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Du bist Berlin: Julian Rosefeldt – Jäger der verborgenen Räume

Der Videokünstler Julian Rosefeldt betreibt Medienarchäologie im großen Stil und legt die Schichten des kollektiven Unbewussten frei

Julian Rosefeldt

In diesen Interieurs wirken die Spuren des Menschen wie Fehler im System. Die vierkanalige Filminstallation „The Shift“ von Julian Rosefeldt macht leere Kontrollräume zum Ausgangspunkt ihres zirkulären Geschehens. Eine röchelnde Kaffeemaschine, ein überquellender Aschenbecher, Apfelschalen, eine kleine Porzellanmadonna – dies ist die Möblierung seiner technoiden Schauplätze zwischen Science-Fiction und Industriemuseum.

Ein einsamer Nachtwächter verrichtet hier seinen Dienst und wandert in verschiedenen Rollen zwischen den vier Leinwänden hin und
her, die einen futuristischen Empfangstresen, ein Spacelab, ein Hausmeisterkabuff und die altmodische Schaltzentrale eines Kraftwerks zeigen. Gewissenhaft und mit großem Ernst vollzieht der Protagonist Beckett’sche Rituale der Sinnlosigkeit. Sie münden in einen Kontrollgang, der mit langsamen Zooms durch Bergwerkstollen, Lüftungsschächte und endlose Büroflure eine hypnotische Sogwirkung entfaltet. Es sind die abweisenden Orte einer Welt nach dem Ende der Arbeit, die den Menschen nicht mehr braucht. Am Schluss steht mit der Luftaufnahme einer Eiswüste das Bild vollkommener Unbehaustheit in der Zeit- und Ortlosigkeit. Die Weißblende, die den Protagonisten in diese lebensfeindliche Eiswüste führt, funktioniert wie eine Löschtaste. Ohne Erinnerung, ohne Gedächtnis ist der Mensch nicht lebensfähig – so das Fazit eines Tarkovskij-Zitats, das der Ausstellung als Motto vorangestellt ist.

Julian Rosefeldt

Die Installation hat die formale Strenge einer Versuchsanordnung, und auch die anderen Arbeiten der Schau „Living in Oblivion“ in der Berlinischen Galerie sind kühl temperiert. Umso größer ist die Überraschung, wenn man dem frisch gekürten Preisträger des Vattenfall Contemporary 2010 persönlich begegnet. Der jungenhaft wirkende 44-Jährige hat einen offenen Blick, lacht viel und sprudelt über vor lauter Mitteilungsdrang. Hochkonzentriert erläutert Julian Rosefeldt seine ästhetischen Konzepte, doch über ihn selbst erfährt man dabei so gut wie nichts.

Fragt man ihn danach, wie es dazu kam, dass aus dem Münchener Architekturstudenten ein international renommierter Film- und Videokünstler wurde, erfährt man nach einigen Ausweichmanövern, dass dieser Weg eher spielerisch war. Das Studium der Architektur habe ihn zwar inhaltlich interessiert, Häuser bauen wollte er aber nie, dazu habe ihm das freie künstlerische Arbeiten zu viel Spaß gemacht. Neben dem Studium hat Rosefeldt lange als Fotograf gearbeitet, hat als Drehbuchlektor und am Theater gejobbt. Seine Faszination für den Blick hinter die Kulissen ist den Filminstallationen ebenso anzumerken wie seine Liebe zum Kino. Doch auch die Liebe zur Architektur hat den Künstler, der seit zehn Jahren in Berlin lebt, nie verlassen.

Julian Rosefeldt

In seinen Arbeiten, die von Beginn an das Thema des kollektiven Gedächtnis umkreisen, ist Architekur oft ein Vehikel der Erinnerung, wie in der frühen Fotoserie „Hidden City“.

Hier hält Rosefeldt seiner Geburtsstadt München die Verdrängung der
NS-Vergangenheit am Beispiel ihres Umgangs mit dem ehemaligen
„Führerbau“ vor. In „Die unbekannten Kathedralen“ drückt sich sein Hang zu verborgenen Räumen in Form einer Hommage aus. Es ist der melancholische Abgesang auf die stille Würde von unsichtbaren Architekturen, die sich aus dem zugänglichen Teil der Städte längst verabschiedet haben. Doch Rosefeldt ist kein Nostalgiker. In seinen Arbeiten ist das Aufeinandertreffen von Vergangenheit und Zukunft, Hommage und Dekonstruktion, Erhabenem und Absurdem radikal gegenwärtig.

Text: Jutta v. Zitzewitz

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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