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Kalter Krieg

Eb Davis – Bluesmusiker und Spion

„Die Offiziellen waren stets dabei“ – Für Blues-Fans ist der in Berlin lebende Musiker Eb Davis eine feste Größe. Was sie nicht wissen – und ein Film jetzt zeigt: Zu Mauerzeiten war der Ex-G.I. in geheimer Mission unterwegs

How Berlin got the Blues: Die unglaubliche Geschichte des Eb Davis. Ein Film über den Kalten Krieg, den Blues und Berlin (Doku Deutschland 2016)

tip Herr Davis, wieso geht ein Teenager, der wie Sie Ende der 1950er, Anfang der 1960er erste Erfolge als Musiker in in Memphis hatte, freiwillig zur US-Army?
Ebylee „Eb“ Davis Damals gab es in den USA noch die Wehrpflicht, das heißt, ich wäre sowieso eingezogen worden. Wenn man aber darauf wartete, dann hatte man keinen Einfluss darauf, zu welcher Einheit man kam und was man dort machte. Wer sich jedoch freiwillig meldete, konnte sehr viel besser selbst bestimmen, wo man hinkam und was man dort machte.

tip Welche Perspektiven konnte die Army ­einem aufstrebendem Musiker bieten?
Ebylee „Eb“ Davis Viele! In der Army gab es viele andere Musiker und jede Menge Instrumente. Die meisten von uns hätten sich diese Instrumente selber gar nicht leisten können.

tip Nach etwa vier Jahren, mit Anfang 20, ­haben Sie die Armee wieder verlassen.
Ebylee „Eb“ Davis Ja, denn es wurde klar, dass ich von der Musik würde leben können. Ich zog nach New York, und etwa 15 Jahre lang lief es auch sehr gut. Bis in den 1970ern die Disco-Ära begann und unsere Band, die Soulgroovers, nicht mehr so viele Auftrittsmöglichkeiten hatte. Deshalb ging ich wieder zurück in die Army – ich ­hatte keinen anderen Beruf gelernt.

tip Anfang der 1980er-Jahre wurden Sie nach Berlin versetzt, wurden KommunikationsChef in der US-Militärverbindungsmission. Wie ließ sich diese Tätigkeit mit Ihrer Musik vereinbaren?
Ebylee „Eb“ Davis Bei der Army hatte ich täglich acht Stunden und mehr zu tun, war in meiner Freizeit aber gleichzeitig Mitglied der Bayou Blues Band. Mit der bin ich regelmäßig abends aufgetreten. Das ging nur mit großer Hingabe an die Musik  – und viel Selbstdisziplin.

tip Was war die Millitärverbindungsmission?
Ebylee „Eb“ Davis Wir waren eine kleine Gruppe, vielleicht 100 Leute, und auch räumlich nicht mit den anderen Soldaten zusammen, denn unser Büro, das sogeannte „Safe House“, lag in Potsdam. Nur wenige Menschen wussten von der Existenz unserer Einheit. Bei der Militärverbindungsmission ging es darum, den Kontakt zu den anderen Besatzungsmächten zu pflegen, weshalb wir uns in Ost und West frei bewegen durften. Wir hatten spezielle Schilder an ­unseren Autos, durften etwa die Glienicker Brücke damit unbehelligt passieren.

tip Sie sind als Blues-Musiker auch im Osten aufgetreten. Wie das?
Ebylee „Eb“ Davis Das war vor ausgewählten Gästen, etwa vor Leuten, die an ihrem Arbeitsplatz besondere Leistungen gezeigt hatten. Wir traten in Ost-Berlin, aber auch in Halle oder Leipzig auf, waren dabei aber stets in Begleitung von ­Offiziellen der DDR.

tip Trotzdem wurden Sie von der US-Army ­dazu angehalten, bei solchen Aufenthalten im Osten die Augen offen zu halten, sprich: zu spionieren. Wie sollte das angesichts der offizieller Begleitung gehen?
Ebylee „Eb“ Davis Es ging im Wesentlichen darum, Details zu registrieren: Was sind das für Leute, die mich begleiten? An welchen Militäreinrichtungen kommen wir vorbei? Für die Army waren ­solche Beobachtungen Teile eines Puzzles, mit denen man sich ein Bild von der aktuellen Lage und möglichen Plänen des Gegners machen wollte.

tip Einer Ihrer Kollegen, Arthur Nicholson, wurde bei Ludwigslust erschossen, als er sowjetische Militäreinrichtungen fotografierte. Haben Sie im Osten ebenfalls heimlich fotografiert?
Ebylee „Eb“ Davis Ja, das war sehr gefährlich. Wobei meine Hauptaufgabe aber eher darin bestand, Details zu beobachten und Menschen einzuschätzen. Die Leute kamen zu mir, sprachen über Musik, über Blues, Memphis und so weiter, was mir die Gelegenheit gab, hier und da immer mal wieder Fragen einzuwerfen. Ich kann sehr gut zuhören, bin an der Meinung anderer Leute sehr interessiert. Das merken die – und ­erzählen gerne. Das half, unser Puzzle von der aktuellen Lage zu vervollständigen. Für die Millitärverbindungsmission war es sehr wichtig, herauszufinden, wie die Stimmung war und was geplant war. Es ging auch darum, möglichen Konflikten vorzubeugen.

tip Nach dem Abzug der Amerikaner 1994 ­traten Sie aus der Armee aus und blieben in Berlin. Obwohl nach der Wende die Zahl rassistischer Vorfälle in Deutschland stieg.
Ebylee „Eb“ Davis In Berlin war ich als Musiker gut etabliert, hatte einen Vertrag mit einer Plattenfirma. Außerdem kenne ich hier unzählige Künstler. Trotzdem gibt es in Berlin Ecken, wo ich niemals hingehen würde. Etwa nach Marzahn. Ich bin ja nicht lebensmüde.

tip Sie sind nun 72 – wann kommt die Rente?
Ebylee „Eb“ Davis Es gibt viele berühmte Musiker in Amerika, die 83, 84 oder 85 Jahre alt sind. Ein guter Bekannter von mir, der mit Muddy Waters gespielt hatte, ist noch mit 97 Jahren aufgetreten. Bis er letztes Jahr gestorben ist. Auch ich ­werde weiterhin auftreten. Nicht nur, weil es mir Spaß macht, sondern auch, weil man als Musi­ker eher keinen Anspruch auf eine Rente hat.

How Berlin got the Blues – Die geheime Geschichte des Ebylee Davis.
R: Vicki Luther, Antje Dohrn, D 2016, ­Europapremiere mit anschließendem Konzert: Babylon Mitte, ­Rosa-Luxemburg-Str.30, Mitte, 12.10., 20 Uhr

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