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Ein Interview mit Friedrich Liechtenstein

Friedrich Liechtenstein

Die goldenen Fingernägel. Frisch manikürt sind die. Goldfinger. Sieht so ein Mann aus, der auf die 60 zugeht? Friedrich Liechtenstein sehr wohl. Schon, wie er da über die Straße schlendert. Haupthaar, Barthaar, Sonnenbrille. Alles sitzt. Alles lässig. Sein Lieblingscafй in der Alten Schönhauser, kurz vor elf, ein Tisch draußen. Noch einige Stunden bis zur Premiere seines neuen Buches „Selfie Man. #DerTagIstDeinFreund“ abends in der Volksbühne. Früher, sagt Liechtenstein als Erstes, wäre er schon etwas nervös deswegen. Aber jetzt doch nicht mehr. Steht er drüber. Völlig. Reden wir also. Über Alter, über Coolness. Über cooles Alter.

tip Im Buch steht als Geburtsjahr „1956, 1957 und 1959“. Machen Sie sich lieber älter oder jünger?
Friedrich Liechtenstein Älter. (lacht)

tip Welches Geburtsjahr stimmt denn nun?
Friedrich Liechtenstein Nichts von dem. Aber es ist ja auch Friedrich Liechtenstein. Der hat sich selbst erfunden.

tip Das war aber 2002! Herr Liechtenstein, so gesehen sind Sie noch nicht mal ein Teenager.
Friedrich Liechtenstein Genau. Blutjung.

2002 also. Das Jahr, in dem sich der Puppenspieler und Theatermacher Hans-Holger Friedrich zum Entertainer und Popstar Friedrich Liechtenstein erklärte. Weil es keine Förderungen mehr für seine oft schrägen Projekte gab. Und er? Nahm eben die nächstbesten Bühnen. Clubs, Bars. Die Volksbühne. Hat dann Platten mit Elektro-Produzenten gemacht. Kam nicht groß raus, aber gut rum. Hat jetzt sogar auch wieder eine CD draußen: „Bad Gastein“. Sehr schön übrigens. Sehr entspannt.

Friedrich Liechtensteintip Bei Ihren Auftritten sind die Leute im Publikum locker 30 Jahre jünger als Sie. Gutes Gefühl?
Friedrich Liechtenstein Wunderschön. Sich mit jungen Leuten zu umgeben, macht viel mehr Sinn, als mit Alten abzuhängen.

tip Weshalb nicht mit Leuten Ihres Alters?
Friedrich Liechtenstein Ich kriege wirklich Angst, wenn ich mit Gleichaltrigen in einer Runde sitze. Das betrübt mich. Wenn 60-Jährige vielleicht erzählen, wie früher das Theater geil war. Da will ich ganz schnell wieder weg.

tip Was können die Kids von Ihnen lernen?
Friedrich Liechtenstein Früh anfangen mit allem und lange durchziehen.

Mit Mitte 40 ins Nachtleben. Heute gar nicht unnormal. Vor zehn, zwölf Jahren auch? Nun ja. Aber er musste Dinge nachholen. Dinge in der Nacht. Mit Anfang 20 war er so weit wie andere mit Anfang 40. Haus, Hund, drei Kinder, zwei Autos. Einen Garten mit Spalierobst. Dorfidylle im Elbsandsteingebirge. Dann aber, durch diverse Umstände: alles auf Anfang. Alles neu. Auch: Nachtleben satt. Berlin.

tip Stehen die jungen Leute in den Clubs für Sie auf?
Friedrich Liechtenstein Nein. Hm. Vielleicht. Aber nicht, weil sie denken, ich könne nicht mehr stehen. Obwohl: Es gibt Unterschiede. Manche denken, ich wäre ur-ur-uralt.

tip Das macht sicher der Bart.
Friedrich Liechtenstein Genau, der Bart. Andere denken, ich wäre eigentlich genau wie sie. Auf Augenhöhe kommuniziere ich aber am liebsten mit um die Dreißigjährigen.

Friedrich Liechtensteintip Wie oft sind Sie noch auf der Piste unterwegs?
Friedrich Liechtenstein Seit Februar bin ich gar nicht mehr zum Feiern gekommen. Ich muss früh aufstehen. Immer gut aussehen. Die Ruhe ist dahin.

tip Man ist irgendwann eben doch keine 35 mehr.
Friedrich Liechtenstein Genau. Ich hab’s auch mit dem Rücken aktuell. Das hatte ich aber auch schon als Dreißigjähriger. Hat also nicht nur mit dem Alter zu tun.

Stimmt ja. Irres Pensum gerade. Das Buch, die CD. Dazu ein Film von Matthias Schweighöfer, da spielt er einen laut Selbstaussage „alkoholkranken Volldeppen“, einen „lustigen Klischee-Ossi“. Deshalb ist der Bart gerade reichlich zauselig. So, wie ihn früher auch DDR-Bürgerrechtler trugen. Und dann ist eine arte-Serie über „romantische Tankstellen“ in Vorbereitung. So geht das. Zack, zack, zack.

tip Nicht nur in Ihrem „Selfie“-Buch sieht man Sie ja oft mit jungen Dingern. Keine Scheu, dass das irgendwann man nach hinten losgeht?
Friedrich Liechtenstein
Auf jeden Fall. Ist gefährlich. Schön, aber gefährlich.

tip Das Risiko des Ruhms: eben noch cooler Graubart, plötzlich peinlicher Lustgreis.
Friedrich Liechtenstein Ich passe ja auch auf.

tip Wie denn? Indem Sie auch mal Nein sagen?

Just in diesem Moment: Auftritt junger Hipster. Einer, der gerade die Alte Schönhauser entlangschlendert. Vielleicht Tourist, jedenfalls Amerikaner. Er hat eine Kamera.

Junger Mann Can I just take a picture of yours?
Friedrich Liechtenstein (ohne Zögern) Okay!

Fotografiert werden. Das kennt er ja. „Selfie Man“. Nervt ihn das gar nicht? Na ja. Eine Zeit lang war es schon heikel. Da sahen die Leute in ihm nicht den Künstler, sondern das Allgemeingut. Einer, erzählt Liechtenstein, habe ihm sogar mal beim Essen auf den Rücken gehauen, von hinten, einfach so. Das ging zu weit.

Fotos: Ralph Anderl

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