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Du bist Berlin: Achim Achilles

Achim Achilles_Foto_Christina GoersZwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust, heißt es in Goethes Faust. Der durch den Journalisten Hajo Schumacher sprechenden Achim Achilles würde wohl ergänzen: Und eines pumpt heftig. Der Ex-„Spiegel“-Redakteur und Ex-Chefredakteur der Zeitschrift „Max“ spricht als Achim Achilles vielen der rund 17 Millionen Freizeitläufer Deutschlands aus der Seele. Er ist das Gegenstück zu den dauerfröhlichen Fitnessgurus, die in ihren Laufbibeln Botschaften wie Hey, sei gut drauf! Hab gute Laune! verbreiten. Die Achilles-Interpretation dagegen lautet: „Nein, das macht nicht Bock und Laune! Das tut weh, es ist anstrengend und kostet Überwindung. Man fühlt sich auch mal scheiße.“ Der Durchschnittsläufer Schumacher, wie er sich selber nennt, ist einer derer, die regelmäßig an den eigenen, gesetzten Zielen scheitern. Dieses fröhliche Scheitern ist das, was den Läufer neben seiner „extremen Leidensfähigkeit auszeichnet“, sagt er.

Achim Achilles_Foto_Christina GoersDas mit dem Laufen war bei Hajo Schumacher keine Liebe auf den ersten Blick. Seine sportliche Sozialisierung erlebte er als Handballer in seiner Heimatstadt Münster, wo er über 25 Jahre mit „seinen Jungs die Bauernlümmel auf dem Platz vermöbelte“. Erst nachdem es ihn zum Studium an die Münchner Journalistenschule zog, bereitete eine im frühmorgendlichen Suff abgeschlossene Wette mit WG-Mitbewohnern über die Teilnahme an einem Triathlon den Weg zum Laufen. Wochenlang angetrieben von der Angst, als Letzter der Clique über die Ziellinie zu schnaufen, gewann er schließlich den Schwimm-, Rad- und Laufdreikampf. Vor allem das Laufen hat es dem Journalisten, der unter anderem bei N24 und für Spiegel-Online arbeitet, angetan. Er, der sich als „unruhigen Menschen“ beschreibt, hat das Laufen als „eine sehr ökonomische Art der Freizeitgestaltung“ entdeckt. Schließlich könne er dabei mit Freunden quatschen, sich bewegen, sein Gewicht halten und sich auspowern.

Achim Achilles_Foto_Christina GoersDas Laufen ist längst zu einem Teil seines Lifestyles erhoben, der bei Hajo Schumacher, der sich selbst als „großen Esser und Trinker“ beschreibt, auch eine hedonistische Komponente beinhaltet. Um das zu ermöglichen, geht er seit Jahren einen nicht-kirchlichen Ablasshandel mit sich selbst ein, indem er mit Sport in den frühen Morgenstunden dafür büßt, ein- oder zweimal in der Woche über die Stränge zu schlagen. Ein Deal, der viel mit Selbstbestrafung zu tun hat, den der Wowereit-Biograf auf eine einfache Formel reduziert: „Trink so viel Bier, wie du willst, aber geh am nächsten Morgen in den Wald und schwitz es wieder aus.“
Die aus seiner Leidenschaft entstandene Kolumne Achilles’ Verse, die der sportliche Mittvierziger alldienstäglich bei „Spiegel Online“ veröffentlicht, betrachtet er als Symbiose, die „Hobby und Beruf perfekt in Einklang bringt“. Über jamaikanische Olympia-Wundersprinter, ewig-nörgelnde Frauen in seiner Laufgruppe, den Puls-Terror oder seine Lieblingsfeinde, die Walker, lästern zu können, beschreibt er als ein „Geschenk des Himmels“, mit dem er Abstand vom harten und oft spaßfreien Politgeschäft gewinnt.
Dass aus Achim Achilles jemals ein so großes Ding werden könnte, hätte er nicht gedacht, als er „Spiegel Online“ vor vier Jahren die ersten Kolumnen im Rahmen eines Vier-Wochen-Experiments schickte. Nach bisher drei unter seinem Pseudonym Achim Achilles veröffentlichten Büchern nimmt er nun die nächste Hürde und präsentiert ab 20. September, also eine Woche vor dem Startschuss zum Berlin-Marathon, sein eigenes Läuferportal. Das richtet sich, ähnlich der Kolumne, an die vielen Normalo-Läufer, die nach Bestätigung von einem der ihren lechzen. Oder die sich in bewährter Briefkasten-Tante-Form Rat zur Seelen- und Körperpflege in Achilles-typischer Ironie-Kommentierung von einem halben Dutzend Experten einholen wollen.

Text: Denis Demmerle

www.achim-achilles.de
Berlin-Marathon, So 28.9; www.berlin-marathon.de

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