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Du bist Berlin: Kadir Memis – Der Ausdrucksstarke

Kadir MemisAls Kadir Memis 1984 im Alter von zehn Jahren erstmals Berlin betrat, blickte er auf ein bis dahin überschaubares Leben zurück: „Ich hatte in einem anatolischen Dorf mit 300 Einwohnern gelebt, dort die Grundschule besucht und war Hirtenjunge.“ Den Umzug nach Berlin, wo seine Eltern als Gastarbeiter lebten, empfand der zartgliedrige, sensible Junge folglich als Schock. Die Hektik der Großstadt, die fremde Sprache, die Eltern, die er kaum kannte und die in den kurzen Momenten am Tag, in denen er sie sah, meist ziemlich erschöpft waren.
Auch in seiner Weddinger Schule lief es damals nicht gut. Der kleine Kadir verstand anfangs kaum ein Wort und brachte lauter schlechte Noten nach Hause. „Ich bin zweimal sitzen geblieben, mindes­tens“, wischt der 35-Jährige das Thema vom Tisch. Förderunterricht für Migrantenkinder hatte er nie kennengelernt, seine Eltern waren auch keine Hilfe: „Mein Vater spricht schlecht deutsch und hat selbst nur drei Jahre die Schule besucht.“ Kadir kam sich wie im falschen Film vor. Nur benennen konnte er seinen Kummer nicht. Nicht einmal auf Türkisch.
Doch er war nicht der einzige Junge, der sich fremd und unverstanden fühlte. Ein paar tausend Kilometer weiter westlich, in New York, gab es ebenfalls zahlreiche Heranwachsende wie ihn: junge Puertorikaner, Afroamerikaner und andere verlorene Seelen, denen niemand etwas Posi­tives zutraute, obwohl sie doch voller Energie steckten. Kadir erfuhr von ihnen durch Filme wie „Wild Style“ oder „Beat Street“. Und war, wie andere Einwanderer-Kids in seinem Umfeld, sofort elektrisiert. Wie die Filmvorbilder der aufregend neuen HipHop-Kultur probierten sich Berliner Türken oder Araber an Graffitis. Einige begannen zu rappen. Kadir Memis konzentrierte sich auf Breakdance: „Damit verschwand meine Sprachlosigkeit. Mit Tanzen konnte ich alles sagen. Tanz ist eine universelle Sprache.“Kadir Memis
1993, nachdem er seine Breakdance-Künste in zahlreichen losen Gruppen autodidaktisch wei­ter­entwickelt hatte, gründete er zusammen mit Vartan Bassil die Flying Steps, eine im Kern fünfköpfige Formation. „Wir fuhren zusammen nach Kreuzberg, Spandau oder Neukölln und trafen uns mit anderen Breakdance-Gruppen.“ Doch während die meisten anderen Tänzer auf Rivalität zu anderen Gruppen waren, hatte Kadir keine Lust auf Stress: „Dieses Gang-Ding war nicht unsere Sache. Ich sagte denen: ,Wir kommen als Freunde, wir wollen nur tanzen.‘“ Vielleicht hieß Kadir deshalb in der Breakdance-Szene bei allen ir­gend­wann nur noch „Amigo“, Freund.
Wenn Kadir von den alten Geschichten erzählt, schaut er einen mit sanften Augen an. Gleichzeitig registriert er jede Bewegung und scheint diese wie ein Buch zu lesen. Eine Fähigkeit, die den Flying Steps schon bald zugute kam, denn es wurden zunehmend neue Tanzelemente eingebaut, die von ganz anderen Lebensbereichen inspiriert waren. „Nach meinem Schulabschluss habe ich Technischer Zeichner gelernt“, erzählt Kadir. „Da muss man sehr präzise sein. Das übertrugen wir auf unsere Choreografien.“ Mit dem Resultat, dass die Flying Steps nicht nur wegen ihrer perfekt synchronisierten Bewegungsabläufe berühmt wurden. Sie gewannen auch viermal Breakdance-Weltmeisterschaften, traten in aller Welt auf und führen seit 2007 die Flying Steps Dance Academy.
Es ist diese Lust am genauen Hinsehen und das unstillbare Verlangen, sich weiterzuentwickeln, die Kadir Memis immer wieder dazu bringen, Grenzen zu überschreiten. Auch die zu seiner Vergangenheit. In seinem Heimatort gab es diesen archaischen Tanz, den Zeybek. Wie fühlt der sich für einen Breakdancer an, wollte Kadir wissen. Zu Studienzwecken reiste er erst in die Türkei und entwickelte dann ein fusioniertes Soloprogramm, das er Zey’brEaK‘ nennt.Kadir Memis
Beim Hineinfühlen in ungewohnte Tanzbewegungen gerät der sonst so elastische Breakdancer manchmal nicht nur an körperliche, sondern auch an innere Grenzen. „Bewegungen, die aus dem Voguing kommen, gelangen mir anfangs nicht“, sagt er. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich sie nicht mochte, weil sie mir schwul erschienen.“ Doch mit Kadirs Akzeptanz des exaltierten New Yorker Catwalk-Tanzstils änderte sich auch seine Einstellung Homosexuellen gegen­über. Ein Umdenken, das in der Szene offenbar ansteckend wirkt: Bei der kommenden Funkin’ Stylez Berlin, einer Vorentscheidungsveranstaltung zum World Team Battle in unterschiedlichen Breakdance-Stilen, ist Voguing selbst bei hartnäckigen Hip-Hop-Machos anerkannt.

Text: Eva Apraku

Funkin’ Stylez Berlin
HAU 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg
So 15.11., ab 15 Uhr (Einlass: 14 Uhr), Eintritt: 7 Ђ,
www.dance-unity.com, www.kadirmemis.com

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