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Du bist Berlin: Jens Bäumer

Jens Bäumer„The times they are a-changing“, sang Bob Dylan vor 45 Jahren. An der Ecke Friedrich- zur Oranienburger Straße in Mitte kann man derzeit wieder einen Gezeitenwandel ausmachen: Dort, wo es jahrelang Burger von McDonald’s gab, klafft jetzt ein riesiges Loch in der Mauer. Keine zehn Meter weiter eröffnete dafür eine Fastfood-Filiale der ganz anderen Art: Gorilla, „Deutschlands erste Bio-Fastfood-Kette“, rühmt sich ihr Betreiber und Erfinder Jens Bäumer, 42. Der Mann ist groß und kräftig. Das muss an der Ernährung liegen. Leicht lichtet sich der Haaransatz, aber die Stirn darunter bietet er in Berlin McDo, Currywurst & Co recht erfolgreich. Als promovierter Betriebswirt weiß Jens Bäumer jedenfalls, dass die beiden einzigen Wachstumsmärkte in der Gastronomie Fast- und Biofood sind. Warum also nicht beides miteinander verbinden? „Es gibt ein klaren Trend in der Gesellschaft hin zur bewussteren Ernährung und zum besseren Körpergefühl“, sagt Bäumer.

Das Gorilla Prinzip

Als er noch Unternehmensberater bei Kienbaum war, habe er jeden Tag die Wahl gehabt: „Junkfood in der Kantine des Kunden oder Junkfood auf der Straße“, erinnert sich Bäumer. Aber müssen sich die Kriterien schnell, gesund und schmackhaft wirklich ausschließen? Das habe er sich damals so manches Mal gefragt. „Das Gorilla Prinzip. Einfach (r)evolutionär“, lautet das Konzept. Frisch, biologisch, gesund und regional soll die moderne Schnellmahlzeit sein. Die Botschaft: „Was der Gorilla isst, macht ihn zum stärksten Tier im Urwald“, heißt es auf der Website. Denn das Logotier der neuen Fastfooder verzehrt nun mal kein Fleisch, Zucker oder Fett.

hajekDas Ambiente des neuen Fastfood-Tempels ist nüchtern und stilvoll. Olivenbäume, Barhocker, Lümmel-Lounge und Eichentischplatten. „Frühlingsgefühle für Kopfarbeiter“, steht quer über die Wand geschrieben. Und die Zeichen der Zeit sind so grün wie die Blätterfotografie darüber. Seit zwei Jahren gibt es das Gorilla in der Knesebeckstraße. In diesem Jahr kamen Filialen in der Friedrichstraße, in der Marheineke-Markthalle und am Teltower Damm hinzu. Im nächsten Monat eröffnet eine Filiale in der Jägerstraße in Mitte. Europäische Metropolen wie Paris und London sind bereits angedacht. „Na ja“, sagt Bäumer, „noch sind wir ein Kettchen. Nach diesen fünf Läden werden wir ein bisschen auf die Bremse treten.“

Gemüse und Obst wie Pommes in der Tüte

Angefangen hat der gebürtige Bielefelder zusammen mit seinem Kompagnon Matthias Rischau, 43. Der verfolgte damals noch ein „Gorilla-Prinzip“, nach dem er Gemüse und Obst „zerschnibbeln und wie Pommes in der Tüte“ anbieten wollte. Rischau, Jurist und ehemaliger Manager der Bar jeder Vernunft, und Bäumer überarbeiteten das Konzept. „Ich ging zur Bank, besorgte das Geld, und dann experimentierten wir mit einer Köchin im Hinterhof“, meint Bäumer. Im Mai 2006 begannen sie in Wilmersdorf vis-а-vis der TU-Mensa. „Dort ist eigentlich keine Laufkundschaft. Es war wirklich Mund-zu-Mund-Propaganda“, erklärt Bäumer den Erfolg des Ladens. „So soll es auch bleiben: Wir wollen entdeckt werden in Laufweite der Büros.“ Grundsätzlich sei der Begriff Fastfood ein wenig irreführend. „Es heißt ja nicht, dass es schnell gegessen werden muss. Schnelligkeit heißt bei uns, das Essen schnell zu machen, damit der Kunde Zeit für einen genussvollen Verzehr hat“, sagt Bäumer. So dauert ein Pfannensalat im Wok (Vollkornnudeln mit Rohkost für 4 oder 6,90 Euro) gerade mal eineinhalb Minuten.

„McDonalds klingt inzwischen wie Greenpeace“

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Vor allem Biogemüse und Biorohkost werden, nach kurzem Marinierprozess, möglichst unverändert dargeboten. Bis zur Sandwichsoße stellt Chefkoch Carl Trieba alles selbst her. Für 2,50 Euro kann man sich eine kleine Schale mit Orangenlinsen- oder Kartoffellachssuppe, rohen Sojakeimlingen, Kürbiskernen oder/und Käsecroыtons füllen, Salate, Rohkost und Obst kosten 1,90 Euro pro 100 Gramm. Die Gerichte können je nach Saison wechseln und sollen nach Möglichkeit von einheimischen Erzeugern stammen. Der Gezeitenwandel: Sogar McDonald’s denke inzwischen über regionale Produkte nach. „Die klingen in letzter Zeit wie Greenpeace“, freut sich Bäumer. Zu Hause ist der Vater von zwei Töchtern etwas weniger dogmatisch, was die Ernährung angeht. „Ich mache ein gesundes Angebot – aber wenn sie Lust auf Süßigkeiten haben, ist das auch in Ordnung.“

Text: Helmut Kuhn

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