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„Du hast mal aufs Maul gekriegt, aber die Luden haben auf dich aufgepasst“

Nadine geht auf den Strich in der Kurfürstenstraße, sie arbeitet seit 23 Jahren als Hure. Ein Gespräch über ­einen Tausender am Tag, ihren Zuhälter, eine Bratwurst im Darm, Schießereien und Prostitution mit Ende 40.

tip Nadine, was hat Sie bewogen, Ihre ­Geschichte zu erzählen?
Nadine L.?Als mir eine Sozialarbeiterin von dem Fotoprojekt erzählt hat, war ich sofort begeistert. Für mich war das eine Tür zur Vergangenheit, eine Möglichkeit, mal über die alten Zeiten zu reden. Das mache ich gern, weil die so schön waren.

tip Sie Haben für die Ausstellung ein Foto arrangiert, das eine Rolex, eine Pistole und eine Geldklammer zeigt. Zuhälterutensilien, die an diese gute alte Zeit erinnern?
Nadine L. Ja, früher war das so. Das war eine tolle Zeit, man hat viel verdient. Du hast mal was aufs Maul gekriegt, aber die Luden haben auch auf uns aufgepasst.

tip Hört sich trotzdem nicht wirklich nett an.
Nadine L. Ach, das kann man schwer erklären. Wir haben richtig gut verdient, viel gefeiert und vor allem: Die Huren haben zusammengehalten. Wenn eine zu wenig Geld genommen oder ohne Gummi gearbeitet hat, dann ist man gemeinsam hin und hat sie ein paar benutzte Gummis fressen lassen. Dann hat sie das ­gelernt.

tip Sie haben aber auch Schießereien erlebt.
Nadine L. Ja. Einmal in der Einemstraße. Da gab es einen Standplatzkrieg. Ein Schweizer Zuhälter wollte Standgeld kassieren und hat einem anderen Zuhälter beim Wegfahren von hinten in die Heckscheibe geballert. Wir haben uns dann im Elisabeth-Krankenhaus auf dem Hof versteckt und die Polizei gerufen, damit die uns rausholt. Später hat mir mal ein Freier eine Pistole an den Kopf gehalten. Ich hab sie ihm abgenommen und ihn bedroht. Da hat er sich eingepinkelt und ist abgehauen. Ich hab ihm hinterhergebrüllt: Erwisch ich dich hier noch mal, schieß ich dir die Eier weg!

tip Wie haben Sie Anfang der 80er-Jahre angefangen, im Bordell zu arbeiten?
Nadine L. Ganz klassisch durch einen Zuhälter. Ich war 20 und habe ihn in Kreuzberg in einer Kneipe kennengelernt. Ich war voll verknallt und er kam mit der typischen Masche: Wenn du mit mir zusammen sein willst, musst du anschaffen gehen. Ich habe erst mal abgeblockt, bin dann aber irgendwann alleine in den Puff in der Blücherstraße. Ich hab alles falsch gemacht, mich küssen lassen und anfassen. Aber ich konnte den Job von Anfang an gut abspalten.

tip Wie viel haben Sie beim ersten Mal verdient?
Nadine L. 100 Mark. Das war früher der normale Preis. Auch hier auf der Straße.

tip In Hamburg haben Sie den Job richtig gelernt.
Nadine L. Da hat mir eine Althure den Weg gewiesen. Sie hat Partie mit mir gemacht, das heißt, sie hat mich mitgenommen. Ein Mann, zwei Frauen. Besser kann man es nicht lernen. Die hat mir dann erklärt, wie man körper- und geistschonend und geldbringend arbeitet.

tip Das heißt?
Nadine L. Ein Beispiel. Ein Kunde kommt und will Verkehr ohne Gummi für 20 Euro. Ich steige ein und überzeuge ihn dann von Blasen mit Brust anfassen für 30 Euro. Am Ende ist er glücklich, obwohl er nicht bekam, was er wollte. Das ist Psychologie. Aber heute wissen die wenigsten Frauen, wie das geht. Das muss man lernen. Da ist Menschenkenntnis gefragt.

tip Was war das Verrückteste, was ein Kunde von Ihnen verlangt hat?
Nadine L. Das war hier unten in der Kurfürstenstraße. Ein Kunde hält an. Er sagt gleich, er hätte da ’nen kuriosen Wunsch. Auf dem Beifahrersitz lag eine Bratwurst. Die sollte ich ihm anal einführen. Und er wollte dann auf der Bratwurst sitzend mit mir ’ne Runde im Auto drehen. Ich dachte nur: Geht’s noch? Man kann doch ’nen Dildo nehmen. Aber der schleppte ’ne Bratwurst an.

tip Aber Sie haben es gemacht?
Nadine L. Ja klar. Er hat mir 80 Mark bezahlt. Für einmal um den Block fahren.

tip Das Geld behielt aber Ihr Freund und ­Zuhälter?
Nadine L. Ja, ich habe immer alles abgeliefert. Ich habe auch geputzt und gekocht. Er war Bodybuilder, und wenn der Vanille-Shake nicht so war, wie er wollte, hab ich den übern Kopf gekriegt. Er hat mich verprügelt und vergewaltigt. Einmal hat er mich splitternackt bei Eiseskälte auf dem Balkon angebunden und mit Wasser übergossen. Keine Ahnung, warum ich mir das gefallen lassen habe. Mittlerweile ist er tot. Er hat seine Strafe bekommen.

tip Ihr neuer Freund weiß, was Sie arbeiten?
Nadine L. Ja. Er ist nett zu mir, will auch, dass ich aussteige. Zurzeit ist er aber in Untersuchungshaft. Irgendwie ist bei mir immer Chaos.

tip
Einen Zuhälter haben Sie nicht mehr?
Nadine L. Nein. Frauen in meinem Alter haben keinen Zuhälter mehr. Wir sind nicht mehr rentabel. Das lohnt sich nur bis 30, 32, bei Dominas vielleicht ein bisschen länger..

tip Wie viele Kunden haben Sie am Tag?
Nadine L. Zwei bis drei die Woche. Nichts im Vergleich zu früher. Da standen immer sieben, acht Schlange und haben gewartet, bis sie dran waren.

tip Was haben Sie verdient in den Jahren?
Nadine L. Das kann ich nicht genau sagen. Früher war das mal ein Tausender an einem guten Tag. Eine Freundin hat es mal für sich ausgerechnet und ist auf mehrere Millionen Umsatz gekommen.

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Haben Sie was zurückgelegt?
Nadine L. Nein. Alles weg. Ich bekomme später mal eine Rente von 62 Euro. Mein Schmuck, meine Cartier-Uhr, ich musste alles verkaufen.

Interview:
Björn Trautwein

Foto: Kathrin Tschirner

Ausstellung Photovoice
Ein Projekt des Frauentreffs Olga, Rathaus Tiergarten, 2. Etage, Mathilde-Jacob Platz 1, bis 30. April

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