• Kultur
  • Die totale Musik – Jazzstadt Berlin

Jazz

Die totale Musik – Jazzstadt Berlin

Vor 100 Jahren wurde in Berlin die erste Jazzplatte in Deutschland aufgenommen. Das Genre mag heute an Bedeutung verloren haben, doch die Jazzstadt Berlin ist lebendiger denn je

X-Jazz Festival, Brand und Albrecht Photographer

Jazz ist, wenn Helge Schneider gut drauf ist. Jazz ist die Musik toter schwarzer Männer, die Miles, Thelonious oder Dizzy heißen. Jazz ist das Gedudel, das beim FDP-Sommerfest im Hintergrund läuft. Jazz ist der Sound der Black Panthers. Jazz ist die BSR-Bigband und die bärtigen Klangtüftler, die in Neuköllner Kellerclubs mit Kontaktmikrofonen herumhantieren.

Was ist also Jazz? Der legendäre Journalist, Produzent und Impresario Joachim-Ernst Berendt nannte Jazz einmal die totale Musik. Viele Spieler bezeichnen ihn als universelle Kommunikationsform und Ausdrucksmittel der Freiheit. Und diese eigentlich noch junge Kunstform entsteht nicht im Nirgendwo sondern zumeist in energiegeladenen Metropolen. Denkt man an die Städte des Jazz, fallen einem New Orleans, Chicago und New York ein, dann vielleicht Paris oder Los Angeles. Aber Berlin, ist Berlin eine Jazzstadt?

Sehr wohl, und das seit bald 100 Jahren! Im Januar 1920 nahm hier die Original Excentric Band den „Tiger Rag“ auf, es war die erste in Deutschland produzierte Jazzplatte überhaupt. Zwischen Ku’damm und Friedrichstraße feierten damals die Berliner zu den neuen Rhythmen. Jazz erfüllte in den Goldenen Zwanzigern die Funktion, die heute Techno übernommen hat. Es war die Nacht- und Clubmusik zu der man tanzte, liebte und Drogen nahm. Die Musiker kamen aus aller Welt, so wie die DJs heutzutage auch. Die Nazis machten ab 1933 mit dem bunten Treiben Schluss und verboten den als „entartete Musik“ verfemten Swing.

Nach Kriegsende brach das Jazzfieber in Berlin erneut aus. Die amerikanischen Soldaten jammten in den Alliiertenclubs und AFN und RIAS sendeten Bebop, Hardbop und Cool. Dem Sound der freien Welt lauschte man auf beiden Seiten der Mauer. Im Westen haute Wolfgang Neuss auf seine Trommel, es entstanden die ersten Clubs, Kombos und Bigbands formten sich und 1964 gründete Berendt die Berliner Jazztage, die bis heute als Jazzfest Berlin fortexistieren. Auch im Ostteil der Stadt gedieh das Genre. Da es meist ohne Texte auskam, hatte die SED-Zensur an der Musik von Manfred Schulze, Günter Fischer und Uschi Brüning wenig auszusetzen. So ist die Geschichte des Jazz in Berlin auch eine Geschichte der geteilten Stadt.

