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„Dorothy Iannone: This Sweetness Outside of Time“ in der Berlinischen Galerie

Alles dreht sich bei ihr um das eine: freie Liebe und Sexualität. Erotik, wohin das Auge blickt. Dorothy Iannones ornamentale Bilder sind voller runder Brüste und possierlicher Phalli. Dass sie geradezu putzig, ja scheinbar naiv wirken, liegt am überreichen Zierrat der narrativen Gemälde. Blumen, Rosetten, Herzen oder Sternchen bilden ein schmückendes Beiwerk für die dargestellten Königinnen der Sinnenlust.

Fast scheint es, als habe ein Blumenkind sich vorgenommen, uns, die Betrachter, zu verführen. All die attraktiven Muster und appetitlichen Ladys, die diese Sirene malt! Dazu kommen ihre erläuternden Worte auf der explosiven Farbenpracht, marginal platziert oder über das komplette Bild verteilt. „Love the Stranger“ heißt zum Beispiel eines von 1981. Es klingt fast wie ein Befehl.

Du sollst den Fremden lieben, das Unbekannte erforschen, der Künstlerin folgen! Mitten im bunten All-over ihrer labyrinthischen Bilderzählungen, in denen christliche, buddhistische und orientalische Einflüsse verschmelzen, dominiert meist eine Göttin (oder mehrere) das Figuren- und Ornamentknäuel. Ägyptisierender Kopfschmuck, Fußsohlen mit Augen, Kreuz oder Schlange – Symbole tauchen reichlich auf in ihrem komplexen Kosmos der entfesselten Liebe und des mystischen Erlebens. Paradiesische Gefilde werden heraufbeschworen, in denen alles mit allem eine Verbindung eingeht.

Die Künstlerin, deren überbordendes Werk nun in der Berlinischen Galerie vorgestellt wird, war auch im Leben kein Kind von Traurigkeit. Zunächst bereiste die Amerikanerin mit ihrem reichen Ehemann die Welt, bevor sie ihn für Dieter Roth verließ, dann liebte sie einen dänischen Pastor und andere. In „A Fluxus Essay and An Audacious Announcement“ berichtet Dorothy Iannone von Robert Filliou, Daniel Spoerri oder Ben Vautier: „Ich bin sie, welche nicht Fluxus ist. Ich bin sie, welcher viele Fluxus-Männer zugetan sind. Ich bin sie, welche diesen selben Männern zugetan ist.“

Bisher hat man noch nicht allzu viel vom Werk der 1933 in Boston geborenen Künstlerin gesehen, die in Berlin lebt, seit sie ein DAAD-Stipendium 1976 hierherbrachte. Vielleicht deshalb, weil sie Autodidaktin war, Kunst als Zeitvertreib begann, dann im Schatten einiger Künstler-Männer stand und mehr als Fluxus-Muse wahrgenommen wurde, vermutet die Kuratorin Annelie Lütgens im Katalog zur aktuellen Retrospektive „This Sweetness Outside of Time.“

Museum_Berlin_Dorothy_Iannone_Brokeback_MountainVielleicht aber auch, weil Dorothy ?Iannone über 50 Schaffensjahre ihren eigenen, unakademischen, sehr weiblichen Weg ging. Ihre folkloristisch und psychedelisch anmutenden Gemälde dürften derzeit einen Nerv treffen, liegt doch die Optik der 60er- und 70er-Jahre voll im Trend. Gezeigt wird aber noch mehr von dieser Vorreiterin für die sexuelle Emanzipation der Frau, die von 1959 bis 2014 so radikal subjektive Bilder, Objekte, Bücher und Filme schuf.

In ihnen spiegelt sich ihre Suche nach einem „All-Einheitserlebnis“. Über ihre Wandlung von der irdischen zur spirituellen Liebe bemerkt sie selbst: „Für viele Jahrzehnte hat mich die Liebe beschäftigt, besonders die Erotik, die sexuelle Liebe zwischen Männern und Frauen. Als ich schließlich erkannte, dass diese vollkommene Vereinigung in einer Beziehung nur für kurze flüchtige Momente möglich ist, begann ich in meinem eigenen Inneren nach ihr zu suchen. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, dass im Tibetanischen Buddhismus, den ich vor über 20 Jahren zu studieren begann, die ekstatische Einheit ein anderer Ausdruck für Erleuchtung ist.“ Sichtbar wird dieser Bezug zur „Tantrischen Malerei“ in ihren Bildern aus den 90ern wie „My Caravan“, „Om Ah Hum“ oder „Vajra Guru“. Doch begonnen hat Dorothy Iannone tatsächlich abstrakt expressiv. Auch das sieht man in der Schau.

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Ende der 60er-Jahre, als sie mit Dieter Roth in Düsseldorf lebte, setzte die für diese Künstlerin so charakteristische autobiografische Arbeitsweise ein. Ob sie den eigenen Orgasmus filmt – wie 1975 für die Videobox-Skulptur „I Was Thinking of You“ – oder ihre existentiellen und spirituellen Bekenntnisse einfließen lässt, immer haben ihre Werke starken Bezug zu ihrem körperlichen Erleben, ekstatischen Gefühlen und dem, was sie „bedingungslose Liebe“ nennt. Nun also besteht Gelegenheit, das -Oeuvre der 80-Jährigen, die Maurizio Cattelan 2005 am Rande der 4. Berlin Biennale bereits wieder ins Gespräch brachte und die immer noch in ihrem Atelier in Charlottenburg arbeitet, umfassend kennenzulernen.

Das Kupferstichkabinett erwarb 1987 eines ihrer Hauptwerke, die 35-teilige Bild-erzählung „The Berlin Beauties“, und auch die Berlinische Galerie besitzt ein Frühwerk von ihr. Sehr viel mehr tat sich aber bislang für sie nicht. Erst hatte sie mit Zensurmaßnahmen zu kämpfen, dann standen die Neuen Wilden im Fokus, minimalistische Tendenzen oder schließlich die Neue Leipziger Schule. Vor allem in Gruppenausstellungen war Dorothy Iannone ab und an vertreten, etwa in der Galerie Wien Lukatsch, auf deren Homepage eine ihrer frühen Assemblagen angeboten wird. Vor fünf Jahren folgte die erste Soloschau in den USA.

„Fern von jeder Obszönität sind Frau ?Iannones Bilder von einer paradiesischen Lebensfreude erfüllt, wie es nur dem Künstler vergönnt ist, der seinen inneren Reichtum mit anderen teilen möchte“, erkannte der Maler Konrad Klapheck schon zeitig. Die Werke verfehlen ihre aufhellende Wirkung bis heute nicht. So dürfte Dorothy Iannone gelingen, was sie sich für die Retrospektive vorgenommen hat: „Vorübergehend ein paar Herzen einzufangen und sie dann wieder loszulassen.“

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Rolf Walter(oben), Hans Georg Gaul / Courtesy Dorothy Iannone Airde Paris / Paris und Peres Projects

Dorothy Iannone. This Sweetness ?Outside of Time? Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 20.2.–2.6. 

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