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Die ­Veränderer im Wedding

Die ­Veränderer im Wedding

Beim „Brotback- und Aufstrichkollektiv“ hakt es. Das frisch gebackene Brot muss zeitnah ausgeliefert werden. „Was soll ich denn machen, wenn einer mal nicht zu Hause ist?“, fragt eine Frau aus dem Kollektiv, sie heißt Signe. „Es an die Türklinke hängen?“ – „Ja, ­warum nicht?“, wirft Julian ­Gröger ein, „wenn man seine Nachbarn kennt, kommt doch eigentlich nichts weg im Treppenhaus.“
Wedding, Afrikanisches Viertel. In Signes Wohnzimmer treffen sich an diesem frühen Abend die Weddingwandler – Slogan: „Für mehr Nachbarschaft und enkeltaugliches Leben“ – zur wöchentlichen Gesprächsrunde. Julian Gröger, der Gründer der Initiative, moderiert die Runde. Seit eineinhalb Jahren gibt es die Gruppe, sie hat gut ein Dutzend feste Mitglieder. Was als Nachbarschafts­treffen mit Einladungen der Hausgemeinschaft zu Film­abenden und Strom-Wechsel-Partys begann, wächst mittlerweile zu einer kleinen Bürgerinitiative, die gemeinsam Projekte zur Lebensumfeldverbesserung entwickelt. Inspiriert wird ihre Arbeit durch Rob Hopkins, einen britischen Dozenten und Umweltaktivisten, der die Transition-Town-Bewegung begründete und den Wandel von der ökonomisch ausgerichteten zur sozial­ethischen Gesellschaft erst dann für möglich hält, wenn die Menschen näher zusammenrücken.
„Wir müssen uns erst einmal wieder kennenlernen, Nachbarschaft aufbauen“, sagt Gröger. Der Kulturwissenschaftler und Umweltmanager lebt in einer Wohngemeinschaft. „In den meisten Großstädten wissen die Leute doch nicht einmal, wer über oder unter ihnen wohnt. Das wollen wir ändern.“ Beim Wohnzimmertreffen geht es um die Arbeit der einzelnen Fokusgruppen, in die sich die Mitstreiter nach ihren Stärken und Interessen aufgeteilt haben. Das „Brotback- und Aufstrichkollektiv“ versorgt im wöchentlichen Wechsel alle Beteiligten mit Selbstgebackenem und vegetarischen Aufstrichen. Die Gruppe „Garten & Ernährung“ bepflanzt gemeinsam Baumscheiben und begrünt Brachen im Kiez. Und „Mobilität & Verkehr“ unterstützt alle, die vom Auto aufs Rad umsteigen wollen. „Denn darum geht es auch in einer funktionierenden Nachbarschaft“, sagt Gröger, „den gegenseitigen Nutzen zu entdecken. Interagieren zu können. Von Hopkins können wir lernen, welche Möglichkeiten es gibt. Was sich aber für Berlin eignet, müssen wir selbst herausfinden.
Dass gelebte Nachbarschaft aber nur durch Nähe entstehen kann, wissen auch die Wedding­wandler. Deshalb können ausschließlich Weddinger ihrer Gruppe beitreten. Allen anderen bleibt jedoch die Möglichkeit, sich bei einem ihrer Treffen anzugucken, wie man mit ein wenig Engagement vom Nachbarn zum Freund werden kann.

Text: Dina Herrler

Foto: Hannes Kutza

Mehr Informationen zum Weddingwandler siehe auch www.weddingwandler.de

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