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Du bist Berlin: Christian Wegner – Der Win-Winner

Christian Wegner

Was macht ein techno-interessierter junger Mann, der in Fürstenwalde lebt und bereits zarte Bande zu einer Berlinerin pflegt, die er im Club Tresor kennengelernt hat? Ganz klar: Wie Tausende von Altersgenossen vor und nach ihm folgt er dem Ruf der Metropole und zieht nach Berlin.
Als sich Christian Wegner 2002 zu dem Ortswechsel entschied, war er 23 Jahre alt, arbeitete als Groß- und Einzelhandelskaufmann in einer brandenburgischen Holzfirma, hielt sich mit asiatischen Kampfsportarten fit und fühlte sich gut gerüstet für neue Herausforderungen. „Ich dachte, ich würde in Berlin sofort eine Stelle finden“, erzählt er. Doch Wegners Optimismus war verfrüht. Berlin bot zwar jede Menge Unterhaltung, aber nur wenige Jobs. Christian Wegner: „Ich habe dann eben Arbeitslosengeld bezogen.“
Christian WegnerWegner ist ein Typ, der nicht viel zu brauchen scheint. An Kleidung sind das ein T-Shirt, eine Trainingsjacke sowie eine praktische Cargo-Hose. Und eine Brille im Kassen-Look für den Durchblick. Die 60-Qua­dratmeter-Wohnung seiner Freundin in Friedrichshain fand er damals als Wohnstätte völlig ausreichend. Arbeitslos, wie er war, blieb außerdem genug Zeit, Berlins Nachtleben zu erkunden. Für nicht wenige Neuberliner beginnt so der Absturz: ausgehen bis in den frühen Morgen, diverse Drogen, schlafen bis zum Abend. Doch Wegner ist anders gestrickt, introvertierter, autarker vielleicht. Zwar hat er die Schule einschließlich Abi nur so lala gemacht. Doch wenn ihn etwas interessiert, dann kann er sich festbeißen. In Computerprogramme zum Beispiel.
„Ich habe dann eine Einkaufsplattform entwickelt, über die man bei anderen Online-Händlern bestellen kann“, sagt er. „Von der Provision, die ich von den Internethändlern bekommen würde, wollte ich 80 Prozent an karitative Organisationen spenden. Das wäre eine Win-Win-Situation für alle geworden.“ Schlecht war nur, dass die Seite nicht groß auffiel – obwohl der Einkauf über Wegners Plattform den Kunden keine Zusatzkosten beschert hätte. „Unterm Strich kamen damit zehn Euro im Monat zusammen.“
Sein nächstes Projekt war klassischer: Auf Flohmärkten und in Antiquariaten kaufte er gebrauchte Bücher, „am liebsten Sachbücher“, und verkaufte sie weiter, „erst über Ebay, dann vermehrt über Amazon“. Was in den Berliner Kiezen noch Ladenhüter waren, erwies sich vor größerem Publikum oft als einträglicher Renner. Immer gezielter durchstöberte Wegner Büchertische, aber auch CD- und DVD-Kisten, die er häufig gleich zum Paketpreis übernahm. Weil er die Beschaffung der Medien „zu zeitaufwendig“ fand, wollte er die Sache professionalisieren: Wegner begann, an der Programmierung einer Ankaufsplattform zu tüfteln.
Seit 2004 ist www.momox.de online und bietet dem User die Möglichkeit, Bücher, DVDs, CDs oder Computerspiele auf einen Schlag zu Festpreisen loszuwerden. Der Verkäufer tippt dazu die ISBN-Nummer der Bücher oder den Barcode anderer Medienprodukte ein, erfährt den Ankaufspreis und kann sich einen Coupon zum kostenlosen Versand des Pakets ausdrucken. Ein paar Tage später kommt die Überweisung aufs Konto. Ein bis dahin einmaliges Konzept, mit dessen Hilfe man in Bücher- oder CD-Regalen gut Platz schaffen kann. „Und das auch dem Umweltschutz dient“, wie Christian Wegner einflechtet. Wie wichtig ihm Umweltschutz, soziales Denken und sinnvolles Wirtschaften sind, will der Start-up-Unternehmer nicht richtig groß raushängen lassen. „Ein Buch schmeißt man doch nicht weg, oder?“, ist alles, was man ihm zum Thema Nachhaltigkeit entlocken kann.
Zwar sind die Preise, die Momox an die Verkäufer zahlt, vergleichsweise gering. Trotzdem konnte das den Siegeszug dieses Konzepts nicht stoppen. Ein paar Pressemitteilungen, vor allem aber Mund-zu-Mund-Propaganda, machten die Webseite bekannt und beliebt. Neue Lagerräume mussten angemietet und Mitarbeiter eingestellt werden. Ende 2010 wurde ein eigenes Logistikzentrum in Neuenhagen eröffnet.
Rund 300 Mitarbeiter beschäftigt die Firma Momox – nebst der angeschlossenen Medien-Verkaufsplattform www.medimops.de – inzwischen. Trotzdem wirkt Christian Wegner zwischen seinen Kommissionierern oder Bürokaufleuten eher wie ein leicht übernächtigter Lagerarbeiter – und nicht wie der Chef. Zum Schlafen kommt der inzwischen 32-Jährige tatsächlich nicht mehr genug. Denn neben seinem Start-up-Unternehmen halten ihn auch seine beiden Kinder auf Trab, die er inzwischen mit seiner Freundin hat. Trotzdem mag sich Christian Wegner über sein Pensum nicht beschweren. Auf die Frage, was es ihm bedeute, sein eigener Chef zu sein, antwortete er in einem Wirtschafts-Interview trocken: „Weniger Urlaub machen zu müssen“.

Text: Eva Apraku

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