbar aus einer anderen Zeit, irgendwann aus der Epoche vor dem Finanz-Crash. So sieht man der Uraufführung dann mit etwas nostalgischen Gefühlen zu, die gut zu den zwi­schendurch gekonnt ser­vierten Gesangseinlagen von Elvis bis „Schöner fremder Mann“ passen.
Robert, Firmenboss und vom Leben gelangweilt, hat die Nase voll. „Ich will weg“, ist sein erster Satz und der erste Satz des Stü­cks. Robert meint es ernst, er will einfach verschwinden, Frau und Sohn und Firma loswerden und irgendwo auf einem Schrottplatz als Taubenzüchter neu anfangen. Genrebedingt führt das logischerweise zu Verwicklungen. Urs Ju­cker, ein erfreulicher Neuzugang im Ensemble, spielt diesen Robert samt seinem erfundenen Halbbruder Fran­çois, Roberts Alter Ego nach der Flucht aus dem Bürgerleben, als souveränen Lebenspraktiker. Das Gegenteil davon ist seine Gattin Gerlinde, die die wunderbare Judith Engel als verhuschtes Mädchen aus gutem Hause spielt, eine verzagt lächeln­de Dame, die davon träumt, in Italien ein ganz neues Leben anzufangen. Engel macht daraus die bezaubernde, so komische wie anrührende Charakterstudie einer schrulligen Villenbewohnerin. Wenn die anderen beschwingt singen, wippt sie vorsichtig mit wie jemand, der jetzt auch mal endlich anfangen will mit dem Leben.
Für die Zeit nach seinem Abgang hat Robert einen Plan: Sein Mitarbeiter Holger Voss soll die Firma leiten. Natürlich ist Voss, ein nervös zappelndes Männchen (Robert Beyer), das Gegenteil eines potenziellen Chefs. Das Nervenbündel wird von einer Kollegin tyrannisiert, der penetrant quäkenden Heidrun (Cathlen Gawlich), die eine klare Maxime hat: „Mobbing ist mein Hobby.“ Zu Hause läuft es auch nicht gut: Holgers Gattin treibt es mit dem Therapeuten, einem fetten, verschwitzten, debil sabbernden Riesenbaby (Sebastian Schwarz). David Gieselmann ist vielleicht nicht der deutsche Woo­dy Allen, aber seinen liebevoll ausgestellten Mit­telschichtsclowns schaut man gerne dabei zu, wie sie sich ihr Leben schwer machen.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Annehmbar


Die Tauben

an der Schaubühne

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