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Ein Interview mit Tim Renner

Tim Rennertip Sie definieren Ensemble nicht als Bindung zum Beispiel durch Festanstellung im Ensemble, sondern dadurch, dass sich Künstler, unter welchen Vertragskonditionen auch immer, einem gemeinsamen Projekt verbunden fühlen?
Tim Renner Genau darüber reden wir, wenn es um Regisseure und andere Macher geht. Es geht um Leute, die in Projekten zusammenarbeiten und sich als Teil dieses Hauses fühlen sollen. Darum geht es. Nur, um Missverständnissen vorzubeugen: Die Volksbühne bleibt ein Produktionsort, sie wird keine reine Abspielstation oder eine Festival-Bühne.

tip Offenbar befürchtet man aber in Monika Grütters’ Staatsministerium für Kultur und Medien, dass Sie aus der Volksbühne ein Festival-Haus machen wollen. Das ist konfliktträchtig, weil Sie damit den vom Bund betriebenen Berliner Festspielen Konkurrenz machen. Für den Fall solcher Parallelstrukturen denkt der Sprecher der Ministerin Grütters öffentlich darüber nach, dass der Bund seine Zuwendungen für die Berliner Kultur, etwa 500 Millionen Euro im Jahr, absenken könnte. Das klingt wie eine Drohung. Zumal Sie derzeit mit dem Bund den neuen Hauptstadtkulturvertrag verhandeln, der die Bundeszuschüsse für die Berliner Kultur regelt. Steuern Sie aus Versehen auf einen Krach mit der Bundesregierung zu, der für die Berliner Kultur ziemlich fatal wäre?
Tim Renner Nein. Frau Grütters ist viel zu professionell, um öffentlich auf Gerüchte zu reagieren. Würde sie ein Problem mit unseren Entscheidungen für die Volksbühne haben, hätte sie sich gewiss beim Regierenden Bürgermeister oder bei mir gemeldet. Das hat sie nicht getan. Ich kann überhaupt keinen Konflikt mit Frau Grütters erkennen. Hier scheint ein Sprecher während des Urlaubs der Chefin etwas vorschnell gewesen zu sein.

tip Die von Dercon umworbene Compagnie Rosas und die Arbeiten von Boris Charmatz kann man in Berlin auch beim Tanz im August und bei den Berliner Festspielen sehen. Das unterfinanzierte HAU und das Performing-Arts-Festival Foreign Affairs widmen sich genau den hybriden Formen, die die neue Volksbühne zeigen soll. Konkurriert demnächst ein dritter Veranstalter um die gleichen Künstler, Fördertöpfe und ein eher überschaubares -Publikum?
Tim Renner Wenn die Volksbühne ohne feste Regisseure und Künstler arbeiten würde, hätte sie dieses Problem. Aber da dem nicht so ist, habe ich diese Sorge nicht.

tip Auch beim Humboldt-Forum arbeiten Sie mit dem Bund zusammen. Sie und Kultursenator Müller haben vor Kurzem, für Außenstehende etwas überraschend, für die von Berlin bespielten Räume das Konzept einer Berlin-Ausstellung vorgelegt. Die öffentliche Reaktion darauf war nicht besonders begeistert. Braucht Berlin an einem so zentralen Ort eine Mischung aus Heimatmuseum und Stadtmarketing? Und kann es sein, dass Ihr Konzept, ein paar Wochen vor dem Richtfest des Rohbaus, noch sehr vage ist?
Tim Renner Wir wollen ganz sicher kein Heimatmuseum im Humboldt-Forum errichten. Wir wollen auf den Berliner Flächen interaktiv erlebbar machen, was Berlin zur Weltstadt werden ließ, wie in den letzten 200 Jahren Berlin die Welt und die Welt Berlin veränderte. Dort, wo das verstanden wurde, haben wir eigentlich nur Zuspruch erhalten. Wir haben da eher ein Vermittlungsproblem, denn das Konzept ist aus gutem Grund noch vage. Wir können als Land Berlin nicht daherkommen und unseren Partnern vom Bund sagen: Hey, wir wissen, wie es geht, wir haben das coole Konzept. So funktioniert es nicht. Die alten Planungen waren aus vielen Gründen obsolet geworden, wir mussten das neu denken. Daran arbeiten wir mit unseren Partnern im Haus und bald sicher auch mit Neil MacGregor. Ich sehe auch keinen Zeitdruck. Die Eröffnung ist für 2019 geplant.

tip Was macht eigentlich Ihre heitere Idee, Theaterpremieren via Livestream im Internet zu übertragen?
Tim Renner Wir haben einen sparten-übergreifenden Workshop gemacht. Wir haben dort grundlegende Fragen diskutiert: Was ist eigentlich digital möglich? Was kann man, zum Beispiel, von der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker lernen? Welche Erfahrungen gibt es mit Google? Wo habt ihr Handlungsbedarf? Ein Thema ist: Wie nutze ich die Digitalisate, die schon jetzt mit viel Geld gehoben werden? Da betrifft den ganzen Bereich Gedenkkultur und Museen. Ein anderes Thema ist: Wie fixe ich Leute für die Kulturform Theater an, wie bekomme ich dafür eine andere Verbreitung?

tip Aber Sie sagen mir jetzt nicht, dass Sie nicht wissen, dass die Theater längst online mit Clips ihrer Inszenierungen
werben?
Tim Renner Nein, wir wollen weiter. Wir arbeiten da zum Beispiel mit dem Maxim Gorki Theater an einem interessanten Projekt. Das Gorki experimentiert mit Virtual-Reality-Brillen. In Verbindung mit einem Smartphone ermöglichen sie dem Betrachter in einer 360-Grad-Perspektive lebendiges Theaterstreaming. Das ersetzt natürlich nicht den wirklichen Besuch, eröffnet aber zusätzliche Möglichkeiten, etwa für den internationalen Kulturaustausch. So können Botschaften und Goethe-Institute Livestreamings aus Berliner Theatern in ihren Kulturprogrammen anbieten. Das Auswärtige Amt ist an Bord.
Das sind Sachen, die beim Streaming spannend sind.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos Tim Renner: David von Becker

Foto Volksbühne: Thomas Aurin

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Der Politiker
Tim Renner (50 Jahre) ist seit dem 28. April Berlins Kulturstaatssekretär – der zweitmächtigste Kulturpolitiker der Stadt nach dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Müller. Der studierte Germanist schrieb in den 80er-Jahren Pop-Kolumnen für Stadtmagazine und moderierte beim NDR eine Radiosendung. Mit seiner 1994 gegründeten Plattenfirma Motor Music GmbH entdeckte er unter anderem Bands wie Rammstein, Tocotronic oder die Sportfreunde Stiller. Zwischen 1999 und 2004 war Renner Präsident von Universal Music.

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