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Durchstarter 2017: Jessy Wellmer

Es sollte kein Thema mehr sein, dass eine Frau die Bundesliga-Sportschau am Samstag moderiert. Ist es aber doch. Und Jessy Wellmer steigt jetzt richtig auf. Zu Recht

Foto: rbb/Gundula Krause

Samstag, 18 Uhr, ARD. Showtime. Dann läuft die Bundesliga-Sportschau. Größer geht’s kaum für Sportmoderatoren. Okay, außer vielleicht: Selber da unten auf dem Rasen stehen. Das Siegtor machen. In der Nachspielzeit. Mit der Hacke. Und dann: Ehrenrunde, Schampus-Dusche. Aber sonst?

Für Jessy Wellmer, RBB-Frau, Wahlberlinerin, geboren in Güstrow, wird der Traum ab Herbst wahr. Einmal im Monat. Seit Monika Lierhaus, die 2009 schwer erkrankte, ist sie die erste Frau im Papst-Amt des deutschen Sportfernsehens. Sollte kein großes Ding mehr sein. Ist es aber. Immer noch. Fußball, Männersache. Die „Welt“ überschrieb letztes Jahr eine Bildergalerie über „Deutschlands Fußball-Reporterinnen“ allen Ernstes mit: „Schön und kompetent“. Bei Jessica Kastrop von Sky gaben die Archive sogar ein Dirndl-Foto her. Schönen Gruß an die 50er-Jahre. Jessy Wellmer geht nicht auf rote Teppiche. Hat keinen Facebook-Account, kein Instagram.Dirndl-Fotos von ihr, irgendann mal? „Eher unwahrscheinlich.“

Seit zwei Jahren schon moderierte die 37-Jährige, neben diversen anderen Sendungen, am Sonntag die Sportschau, „da habe ich mich praktisch zur Samstags-Sportschau hingecastet.“ Wochen nach der Entscheidung überkam es sie plötzlich richtig, beim Abendbrot: „Ich werde Samstags-Sportschau-Moderatorin!“  Längst gewusst. Erst jetzt gefühlt. „Da habe ich den Schnallball gefangen.“ Bitte was? „Sagt mein Mann immer. Du fängst den Ball, es macht Klick. Da hatte ich’s geschnallt.“

Schnallball. Muss man sich merken.
Wie man sich eigentlich schon seit Jahren Jessy Wellmer merken sollte. Bei Radioeins zum Beispiel, wo sie seit 2013 samstags mit Andreas Ulrich vier Stunden lang die „Arena Liga Live“ schmeißt. Oder wie sie vor zwei Jahren bei Olympia in Rio den Morgen klarmachte, drei Stunden lang, in aller brasilianischer Herrgottsfrühe. Aufstehen ist Übungssache. Vor der ARD war Jessy Wellmer fünf Jahre lang beim ZDF-Morgenmagazin. Da riet man ihr: „Sei so, wie du wirklich bist. Ansonsten spielst du nur Moderatorin.“

Tatsächlich ist es frappierend, mit welcher Coolness sie vor der Kamera die Dinge sortiert. Wo andere sich in Floskeln retten, moderiert Jessy Wellmer mit typisch runtertemperiertem Blick in souveräner Halbironie die Sendezeit weg. Fußball, Biathlon, Nachrichten. Als würden ihr nie, nie, nie die Worte fehlen. Auch wenn sie behauptet, privat schon mal Wortfindungsstörungen zu haben. Aber das glauben wir erst mit Videobeweis.
Dabei könne sie sich hinterher ihre eigenen Sendungen nicht sofort ansehen, sagt Jessy Wellmer, „ich bin immer unzufrieden“.

Googelt sie denn ihren eigenen Namen? „Nicht mehr so oft.“ Pause. „Ab und zu.“  Vor einem guten Jahrzehnt war sie schon mal bei der Samstags-Sportschau. Ein paar Wochen lang. Als Volontärin. Mitten im Karneval. Jecken, Narren, Ufftata. Am ersten Abend habe sie schlapp gemacht, erzählt sie. Bei der WDR-Feier. Um neun. Sie gab auf.  Ging ins Kino. Außer ihr noch zwei Männer im Saal. Die trugen Indianer-Kostüme. Es kann jetzt sein, dass im Herbst, kurz vor der ersten Sendung, der Moment kommt, wo sie ausfreakt: „Ich schaff das nicht!“ Dann aber, sagt sie, wird ihr Mann, Journalist, Vater ihrer beiden Kinder, sagen: „Doch, du schaffst das. Du wolltest das übrigens auch.“ Und Jessy Wellmer lacht: „Aber ich werde mich nach der ersten Sendung nicht googeln!“

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