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Die Urania will sich neu erfinden – Gespräch mit dem Direktor Ulrich Weigand

„Ich möchte auch Stadtaktivisten einladen“ – Der Kommunikationswissenschaftler Ulrich Weigand ist der neue Direktor der Urania – und der erste ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund. Er soll die Traditionsinstitution stärker in Berlin vernetzen und verjüngen

Foto: Hanna Becker

tip Herr Weigand, Urania ist die Muse der Sternenkunde in der griechischen Mythologie. Das ist ganz schön weit weg vom heutigen Allgemeinwissen.
Ulrich Weigand Deshalb haben wir die Urania in Urania Berlin umbenannt, samt neuem Logo. Wir wollen uns ganz deutlich in der Stadt verorten. Berlin ist räumlich, aber auch inhaltlich, unser Bezugspunkt.

tip Die Urania ist 130 Jahre alt. Sie sind seit drei Monaten neuer Direktor. Warum wird die Traditionsinstitution noch gebraucht?
Ulrich Weigand Die Urania bietet Orientierung und zeigt in einer Zeit der wirklich krassen gesellschaftlichen Veränderungen, welches die wichtigen Themen und Perspektiven für die Menschen in dieser Stadt sind: Wohnungsnot, die wachsende Stadt, der starke Zuzug von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, fehlende Ressourcen, Digitalisierung, Mobilität. Da lastet sehr viel Druck auf den Bürgern dieser Stadt. Viele sind verunsichert. Deshalb brauchen sie Orte, an denen sie diesem Druck Luft machen, aber auch neue Lösungen für die ganzen Veränderungen finden können. Und das kann nicht allein Aufgabe der Politik sein.

tip Was kann dabei die Rolle der Urania sein?
Ulrich Weigand Wir haben hier seit vielen Jahren die erfolgreiche Reihe „Stadt im Gespräch – Berlin im Wandel“. Diesen Bereich stärken wir ab September mit dem Jahresthema „Vision findet Stadt“ für 2018/2019. Die Menschen sollen sich künftig zu unterschiedlichen Themen in der Stadt aktiv einbringen können. Wir wollen über die bloße Vermittlung hinausgehen: die Urania als Impulsort, als Ort der Vernetzung.

tip Soziale Medien werden immer wichtiger als Informationsquellen, erleichtern aber die Verbreitung von Fake News. Dadurch verändert sich Wissen.
Ulrich Weigand Ja, bei den Medien gibt es im digitalen Bereich oft ein Problem mit Absendern, Fakten, Realität und Wahn. Und da sind wir als Urania ein glaubwürdiger Ort. Wir sagen, es braucht solche echten Orte der Auseinandersetzung. Sie können durch das Internet nicht ersetzt werden. Gerade junge Menschen holen sich ihre Informationen aus dem Netz, wenn sie Zusammenhänge verstehen wollen, und sind oft nicht so erfahren darin, die Quellen zu prüfen.

tip Wie wollen Sie junge Menschen erreichen?
Ulrich Weigand Da brauchen wir die richtigen Formate. Wenn wir hier einen Science Slam machen, dann kommen auch die jungen Leute, denn diese Vermittler sprechen ihre Sprache. Ein anderes Beispiel: Wir werden weiterhin mit dem Ich-kann-nicht-singen-Chor zusammenarbeiten. Auch wenn Sie noch nie vorher in einem Chor waren, können Sie innerhalb von zwei Stunden ein Stück zur Aufführung bringen. Das ist ein unheimlich emotionales Gemeinschaftserlebnis.

tip Und das klassische Publikum der Urania?
Ulrich Weigand Wir konnten Gregor Gysi gewinnen, zum Thema Europa eine Reihe zu machen, ab Frühjahr wird er prominente Europa-Politiker in der Urania zum Gespräch treffen. Wir hoffen, dass wir dadurch die Europa-Müdigkeit ein Stück weit aufbrechen können. Dann haben wir ein neues Format mit Klaus Wowereit entwickeln können. Gemeinsam mit der Schauspielerin Pegah Ferydoni und unterschiedlichen Gästen wird er Themen aus Kultur und Gesellschaft in einem Salon behandeln. Ein drittes Thema ist Demokratie, auch hierzu wird es eine neue Veranstaltungsreihe geben.

