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Ein Interview mit Tim Renner

Tim Renner

tip Herr Renner, was haben Sie in Ihrem ersten Jahr als Kulturstaatssekretär für die Berliner Kultur erreicht?
Tim Renner?Erst mal habe ich mich in das komplexe Thema und vor allem in den politischen Betrieb einarbeiten müssen. Das hat natürlich Zeit gekostet. Wir haben unter anderem die Zusammenarbeit zwischen der Freien Szene und der Kulturverwaltung verbessert. Das Verhältnis war gestört, weil die Freie Szene nachvollziehbarerweise enttäuscht darüber war, dass sie bisher kaum von der City-Tax profitiert, die sie selbst vorgeschlagen hat. Wir reden sehr regelmäßig mit der Koalition der Freien Szene, auch um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Von den City-Tax-Einnahmen werden in diesem Haushaltsjahr 1,384 Millionen an die Kultur ausgeschüttet. Wir wollen, dass das sauber Richtung Freie Szene geht. Wir haben zudem ein Kultur-Kataster erarbeitet, weil wir wissen wollten, wo in den Bezirken Liegenschaften sind, die kulturell genutzt werden oder kulturell genutzt werden könnten. Darüber gab es bisher keinen Überblick. Wir haben uns in den Portfolio-Ausschuss reingedrängelt, um uns bei der Frage, wie mit öffentlichen Liegenschaften umgegangen wird, möglichst früh einbringen zu können. Für uns ist klar, dass es unbedingt zur Kulturförderung in Berlin gehört, bezahlbare Räume für Künstler zu sichern. Ein Beispiel ist das Atelierhaus Prenzlauer Promenade, das konkret bedroht war. Da konnten wir alle Parteien an einen Tisch bringen und haben jetzt einen gemeinsamen Plan, um hoffentlich nicht nur die Ateliers zu erhalten, sondern sogar noch mehr zu schaffen.

tip Die „Berliner Zeitung“ wirft Ihnen „Verrat an der Kunst“ vor, der „Tagesspiegel“ bezweifelt Ihre „Hochkultur-Credibility“. Claus Peymann beschimpft Sie lautstark als „Fehlbesetzung“ und „Niete“, Frank Castorf macht sich über Ihre Theaterkompetenz lustig. Kann es sein, dass Sie ein Akzeptanzproblem haben?
Tim Renner Nein. Ich habe ein Problem mit zwei Intendanten, deren Verträge wir nicht beziehungsweise nur begrenzt verlängert haben. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Es ist auch nicht überraschend, dass Oppositionspolitiker solche Steilvorlagen nutzen und dass Journalisten unterhaltsame Artikel darüber schreiben.

tip Bevor wir hier nur über ärgerliche Dinge reden: Haben Sie schon die neue Tocotronic-CD gehört?
Tim Renner Leider noch nicht. Ich bin alter Tocotronic-Fan.

tip Sie haben dankenswerterweise, als Sie noch für die Musikindustrie gearbeitet haben, die ersten Tocotronic-Platten rausgebracht. Tocotronic gibt es jetzt seit 22 Jahren, ein Jahr länger als die Castorf-Volksbühne, die Sie unbedingt „neu denken“ wollen. Würden Sie einen Manager ernst nehmen, der Tocotronic jetzt mal neu denken will und den Sänger Dirk von Lowtzow rauswirft? Wäre so ein innovationsfreudiger Manager respektlos oder nur dumm?
Tim Renner Ich weiß, dass ich hier mit dem Castorf-Fanclub rede. Im Gegensatz zu Frank Castorf ist Dirk von Lowtzow allerdings nur für die eigene Kunst, nicht für eine Institution und viele andere Künstler verantwortlich. Wenn Dirk neben der Band ein Label gegründet hätte und man sagen müsste, die Künstler, die er irgendwann rausgebracht hat, sind zwar super, aber auch immer dieselben wie vor 15 Jahren, und allzu oft ist er auch nicht am Schreibtisch, um für sein Label zu arbeiten – dann müsste man vielleicht sagen: Konzentrier dich auf deine großartige Band, und das Label übernimmt jemand anderes. Übertragen auf Castorf: Es ist wunderbar, dass er weiter Regie führt, auch in Berlin, aber die Volksbühne macht ab 2017 jemand anderes.

