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Die Zukunft des Wohnens: Minihäuser

Klein aber oho: Nichts weniger als die Zukunft völlig neu gestalten wollen ein paar Querdenker seit Mitte März auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs. Ihre Ausgangspunkte sind winzige Häuschen

Tinyhouses vom Architekten Van Bo Le-Mentzel

Sessel, Schränke, Wasch- und Spülmaschine und natürlich Kleinkram ohne Ende: Wer wie Jean-Pierre Jacobi in der Speditionsbranche arbeitet, erlebt Menschen von einer intimen Seite. „Viele Leute stehen vor ihren Umzugskisten und staunen, wie viel Kram sie haben“, sagt Jacobi. „Viele der Sachen sind jahrelang nicht benutzt worden. Von manchem wussten die Besitzern oft nicht einmal, dass es noch vorhanden war.“ Kein Wunder, wenn angesichts übervoller Umzugskisten bei Auftraggebern mitunter Rat- oder gar Fassungslosigkeit herrscht: Ist das noch das Leben, das man führen wollte? So beschwert von überflüssigem Zeug?
Jean-Pierre Jacobi gehört zu den Teilnehmern, die im Gartenhof des Bauhaus-Archives sukzessive bis zu 20 Tiny houses – winzige Häuser – aufstellen wollen: Wohn-, Arbeits-, Diskussions- oder Bildungsräume auf jeweils nur wenigen Quadratmetern: der Bauhaus Campus. Die – meist mobilen – Tiny houses stehen nicht nur für einen neuen Minimalismus, der den unkritischen Verbrauch von Ressourcen und die Anhäufung von Konsumgütern in Frage stellt. Ihre Initiatoren suchen häufig auch in weiteren Lebensbereichen nach Alternativen. Das „Café Grundeinkommen“ etwa soll vor Ort nicht nur Treffpunkt sein, sondern auch „als Hub für das Basic Income Berlin“ dienen, „in dem das Konzept des Grundeinkommens anhand einer eigenen Währung und eines eigenen Warenkreislaufs vorgestellt wird“, wie es in einer Presseerklärung heißt. Die Initiatoren Ronit Cory, Martin Köppelmann und Ed Murphy planen für den Bauhaus Campus eine eigene, digitale Währung. „Circles“ heißen die virtuellen Moneten, die Kreisläufe in Schwung und Menschen in würdevolle Lebensumstände bringen sollen.
Um Würde geht es auch Van Bo Le-Mentzel, einem der Initiatoren des Bauhaus Campus. Sein „100 Euro Wohnung“-Tiny house sorgte bereits ab Ende 2016 für überregionale Aufmerksamkeit und soll daran erinnern, dass jeder Mensch Anspruch auf bezahlbaren Wohnraum hat. Dem studierten Architekten Le-Mentzel schweben als Fortführung seiner Idee mehrstöckige „CoBeing“-Häuser vor, in denen Wohnraum verändert werden kann und Platz für Gemeinschaft statt großstädtischer Vereinsamung bleibt.
Trotzdem ist das Thema Wohnen auch für Le-Mentzel nur ein Aspekt von vielen. Die Zusammenkunft der unterschiedlichen Aktivisten will er vielmehr als Labor verstanden wissen, in dem experimentell nach Zukunftsperspektiven für Mensch und Natur in einer sich stark verändernden Welt gesucht wird. Im Tiny house „New Work Studio“ beschäftigt man sich so mit niedrigschwelliger,  chancengerechter Bildung etwa über zertifizierte, kostenlose Online-Kurse, sowie damit, wie und wo Arbeit im digitalen Zeitalter künftig stattfinden kann. Und im „House of Tiny Systems“ geht es um autarke Grauwasseraufbereitung. Der Bauhaus Campus „passt zum historischen Bauhaus als schulische Institution, in der bereits vor 100 Jahren neu über soziale Fragen des Wohnens nachgedacht wurde“, sagt Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus-Archives. Nach Beendigung des Projekts am 9.März 2018 wird das Museum für Gestaltung übrigens saniert und baulich deutlich erweitert.

Bauhaus Campus Gartenhof des Bauchaus-Archives, Klingelhöferstr. 14, Tiergarten, Führung: Mo 15 Uhr, Infos und Termine: www.bauhauscampus.berlin, www.facebook.com/tinyhouseuniversity

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