„Berlin ist das Drehkreuz zwischen Ost und West und der Ort, wo sich Musiker aus beiden Teilen der Stadt aber auch des Landes begegneten“, sagt Louis Rastig. Der 30-jährige Pianist und Organisator des Festivals A l’arme ist Sohn des Posaunisten Conrad Bauer, einer der bedeutendsten Jazzmusiker der DDR.
Nach der Wende ordnete sich auch der Jazz in Berlin neu, es entstand ein vielschichtiges Gewebe aus etablierten Clubs wie A-Trane und Quasimodo in Charlottenburg, Junction Bar in Kreuzberg und den auf traditionelle Spielarten ausgelegten Institutionen Yorckschlösschen in der Yorckstraße und Kleine Weltlaterne in Wilmersdorf. Im Osten kamen mit Jazzkeller 69, Schlot und b-flat wichtige Orte hinzu. Dazwischen tauchten ungezählte Kunsträume, Galerien und Bars auf, die für eine gewisse Zeit dem Jazz, oft in seinen freieren und experimentelleren Formen, eine Plattform boten oder immer noch bieten. Das Sowieso und Spektrum in Neukölln, Madame Claude und exploratorium in Kreuzberg und neuerdings der Zig Zag Jazzclub in Schöneberg oder das Silent Green in Wedding. Über der Clubszene schwebt das Jazzfest Berlin als etabliertes Festival mit großer Strahlkraft, das aber nicht immer Berliner Musikern eine Bühne bietet. Und auch traditionelle Festivals spielen eine Rolle, etwa das Köpenicker Blues & Jazzfestival „Jazz in Town“.

Zwischen Dixieland und Echtzeitmusik, zwischen Nische und staatstragenden Konzerten, in Berlin ist genug Platz für die vielfältigen Ausdrucksformen des Jazz.
„Berlin ist im Zuge der Globalisierung zu einer international Musikmetropole gewachsen. Es stimmt, dass die freie Musik, die Neue Musik, die improvisierte Musik, und, auch wenn der Begriff überstrapaziert ist, die Avantgarde in Berlin kulminiert. Weil so viele internationale Akteure hierher ziehen“, sagt Rastig. Es ist fast so, als würde die Stadt zu ihren Jazzwurzeln der 1920er zurückkehren, auch wenn heute andere Sounds die Clubs dominieren. Trotz der Vielfalt der Szene stellte Rastig vor einigen Jahren fest, dass ihm ein größeres Festival, das dieser Entwicklung Rechnung trägt, gefallen würde. „Ich habe mit großen Augen nach Moers geschielt und so etwas wollte ich auch in Berlin haben. Das war das Vorbild für A l’arme. Es geht um das Wesen der Improvisation im interdisziplinären Zusammenhang. Das beinhaltet auch genreübergreifende Maßnahmen“, erklärt er und verweist auf die Bedeutung des Radialsystem V als Heimstätte für freie Spielarten.

Auf der anderen Seite schlug eine Gruppe von Veranstaltern und Musikern um den Berliner Trompeter Sebastian Studnitzky mit dem XJazz-Festival eine Brücke zur Clubkultur. Mit einem Programm aus Jazz, Elektronik und Neo-Klassik in Clubs rund um das Schlesische Tor zog das erfolgreiche Projekt ein junges, hippes Publikum an, das man bislang eher im Tresor oder Watergate vermutet hätte. Jazz rückte dadurch in Berlin wieder etwas mehr in die Öffentlichkeit.

Schließlich konzipierte 100 Jahre nach dem „Tiger Rag“ Berlins wohl bekanntester Jazzer, der Trompeter Till Brönner, die Idee des „House of Jazz“ – einer mit viel Geld ausgestatteten Leuchtturm-Institution, die sich um Lehre, Vermittlung und Aufführung von Jazz in Berlin kümmern sollte. Als Ort war die Alte Münze in Mitte vorgesehen. Seit Ende 2016 lodert die Diskussion. Kultursenator Klaus Lederer zeigte sich wenig begeistert und plädierte für ein „Haus der Basiskultur“, womit er das von seinem Vorgänger Tim Renner initiierte Vorhaben praktisch kippte. Teile der Berliner Szene fühlten sich ohnehin ausgeschlossen und kürzlich haben sich Kulturpolitiker aus Weimar gemeldet und Interesse gezeigt, das „House of Jazz“ in die Stadt von Goethe zu holen. Berlin wird das nicht schaden. Auch ohne eine zentralen Einrichtung für das Genre ist Jazz in Berlin nicht tot, ganz im Gegenteil!

A L’ARME! Festival VOL. V, 2 — 5 August 2017 Berlin

Mehr über Cookies erfahren