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Ein Interview mit Friedrich Liechtenstein

Friedrich Liechtenstein

tip Aber sonst ist das Alter für Sie ganz in Ordnung?
Friedrich Liechtenstein Ich will es nicht glorifizieren. Auf keinen Fall. Man hat als junger Mann mehr Kraft. Und mehr Irrtümer. Das ist schön. Da geht man volle Kanne drauflos. Wenn man alt ist, weiß man schon, wie alles endet.  Aber Alter ist nichts, wovor man Angst haben muss. Alt sein ist auch sehr, sehr cool. Sehr funky.

tip Älter werden, trotzdem cool bleiben. Eine Kunst.
Friedrich Liechtenstein Kann nicht jeder! Vielleicht lässt es bei mir demnächst nach. Ich bin ja schon ziemlich lange cool. Jetzt haben es nur mal mehr Leute mitbekommen.

tip Wegen des „Supergeil“-Supermarkt-Clips.
Friedrich Liechtenstein Cool heißt ja, dass die Leute sehen: Der Typ macht sich nicht heiß. Und wenn die Situation noch so scheiße ist. Der steht da, wackelt mit seinem Arsch und sagt: Leute, es läuft! Seeehr gut gerade!

Seeehr gut. Wie er das jetzt sagt. Es fast croont. Kann man nicht gut beschreiben. Muss man besser hören. Seeehr gut. 2012 war nicht gut. Im Gegenteil. Einige gescheiterte Projekte, eine Trennung. Dann aber der „Supergeil“-Spot. Raketenneustart. Von null auf 100. Bis auf die Titelseite der „New York Times“. Es habe ihn sogar ein bisschen ins Schleudern gebracht, sagt Liechtenstein. Diese Werbewucht. Diese Riesenkräfte. Da habe er noch einiges zu tun. Das Schiff wieder ins Fahrwasser zu bringen. Als Künstler.

Friedrich Liechtensteintip Ist im Alter die Gefahr abzuheben geringer?
Friedrich Liechtenstein Ach, eigentlich wird man ja immer bescheidener und freut sich über alle, die gute Laune verbreiten und daran mitarbeiten, dass Berlin eine coole Stadt ist – und nicht irgendeine Arschloch-Stadt.

tip Kann man sich Ihre Karriere überhaupt in München, Köln, Wanne-Eickel vorstellen?
Friedrich Liechtenstein Auf keinen Fall! Die hätten mich da schon rausgeschasst. Aber Berlin ist ja locker.

tip Gibt es eine Angst vor dem Tag, an dem die Jungen sagen: Alter, geh mal aus dem Bild?
Friedrich Liechtenstein Auch, die Vorstellung gibt es jetzt auch schon. Aber die Welt ist riesig. Man kann sich ja auch aus dem Weg gehen. Die Leute haben alle ihren Platz am Korallenriff.

Schöne Metapher übrigens. Korallenriff. Das steht für: Leben, Stabilität, Diversität. Wie er auch Freundschaften schließen könne mit den unterschiedlichsten Leuten. Liechtenstein kam über ein Jahr bei einem Brillendesigner unter, ohne Miete, als Teil der Einrichtung.  Als „Schmuckeremit“. Er besitzt auch sonst fast nichts. Kein Handy, keinen Computer. Das ZDF-Magazin „aspekte“ nannte ihn mal: „der gepflegteste Wohnungslose Berlins“.

tip Wohnen Sie eigentlich noch immer in den Räumen der Brillendesignfirma?
Friedrich Liechtenstein Nein. Ich habe mir jetzt eine kleine möblierte Wohnung gesucht. Kann die Tür zumachen, die Vorhänge zuziehen. Auch ganz schön.

tip Der erste Schritt zum altersgerechten Wohnen?
Friedrich Liechtenstein Genau. (lacht) Mit Fahrstuhl!

Vielleicht ist das das Geheimnis. Dass man das Alter ernst nimmt. Nur nicht zu ernst. Dass man auch mit dem Arsch wackelt, dann und wann. Seht her, Leute, seht her. Es läuft.

Interview: Erik Heier

Foto oben: Ralph Anderl

Foto unten: Esra Rotthoff

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