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Bundestagswahl 2017

„Die Wut ist immer da“ – Gespräch mit dem Kanzlerkandidaten der PARTEI Serdar Somuncu

Der Komiker und Kanzlerkandidat der Spaßpartei Die PARTEI Serdar Somuncu über den ersten „Kançler“-Arbeitstag, einen Volksbühnen-Minister und die „larmoyante Arroganz“ anderer Parteien

Foto: Michael Palm

tip Herr Somuncu, in Nürnberg hat Die PARTEI für den Wahltag per Facebook zur Machtübernahme geladen. Meinen Sie das ernst? Oder wurde das PARTEI-Profil gekapert?
Serdar Somuncu Nein, das ist unser Ziel. Ich freue mich, dass die Genossen in Nürnberg das publiziert haben.

tip Wie sieht Ihr erster Kançler-Arbeitstag aus?
Serdar Somuncu Er ist als großes Besäufnis geplant. Es gibt, sofort nachdem ich die Macht ergriffen habe, einen Sonneborn-Putsch. Der wird niedergeschlagen und Martin Sonneborn wird auf einer Insel im Chiemsee mit einem Ladycolt seinem erbärmlichen Leben ein Ende bereiten. Danach wird das Kabinett ernannt und gleich wieder abgeschafft, weil ich per Ermächtigung der Einzige bin, der was zu sagen hat.

tip Man kennt Ihre Wutausbrüche von der Bühne oder der „Heute-Show“. Ich habe ein bisschen Angst vor Ihrer ersten Neujahrsansprache.
Serdar Somuncu Müssen Sie auch. Die Wut ist permanent da. Ich halte mich nur aus Gefälligkeit zurück. Wir wollen noch andere Kreise erreichen. Gerade Wähler der Grauen tun sich schwer damit, wenn man sie anschreit. Ich bin aber jederzeit in der Lage, hart und unerbittlich zuzuschlagen.

tip Die tip-Redaktion sitzt in Kreuzberg, Sie selbst kandieren hier. Wir hatten uns schon auf Ihren Haustürwahlkampf gefreut.
Serdar Somuncu Das gibt’s bei uns nicht. Wir dienen uns unseren Wählern nicht an.

tip Sie müssten aber nach dem Wahlsieg aus Köln ins verlotterte Berlin ziehen?
Serdar Somuncu Wer sagt das? Ich habe mehrere Führerhauptquartiere zur Verfügung. Gelegentlich bin ich in Köln, oft auch in Berlin, gerne auch in Berchtesgaden. Hauptsache, die Menschen kommen, wenn ich sie brauche: in der Wahlkabine.

tip Angeblich soll Uwe Boll ihr Außenminister werden, der Regisseur und Hobbyboxer.
Serdar Somuncu Kenne ich nicht, interessiert mich nicht. Haben Sie noch mehr Namen?

tip Was ist mit Helge Schneider? Eigentlich war der doch mal als Außenminister angekündigt.
Serdar Somuncu Der darf nicht. Seine Frau hat ihm das verboten. Kann ich auch verstehen. Warum soll man Außenminister werden in einer Regierung, die eigentlich nur von einem geführt wird?

tip Jürgen Kuttner wird Minister für Volksbühne-am-Rosa-Luxemburg-Platz-Angelegenheiten?
Serdar Somuncu Jürgen Kuttner zeichnet sich durch ein hohes Maß an Kompetenz aus. Und nach dem Abgang von Frank Castorf brauchen wir jemanden, der das in geregelte Bahnen führt.

tip Ist der Komiker Jón Gnarr, der Bürgermeister von Reykjavik wurde, ein Vorbild?
Serdar Somuncu Kenne ich nicht, interessiert mich nicht.

tip Und der Italiener Beppe Grillo?
Serdar Somuncu Kenne ich, interessiert mich aber auch nicht. Sie fragen zu viel nach Leuten, die hier keine Rolle spielen! Sie sollten sich besser mit sich selbst befassen.

tip Was habe ich denn damit zu tun?
Serdar Somuncu Wir werden das Telegrafenministerium wieder einführen, um den Datenfluss der Nachrichten zu verzögern und aus diesem Tempowahn rauszukommen. Wollen Sie nach meiner Machtübernahme den Ministerposten haben? Das hängt aber ein bisschen von der Gefälligkeit Ihrer Berichterstattung ab.

tip Genug ernsthaft geredet. Was sagt es über den Zustand unserer Demokratie aus, wenn eine Satire-Partei den besten Wahlkampf hinlegt? Gerade hat die PARTEI den größten Coup gelandet – und 31 AfD-Facebookgruppen gekapert.
Serdar Somuncu Wir können ja nichts dafür, dass wir Satire-Partei genannt werden. Wir haben ein ernsthaftes Anliegen, nämlich neue Farbe in dieses ganze Spiel zu bringen. Und dass das zur Zeit die Satire zu sein scheint, sehen Sie daran, dass auch viele Politiker am Rande des Unglaubwürdigen agieren. Insofern ist das, was wir machen, richtungsweisend.

tip Die anderen Parteien nehmen DIE PARTEI allmählich auch ernst. Der Ton wird rauer.
Serdar Somuncu Die sehen ihre Felle wegschwimmen. Deswegen neigen sie jetzt zur larmoyanten Arroganz. Gerade in meinem Wahlbezirk sieht man es ja bei den Grünen, dass selbst der verzweifelte Versuch, einen Disput zu inszenieren, bei den Wählern nicht gut ankommt.

tip Junge Leute informieren sich zunehmend bei Satire-Sendungen wie der „Heute-Show“, nicht bei der „Tagesschau“. Freut Sie das oder macht es Ihnen Sorgen?
Serdar Somuncu Beides. Ich glaube, dass es kein gutes Omen für eine Demokratie ist, dass Menschen sich mittlerweile an Inhalten ausrichten, die klar ironisch, manchmal auch persiflierend gemeint sind und immer weiter weggehen von dem, was ernst gemeint sein müsste. Nämlich von den Programmen der politischen Parteien. Da müssten Sie die FDP oder die Grünen fragen, warum die seit Jahren verpasst haben, gerade diese jungen Wähler zu erreichen.

tip Angenommen, Sie ziehen tatsächlich in den Bundestag ein: Mit welchen Erwartungen sehen Sie sich dort konfrontiert?
Serdar Somuncu Martin Sonneborn hält im EU-Parlament die am meisten beachteten Reden, er thematisiert die Steuerfreiheit von Apple in einem Tonfall, der sogar witzig ist. Es ist ein nachdenkenswerter Aspekt, ob nicht auch im Bundestag Menschen sitzen können, die das Geschehen aus einer anderen Perspektive betrachten.

tip Sie sind Kanzlerkandidat, wurden aber trotzdem nicht zum Merkel-Schulz-TV-Duell eingeladen. Sind Sie darüber sauer?
Serdar Somuncu Nein. Ich wäre dort ausgerastet und auf den Tisch gestiegen. Aber nicht wegen meiner Kontrahenten, sondern wegen der dummen Fragen von Claus Strunz.

Die Partei
Die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“, kurz: Die PARTEI, wurde 2004 von Redakteuren des Magazins „Titanic“ gegründet. Seit 2014 sitzt Martin Sonneborn für sie im Europaparlament. Bei der Bundestagswahl am 24. September will der Spitzenkandidat, der Kabarettist Serdar Somuncu, der erste ­türkischstämmige ­„Kançler“ werden. Er tritt als Direktkandidat in einem der umkämpfsten Berliner Wahlkreise an: in Friedrichshain-Kreuzberg.

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