Die Volksbühne in Berlintip Ich weiß ja nicht, was Sie so in letzter Zeit an der Volksbühne gesehen haben. Ein Extrem-Performer wie Vegard Vinge oder der Isländer Ragnar Kjartansson, der eine seltsame Inszenierung ohne Schauspieler zeigt („Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“) sind ziemlich neu – und sie wären an keinem anderen Theater möglich. Es stimmt einfach nicht, dass sich die Volksbühne nur noch selbst wiederholt.
Tim Renner „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ brauchte kein Ensemble – ich kenne Leute, die nennen so etwas Eventkultur. Mal ehrlich, wann war die Volksbühne am allerspannendsten? Prägende Namen wie Marthaler, Fritsch, Pollesch und natürlich Schlingensief, das ist länger her, dass die dort ihren ersten Aufschlag hatten, oder?

tip Die Volksbühne ist immer wieder mal extrem spannend. Man muss nur hinsehen.
Tim Renner Lassen Sie es uns anders angehen: Wofür braucht Berlin die Volksbühne? Um immer wieder neue Impulse zu setzen. Ist das in den letzten Jahren häufig genug gelungen? Kann man Strukturen schaffen, in denen die Volksbühne wieder so innovativ ist wie in den 90er-Jahren? Das versuchen wir. Frank Castorf, den ich fast so sehr bewundere wie Sie, wird hoffentlich weiter in der Stadt arbeiten.

tip Hoffen Sie das oder wissen Sie das?
Tim Renner Er hat mir selbst gesagt, dass er mit Peymanns Nachfolger, Oliver Reese, über Inszenierungen am BE redet. Ich glaube nicht, dass an der Volksbühne nach Castorfs Intendanz in zwei Jahren die Arbeitsbedingungen für Könner wie Renй Pollesch und Herbert Fritsch schlechter sein werden als heute. Meine Hoffnung ist, dass es die neue Leitung schafft, diese Künstler genauso für das Haus zu begeistern, wie das Frank Castorf gelungen ist.

tip Und, welcher Museumskurator wird Nachfolger von Castorf?
Tim Renner Ob es überhaupt jemand ist, der auch schon kuratiert hat, und wie die Person heißt, das machen wir bekannt, wenn die Verhandlungen abgeschlossen sind, so, wie es sich gehört.

tip Es ist ja kein Geheimnis, dass Sie mit Chris Dercon, dem Direktor der Tate Modern Gallery, verhandeln. Es ist auch kein Geheimnis, dass Chris Dercon um den Konzept-Choreografen Boris Charmatz und die Rosas-Choreografin De Keersmaeker wirbt. Wird die Volksbühne vom Ensemble-Theater zum Gastspiel-Haus, für das ein Kurator einkauft, was grade en vogue ist – zum Beispiel als Außenstelle des Performing-Art-Programms der Tate Modern?
Tim Renner Ich werde Spekulationen nicht kommentieren. Aber die Volksbühne bleibt ein Theater mit einem Ensemble, sie wird kein Festival-Haus.

tip Was verstehen Sie unter einem Ensemble?
Tim Renner Etwa das, was wir jetzt an der Volksbühne haben. Dort arbeiten derzeit elf fest engagierte Künstler und 69 Künstler mit freien Verträgen.

tip Versuchen wir es mal inhaltlich: Wo soll es hingehen mit der Volksbühne nach Castorf? Geht es vor allem um mehr oder weniger hippe Events?
Tim Renner Wir schätzen außerordentlich, dass die Volksbühne bereits crossmedial und jenseits aller Genregrenzen denkt und nicht an einem alten Theaterbild klebt. Das ist ein Großteil des Werts, der die Volksbühne ausmacht.

tip Aha.
Tim Renner Diese besondere Qualität gilt es auf jeden Fall weiterzuentwickeln.

tip Sie wollen, dass die Zukunft der Volksbühne von hybriden Formen zwischen Medien-Installation, Tanz, Performing Arts, Film, Bildender Kunst, Musik und Sprechtheater geprägt ist?
Tim Renner Das würde ich auf keinen Fall dementieren. Sie sehen, wie ich nicke. Auch der von mir hochgeschätzte Christoph Schlingensief hat sich zwischen Film, Bildender Kunst und Theater bewegt. Und auch er war nicht als Ensemblemitglied bei der Volksbühne angestellt. Trotzdem hat er sich, genau wie Renй Pollesch, dort beheimatet gefühlt.

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