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Du Bist Berlin: Pater Klaus Mertes – Der Offenbarer

Klaus_MertesEs ist dieses offene Lachen, das zuerst irritiert und dann wieder doch nicht. Kein befreiendes Lachen ist es, auch kein befreites. Eher eines, das niemals gefangen war. Pater Klaus Mertes muss mit sich selbst sehr im Reinen sein. Nach alldem, was seit Ende Januar über das Canisius-Kolleg und ihn, den Rektor, hereingebrochen ist, seit die Zahl der Missbrauchsopfer aus den 70er und 80er Jahren im Tagestakt anschwillt, die Spur der drei bislang als Täter bekannten Padres vom Berliner Jesuiten-Gymnasium aus immer weitere Kreise der seelischen Verwüstung zieht – nachdem dergestalt die heile Kolleg-Welt binnen kurzer Zeit in Schutt und Asche gelegt scheint, sitzt der Auslöser der ganzen Debatte, er nennt sie „Presse-Tsunami„, sitzt also Klaus Mertes fast entspannt in seinem Büro, hinter sich einen sorgsam aufgeräumten Schreibtisch, an der Wand ein farbenfrohes Triptychon, in einer Ecke eine an Jus­titia erinnernde Waage.
Es sieht aus, als fühle er sich, trotz allem, nicht unwohl in seiner Rolle. Der Aufklärer, der Offenbarer, der Wundenaufreißer. Der Störenfried.

An diesem Morgen hat Mertes den Schülern gesagt, dass der Auftrag des Kollegs darin bestehen müsse, nicht wegzuschauen, wenn Gewalt passiert. Es ist der erste Tag nach den Ferien. Die Bugwelle des Skandals war genau in der schulfreien Zeit aufgeschlagen. „Manche haben mir deshalb einen genialen Plan un­terstellt“, sagt Mertes und lacht. „War es aber nicht.“ Seit Mertes in einem Brief an rund 600 ehemalige Kolleg-Schüler, datiert auf den 20. Januar, „systematische und jahrelange Über­griffe“ anprangerte, Scham und Entsetzen formulierte, sich entschuldigte, bekommt er täglich 250 bis 300 E-Mails. Vorher waren es höchstens 40. Er hat Freunde gebeten, sie vorab zu lesen. „Dinge, von denen sie glauben, dass die mich verletzen könnten, zeigen sie mir erst gar nicht.“ Beschimpfungen, Hass­ausbrüche, versteckte Morddrohungen. „So was hält man ja allein nicht durch.“

Klaus-MertesDenn Mertes hat in den vergangenen?Wochen immer wieder betont, er stehe „in der institutionellen Kontinuität auf der Täterseite“. Und zwar, „weil der Missbrauch aus zwei Teilen besteht: der Tat und aus dem Wegschauen der Institution.“ Erstmals sei er 2006, dann wieder 2008 von jeweils einem missbrauchten ehemaligen Schüler kontaktiert worden. Was macht das dabei mit einem, der in einer „gut-katholischen Familie“ aufwuchs, in eine Bonner Jesui­tenschule ging, für den der katholische Glaube immer „mit Freude zu tun hatte“, dessen Lebenstraum hieß, Priester zu sein? Wie fasst man dann das Unfassbare? Das Wichtigste sei, sagt Mertes, dass einem erst einmal gar nichts durch den Kopf geht. Dass man einfach nur zuhört, ganz beim Opfer ist. Die bösen Bilder kommen später, oft nachts: „Das Allerschwerste ist, diese Träume zu verarbeiten.“

Über die genauen Umstände dieser beiden Gespräche hat er den Betroffenen absolute Vertraulichkeit zugesichert, sonst hätte es sie nie gegeben. „Ich sah mich dann nur dazu verpflichtet, die Täternamen an den Orden weiterzuleiten, um sicherzustellen, dass die Zuständigen an den Orten, an denen sie heute tätig sind, informiert sind.“ Erst Anfang Januar, als sich weitere Betroffene bei ihm meldeten, wäre ihm das systematische Ausmaß des sexuellen Missbrauchs klar geworden. Dass es nun raus musste in die?Welt.
Vielleicht, fragt sich Mertes, habe er in der Rückschau falsch gehandelt, die Vorfälle zu spät öffentlich gemacht. „Aber ich kann mich jetzt nicht im Grübeln über dieses Dilemma verlieren.“

Als er schließlich den Brief an die Ex-Schüler schrieb, sei er ganz ruhig gewesen. Keine Zweifel, nirgends. „In dem Moment, wo Sie den Bedenken in Ihrem Kopf Raum geben, sind Sie doch schon wieder dabei, in die Argumentations- und Gefühlsstruktur zu fallen, die der Grund wäre, warum bislang geschwiegen wurde.“ Wann wird es wieder so etwas wie Normalität für das Canisius-Kolleg geben? „Darüber denke ich überhaupt nicht nach“, sagt Klaus Mertes. Momentan fahre er auf Sicht, sozusagen. „Und wenn ich spüre, jetzt bin ich wieder dran, werde ich tun, was zu tun ist.“

Text: Erik Heier

Foto: Judith Triebel

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