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Du bist Berlin: Detlef Cwojdzinski – Der Schadensbegrenzer

Cwojdzinski
Es ist sieben Jahre her, da arbeitete er mit seinen Kollegen den Plan für eine Schutzimpfung der gesamten Berliner Bevölkerung binnen fünf Tagen aus. Gegen die Pocken. Das war kurz vor dem Irakkrieg, es gab solche terroristische Bedrohungsszenarien. „Damals hätten wir 135 Impfstätten eingerichtet“, sagt Detlef Cwojdzinski. „Wir hätten dafür allein 4000 Ärzte gebraucht.“ Diesmal aber wird es ernst. Die Schweinegrippe. H1N1. In dieser Woche ist die Massenimpfaktion dagegen gestartet worden. Die erste überhaupt. Berlin hat rund zwei Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix bei der Firma Glaxo­SmithKline bestellt. 2000 der 6500 Berliner Arztpraxen sollen sie verimpfen. So ist der Plan.

Cwojdzinski muss das alles organisieren. Bis ins letzte Detail. Es gibt viele Details. Sein Stab ist in der Gesundheitsverwaltung für die Organisation der Impfaktion zuständig. Für die Logistik. Für die Verteilung des Impfstoffes. Er ist der Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheitlicher Bevölkerungsschutz. Die Impfaktion ist eine „Herausforderung, die sich mir so in meinem Leben noch nicht gestellt hat“, sagt er.
Es ist der Donnerstagabend vergangener Woche, ein paar Stunden vorher hat die Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher das Impfkonzept vorgestellt, im Roten Rathaus, der Presseraum im dritten Stock war rappelvoll. Cwojdzinski stand ir­gendwo hinten, ein 54-jähriger Mann mit dichtem weißen Haar und Bart, sonorer Stimme und erstaunlich stabiler guter Laune. Er mag das Rampenlicht ganz und gar nicht.
Vergangene Woche trafen die ersten 64.000 Dosen ein. Jeder Berliner sollte sich impfen lassen. Zuerst dürfen 130.000 Personen des sogenannten Schlüsselpersonals an die Nadel, etwa Charitй-Personal, Polizei, Feuerwehr. Dann die Risikogruppen, zum Beispiel chronisch Kranke. Dann die ganze Bevölkerung. Mit 30 Prozent Teilnahme wird kalkuliert. Cwojdzinski
Ende April, da gab es die ersten Meldungen über die neue Grippe, begann sein Arbeitsstab, sich auf eine Grippe-Pandemie vorzubereiten, er wurde von rund 20 auf bis zu 40 Leute aufgestockt. Jetzt sind es wieder weniger. Normalerweise kümmert sich sein Stab etwa um die Notfallvorsorge in Krankenhäusern. Seit 2006 wird die Planung für einen möglichen Anschlag mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen vorangetrieben, „wir sind da ziemlich weit“, sagt er mit sichtlichem Stolz. Manche nennen Cwojdzinskis Leute jetzt Krisenstab. Er spricht lieber vom Arbeitsstab. Bis auf Weiteres.

Noch ist die große Krise ja nicht da. Die große Grippewelle. Sie kann aber kommen. Manche sagen: Sie wird. Andere glauben, die Gefahr wird übertrieben. „Wir können aber nicht ausschließen, dass wir in Berlin in ein paar Wochen eine extrem kritische Situation haben“, sagt Cwojdzinski. „Deshalb muss mein Ziel als Logistiker sein, innerhalb kurzer Zeit so viele Menschen wie möglich sachgerecht zu impfen.“
Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten – wie dem unverhofften Honorarstreit des Senats mit der Kassenärztlichen Vereinigung, die deshalb plötzlich eine zentrale Vereinbarung mit den Ärzten verhinderte. Folglich mussten diesen schnell einzeln Vertragsangebote zugestellt werden. Oder dass Cwoj­dzinski immer erst eine Woche im Voraus erfährt, wie viele Impfdosen das Dresdner Werk liefert. „Ich weiß immer genau, was ich am Ende erreichen will“, sagt Cwojdzinski. Nur der Weg dorthin ändert sich oft. Man muss flexibel sein. Optionen einkalkulieren. Was passiert etwa, wenn sich viel weniger Berliner impfen lassen als erwartet? „Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht“, lächelt Cwoj­dzinski.

Der Stab tagt in einem großen Raum mit einem U-förmigen Tisch im fünften Stock der Gesundheitsverwaltung, Raum 5.131. Viele Computer, Telefone, Tafeln. Auf Cwojdzinskis Platz vorne rechts an der Tischecke liegt ein „Notfall-Handbuch“, hinter ihm kleben Zettel mit all den kleinen Fragen, Problemen, Details an einer Tafel. Auf einem steht: „Pflegeheim?“ Cwojdzinski, gebürtiger Westberliner, Studium an der Fachhochschule für Verwaltung, seit 1979 bei der Verwaltung, kennt jeden, redet viel, hat sein Netzwerk dicht geknüpft. Er versteht sich als Dienstleister. Er hält den Fachleuten den Rücken frei.
Einen solchen Aufwand wie zu Beginn der Pandemiewarnungen im Frühjahr, sagt Cwojdzinski, habe er zuletzt 1986 erlebt, als in Tschernobyl der Reaktor explodierte und die Wolke westwärts zog. Damals habe er allerdings noch Amtshilfeersuchen für andere Behörden schi­cken müssen: „Heute mache ich das alles schnell per Telefon.“

Text: Erik Heier

Grippe-Infoseite des Senats www.berlin.de/impfen

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