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Andreas Nachama über die Topographie des Terrors

Topographietip Herr Nachama, nach 17 Jahren ist das ?Dokumentationszentrum der Topographie des Terrors endlich gebaut. Mit welchem Gefühl sehen Sie der Eröffnung entgegen?
Andreas Nachama Mit Erleichterung. Wenn man über so eine lange Zeit hinweg an einem Projekt arbeitet, dann will man es auch irgendwann fertig haben.

tip Wie haben Sie so lange durchgehalten?
Nachama Wir hatten die Open-Air-Ausstellung, ohne diese Möglichkeit der Präsentation wäre es sicher sehr schwer gewesen. Doch so gab es in diesem Bauchaos eine gewisse Normalität der Arbeit, und es hat sogar Spaß gemacht, die Provisorien zu bespielen. Bis zu einem gewissen Punkt. Manche Tage waren ganz unglücklich, wenn ein Sturm die Hälfte der Ausstellung umgelegt hatte, oder jetzt in diesem Winter, als der Winterdienst nicht mehr durchgekommen ist und wir für Stunden schließen mussten.

tip Wie gefällt Ihnen das neue Haus?
Nachama Sehr gut. Es ist so geworden, wie die Stiftung es immer haben wollte, ein pavillonähnliches Gebäude, das durch viel Glas den Blick aufs Gelände, auf das wichtigste Exponat, von fast allen Punkten aus freigibt. Und es ist sehr gut gelungen, auch das Verdrängen der Geschichte als ein Stück dieses Exponats zu zeigen. Wir konnten das Robinienwäldchen und Spuren des Autodroms, das sich zwischenzeitlich hier befand, erhalten, so dass die drei Schichten des Geländes, also die Reste der nationalsozialistischen Terrorzentralen, das Dokumentationszentrum und die Phase, als man Gras über die Geschichte wachsen ließ, gut ablesbar sind.

tip Der Außenbereich ist mit sehr viel Schotter gestaltet worden.
Nachama Die Außengestaltung war Teil des Wettbewerbs. Der Stein ist Grauwacke, da wird noch ein bisschen Grün durchwachsen, es bleibt nicht ganz so hermetisch wie jetzt.

tip Welche neuen Möglichkeiten haben Sie jetzt mit dem Dokumentationszentrum?
Nachama Die offene Wunde ist nun eine offene Narbe. Es ist gesetzt, wie das Gelände aussieht, man wird aber trotzdem stutzig, denn das ist kein lieblicher Stadtpark und wird auch keiner. Wir können Medien einsetzen, Stationen des Geländerundgangs markieren, es gibt Seminarräume, die Bibliothek am Ort. Die ständige Ausstellung konzentriert sich auf den NS-Terror und erzählt nicht mehr so viel über den Ort, weil die Ortsgeschichte durch den Geländerundgang mit 15 Stationen erläutert wird.

tip Sie haben 500.000 Besucher im Jahr, das sind sehr viele.
Nachama Wer nach Berlin kommt, der weiß, dass Berlin Hauptstadt des Dritten Reichs war, und die Leute begreifen die Topographie des Terrors als Chance, etwas über die Terrorzentralen des Dritten Reichs zu erfahren. Viele kommen vom Reichstagsgebäude über das Brandenburger Tor und das Mahnmal hierher und gehen dann weiter zum Checkpoint Charlie und zum Jüdischen Museum. Diese Geschichtsmeile funktioniert sehr gut.

tip Die Topographie des Terrors ist ein Lernort. Was ist der Auftrag?
Nachama Wir befinden uns an einem Ort der Täter, keiner Gedenkstätte. Hier muss man nicht mit gebeugtem Haupt eintreten. Man erfährt, wer die Täter waren, zum größten Teil Juristen, also gut ausgebildete Leute, die genau wussten, was sie taten. Der NS-Staat bekämpfte zum einen seine politischen Gegner, zum anderen mit rassistischen Motiven Juden, Sinti und Roma und andere. Das heißt, der ?NS-Terror richtete sich gegen die Grundlage unserer westlichen Zivilisation: Vor dem ?Gesetz sind alle gleich. So war in letzter Konsequenz jeder bedroht. An diesem historischen Ort lernt man, wie fragil Demokratie ist, und wie wichtig es ist, unsere demokratischen Standards und Menschenrechte beizubehalten.

Interview: Stefanie Dörre

Topographie des Terrors ?Niederkirchnerstraße 8, Kreuzberg, ?ab 7.5. tgl. 10–20 Uhr, Eintritt frei, ?www.topograhie.de

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