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Dokumentartheater über Kindersoldaten

KindersoldatenDer Dokumentartheater-Regisseur Hans-Werner Kroesinger macht es dem Publikum nicht unbedingt leicht. Kroesinger gibt sich keine Mühe, schöne, glatte, psychologisch eingängige Geschichten zu erzählen und die Welt in seinen Inszenierungen unkomplizierter zu machen, als sie ist, im Gegenteil. Egal ob er Stücke über islamische Selbstmord- Attentäter, die südafrikanische Wahrheitskommission, den Völkermord an den Armeniern oder den libanesischen Bürgerkrieg macht, immer sammelt er in seiner Recherche so viele Fakten, historische Detailaufnahmen und Protokolle, bis die scheinbar bekannten Vorgänge kompliziert, vielschichtig und widersprüchlich werden. Einfache Wahrheiten oder sentimentale Einfühlungsangebote sind in seinem Theater nicht zu haben, dafür genaue Blicke in die politisch-gesellschaftlichen Kampfzonen und eine spröde Nüchternheit, die oft erst mal Ratlosigkeit herstellt – also das beste Mittel, um das vorschnelle, klischeeselige Bescheidwissen und simple Weltbilder zu irritieren.

Jetzt hat Kroesinger zum zweiten Mal im Theater an der Parkaue ein Stück für Jugendliche inszeniert. Seiner unsentimentalen Erzählweise und seiner Beschäftigung mit politischer Gewalt ist er treu geblieben – in diesem Fall geht es um politische Gewalt der barbarischsten und gleichzeitig perfide rationalen Sorte. Kroesinger hat ein Stück über Kindersoldaten inszeniert, und wie immer lässt er Fakten sprechen. „Schätzungen zufolge sind allein in den letzten zehn Jahren mehr als zwei Millionen Kinder durch bewaffnete Konflikte ums Leben gekommen und weitere sechs Millionen zu Krüppeln gemacht worden“, erfahren wir. „Etwa 20 Millionen Kinder sind Vertriebene oder Flüchtlinge und weitere sind Opfer von Geiselnahme, Entführung oder Menschenhandel. Es wird davon ausgegangen, dass zu jedem Zeitpunkt mindestens 300.000 Kindersoldaten weltweit an Konflikten beteiligt sind.“ Statt das Grauen hilflos szenisch zu verdoppeln, stellt Kroesinger Distanz her: Wir sehen keine afrikanischen Kinder im Kampfeinsatz, sondern vier europäische Experten, vielleicht Mitarbeiter einer NGO, vielleicht Wissenschaftler oder Journalisten (eindrücklich und präzise: Birgit Berthold, Stefan Faupel, Corinna Mühle, Peter Priegmann). Zwischen Aktenordnern, Statistiken und Powerpoint-Projektionen sitzen sie an ihren nüchternen Bürotischen und untersuchen den Schrecken wie Fachleute eben über ihr Fachgebiet sprechen. „Wer Kriege führen will braucht Soldaten.“ Logisch „ Erwachsene Krieger kann sich Afrika nicht leisten. Das gefährlichste Massenvernichtungssystem ist der männliche Jugendliche ausgestattet mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr.“ Das sind die Fakten.

Gerade in dieser Nüchternheit entwickelt die Inszenierung einen Sog indem sie immer wieder von nacktem Zahlenmaterial zu Einzelgeschichten, von der Makro- zur Mikroperspektive wechselt. Zum Beispiel die Geschichte des ugandischen Kindersoldaten, der zusehen musste, wie seine zwei kleinen Brüder mit Stöcken totgeschlagen werden. Zum Beispiel die Geschichte zweier Mädchen aus Afrika, die sich darüber streiten, ob eine schwangere Frau einen männliche oder weiblichen Embryo im Leib trägt. Weil sie das wissen wollen, töten sie die Frau einfach, schneiden ihren Unterleib auf und schauen nach. Es ist, wie alles an diesem Abend, keine erfundene Geschichte.

Text: Peter Laudenbach

Ort & Termine: Theater an der Parkaue

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