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Die Zofen an der Volksbühne

Die_Zofen_Thomas_AurinDie bizarre Beziehungsgeschichte zwischen einer bourgeoisen Gnädigen Frau und ihren zwei Kammerkätzchen wird hier von einem bravourösen Triumvirat getragen. Das schwesterliche Domestikenpaar Solange und Claire spielen die endlich wieder einmal von einem Regisseur geforderte Sophie Rois und die immer für eine Überraschung gute Caroline Peters, beide an der Volksbühne wie am Wiener Burgtheater tätig. Für die Rolle der Gnädigsten konnte Edith Clever, eine legendäre Heroine der alten Schaubühne, gewonnen werden. In der behutsamen, klaren und wirkungsvollen Regie von Luc Bondy ergeben diese drei freien Radikalen eine brillant funkelnde Mischung.
Der Bühnenbildner Bert Neumann stattete das ganz in Brauntönen gehaltene Schlafzimmer der reichen Madame mit einem samtigen Doppelcouchbett und einem riesigen begehbaren Kleiderschrank hinter getönten Spiegeln aus. Eine schmale Treppe führt hinauf zur Dachstube der Zofen, die es nicht weit haben, wenn sie in Abwesenheit ihrer Chefin deren Roben, Pelze, Perücken, Juwelen anlegen, deren Verhalten, Posen, Redeweisen imitieren und abwechselnd so tun, als wären sie nicht Hausmädchen, sondern die von ihnen mit grimmiger Hassliebe verfolgte Dame des Hauses.
Diese ist in Form eines überdimensionalen Wandfotos von Edith Clever aus Steins berühmter Inszenierung der „Drei Schwestern“ 1984 an der Schaubühne immer präsent. Sie scheint die um Dominanz und Demut kreisenden Spielereien ihrer Dienstbotinnen zu beobachten und nicht abgeneigt zu sein, manchmal auch mitzumachen. Edith Clever, dieses monstre sacrй erlesenster Theaterkunst, trippelt wie ein Die_Zofen_Thomas_Aurinkapriziöser Engel zum Tanz auf dem Sadomaso-Vulkan herein, bringt die schönste Unordnung durcheinander und lässt die Untergebenen trotz aller Konzilianz nie vergessen, wer hier die Hosen anhat. Sie gurrt und greint und klagt und keift mit allen Facetten des verwöhnten Oberschichtweibchens, kriecht demonstrativ verzweifelt über den Boden, verschenkt mit falschem Pathos einen Pelzmantel und verlangt ihn natürlich ganz trocken bald wieder zurück. Wie wenig sie von dieser Welt ist, und wie weit sie über den Subalternen steht, teilt sie denen mit jedem Augenaufschlag mit.
Bei Sophie Rois und Caroline Peters dürfen sich die Zofen mit System und Spa in ihren den realen Herrschaftsverhältnissen nachempfundenen Zeremonien verrechnen, jedoch schimmert durch alle absurden Koketterien stets eine unberechenbare Gefährlichkeit und ein fernes Aufglühen von blutiger Revolte durch. Mit Gummihandschuhen und tristem Singsang die eine, mit geziertem Getue und gestohlenem Rouge die andere, transzendieren sie – desinteressiert an Politik, aber verständig für die Arroganz der Macht und Unterwerfungsrituale jedweder Art – ihre reale Situation als gedemütigte Angehörige der Unterschicht. Die Zofe Solange wird bei Sophie Rois eine gebückte, heimtückische, reichlich beschränkte Unperson mit vor Wut geballten Fäusten in der geblümten Kittelschürze. Caroline Peters als Claire hingegen kichert sich die grotesk überspannte Parodie einer großbürgerlichen Domina zurecht, die von der Höhe ihrer lackledernen High Heels das Personal aus reinem Hochmut quält.
Haltlos küssen, würgen, schützen und verraten diese „Ungeheuer“ (Genet) einander. Aber wie hinreißend fies und virtuos abgründig ist das polymorph perverse Dreimäderlhaus anzusehen!

Text:
Irene Bazinger
Fotos: Thomas Aurin

Die Zofen
Volksbühne,
Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte,
So 5., So 12., Mi 15.10., 19.30 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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