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„Die wollen die Spiele nicht“ von Erik Heier

Erik Heier
Ich will die Spiele. Wirklich, ich mag Olympia. Diese Meinung ist in der tip-Redaktion, und das sage ich mit aller Vorsicht, derzeit nicht gerade mehrheits­fähig. Aber ich stehe dazu. An Realitäts­verlust ist auch nicht alles schlecht. Ich ?kann damit zum Beispiel wunderbar dieses kollektiv unsympathische IOC ausblenden. Ich freue mich auch immer noch über die letzte Fußballweltmeisterschaft und halte trotzdem Sepp Blatter für eine höchst unerquickliche Person der Zeitgeschichte. Ja, ich will die Spiele in Berlin 2024. Oder 2028. Mir doch egal. Ein Fest des Sports ?ist ein Fest, wo ich gern dabei bin. Oder besser: wäre. In der letzten Februarwoche misst Forsa in den deutschen Bewerberstädten repräsentativ die Zustimmung der Bevölkerung. Danach entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund, wen er ?ins Rennen schickt: Berlin oder Hamburg. „Wir wollen die Spiele“, so der Claim der Berliner Bewerbung. Es ist der größte Witz des jungen Jahres. Die können diesen Satz  doch einfach nicht ernst meinen. Niemand, der noch einigermaßen bei Trost ist, um die Bedeutung der Forsa-Umfrage weiß und die bisherigen Meinungs­umfragen kennt, würde mit dem Kampagnenstart so lange warten, bis kein Monat mehr für die – seit einem halben Jahr nicht zu entfachende – Olympiabegeisterung der Berliner bleibt. Diese ganze Öffentlichkeitskampagne sieht aus, als habe jemand dafür irgendwo den Axel Nawrocki ausgegraben. Den Mann, der die letzte Bewerbung versenkte. Da schicken ?sie den bedauernswerten Michael Müller im Morgengrauen raus in die Winterkälte, wo der bibbernde Regierende Bürgermeister mutterseelenallein das Brandenburger Tor bunt illuminieren musste. Kamerabilder des Grauens! Zur Olympia-Debatte im Abgeordnetenhaus werden Senatoren mitten in ?der Sitzung zum Anstecken der Olympia-­Buttons verdonnert. Die reinste Satire. ?Der erste Song unter dem „Wir wollen die Spiele“-Logo ist ein erschütternd schlichtes HipHop-Ständchen von zwei netten Berlinern, die sich Kaempferherz nennen. Ich habe ja einen Verdacht. Die meisten Verantwortlichen wissen: Sie haben es längst versemmelt. Vielleicht ist ihnen diese Bewerbung über den Kopf ge­wachsen. Wie der BER-Flughafen, die Staatsoper, alles. Jetzt müssen sie irgendwie aus der Nummer raus kommen. Augen zu und durch. Die wollen die Spiele nicht. Schade darum.

Erstes Stadtöffentliches Bürgerforum:
„Olympische und Paralympische Spiele 2024 – Was will Berlin?“
E-Werk, Wilhelmstraße 43, Mitte, Do 12.2., 18-21 Uhr

Anmeldung unter www.was-will-berlin.de ist wegen großer Nachfrage (bei nur 350 Plätzen) bereits nicht mehr möglich, ab 17.30 Uhr liegt vor Ort eine Warteliste für eventuell frei bleibende Plätze aus.

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