tip Ihr Vorgänger Ulrich Bleyer war Physiker, ein klassischer Naturwissenschaftler. Sie sind Kommunikationswissenschaftler. Ist das ein Paradigmenwechsel?
Ulrich Weigand In jedem Fall ist hier eine grundsätzliche Entscheidung vom Vorstand der Urania getroffen worden. Nach 130 Jahren, in denen immer Menschen mit einer klassischen Wissenschaftskarriere dieses Haus geleitet haben, bin ich der erste Direktor, der aus dem Bereich der Kommunikation kommt. Hintergrund ist, dass der Vorstand gesagt hat, die Urania muss, um in dieser Stadt in Zukunft agieren zu können, sehr stark kommunizieren und sich auch vernetzten. Diesen beiden Aufgaben wurde eine sehr hohe Bedeutung bei der Entwicklung eines Profils für die Nachfolge beigemessen. Das Haus ist, was die Wissenschaft und Forschung angeht, sehr gut aufgestellt. Aber es ist noch nicht so sehr im neuen Berlin zu Hause, wie es wünschenswert wäre. Und jetzt kommen noch neue Akteure hinzu: das Futurium, das Haus der Zukunft des Bildungsministeriums am Hauptbahnhof, und das Humboldt Forum wird eröffnet.

tip Tatsächlich ist das Image der Urania ganz schön angestaubt. Nach dem Mauerfall hat sich Berlin rasant verändert, die Urania nicht. Was wollen Sie tun?
Ulrich Weigand Das hat zwei Facetten. Wir sitzen hier gerade auf Thonet-Stühlen von 1962. In dem Jahr wurde die Urania an diesem Ort wiedereröffnet. Teile der Original-Ausstattung sind noch da. Gleiches gilt für die Veranstaltungsformate. Das Format Vortrag ist ein ganz klassisches, das ich nach wie vor für sehr aktuell halte. Ich möchte aber, und das würde ich unter Auffrischung verstehen, die Urania gegenüber der Vielfalt der Berliner Stadtgesellschaft stärker öffnen. Beispielsweise wollen wir im kommenden Frühjahr ein Urban-Gardening-Projekt realisieren. Wenn Sie aus dem Fenster schauen: Die Urania hat einen Parkplatz mit 60 Stellplätzen. Dort wollen wir in Zusammenarbeit mit erfahrenen Partnern ein partizipatives Gartenprojekt entwickeln.

tip Das ist hier eine windige, nicht sehr wohnliche Ecke. Wer soll da mitmachen?
Ulrich Weigand Wir werden Menschen, die in die Urania kommen und um die Urania herum leben und arbeiten, fragen: Was braucht ihr eigentlich? Der Garten soll an diese Ecke mehr Aufenthaltsqualität bringen. Und wir haben direkt angrenzend Flüchtlingswohnheime, da sind Familien mit kleinen Kindern, die spielen hier auf der Straße neben der Urania. Ich kann für diese Familien nicht automatisch ein vielsprachiges Programm anbieten, aber zumindest mit dem Gartenprojekt Nähe herstellen.

tip Kommen noch klassische Wissenschaftler in die Urania?
Ulrich Weigand Natürlich wird es weiter Vorträge von hochklassigen Wissenschaftlern geben, darunter auch Nobelpreisträger, denn die Urania hat ein hervorragendes Netzwerk. Doch für mich steht nicht die Wissenschaft, sondern die Wissensvermittlung im Vordergrund. Ich möchte auch Stadtaktivisten wie Van Bo Le-Mentzel und Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit geben, hier ihre Erfahrungen einzubringen. Für mich ist die Urania eine Kulturinstitution.

Urania Berlin An der Urania 17, Schöneberg Saisonauftakt mit „Urania Open House“: So 2.9,. 12–20 Uhr, Eintritt frei; Science Slam „Wettbewerb der Wissenschaften“: Mo 3.9., 19.30 Uhr, Tickets: 7,60 €

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