• Kultur
  • Ein Viertel so schön wie Essen

Kultur

Ein Viertel so schön wie Essen

Erik Heier
Liebe Leute, wird das ein Spaß! Ein 14-Saal-Multiplex­kino, zwei Hotels, eine neue 4?000-Plätze-Halle, die 28-spurige Lifestyle-Bowlingbahn, viele Cafйs, Büros und Wohnungen. Und ein großer Platz mit 30 Platanen und einem Fontänenfeld, der nach dem neuen Sponsor der Großraumare­na am Ostbahnhof Mercedes-Platz heißen soll. Angesichts dieser Pläne der amerikanischen Anschutz-Gruppe für ein Entertain­ment-Viertel möchte man umgehend nach Essen, Köln, Dresden oder in jede andere im Krieg zerbombte deutsche Innenstadt reisen, um sich jetzt schon an jenem fußgängerzonenhaften Unterhaltungs­flair zu erlaben, das ab circa 2018 am Friedrichshainer Spreeufer herrschen wird. Natürlich wird die Entscheidungsfindung für das vergnü­gungs­affine Publikum auf der Warschauer Brücke nicht einfacher: Gehe ich mir jetzt rechts von der Brücke auf dem RAW-Gelände die Birne zuknallen oder doch lieber auf der linken Brückenseite auf die Lifestyle-Bowlingbahn? Was immer eine Lifestyle-Bowlingbahn auch ist. Jedenfalls dürfte sich das neue Viertel genauso harmonisch in die umliegende Friedrichshainer Kiezstruktur einfügen wie jetzt schon der Potsdamer Platz in die Kreuzberger Nachbarschaft. Bei dem man ja immer wieder loben muss, dass er seine Funktion gut erfüllt. Nämlich die, zum Beispiel die Schwiegermutter aus dem Sauerland für mindestens einen halben Tag von der richtigen Stadt fernzuhalten. Für das Spree­ufer haben die Planer nun sogar das typische Berliner Kleinpflaster vorgesehen, auf dem man ja auch die Rollkoffer viel besser hört. Dazu jene Gehwegplatten, für die die Stadt weltweit beliebt ist, vor allem in Verbindung mit dem Schild „Gehwegschäden“. So will man das Hochglanz-Viertel „erden“, wie ein Anschutz-Manager neulich verkündete. Außerdem wird bald ein 50?000-Quadrat­meter-Einkaufszentrum an der Brücke gebaut. Toll! Natürlich werden die üblichen Berliner Kleingeister jetzt motzen, dass dann diese ganze durchgeknallte Mischung aus Prolltouristen, Sauf­wochen­end­ausflüglern und Flatrate-Idioten das Viertel neuen Types flutet. Aber genau das ist doch die Zielgruppe! Man müsste nur noch einfach einen Zaun um das ganze Areal ziehen, die Tore abschließen und hin und wieder ein paar Currywürste reinwerfen. Dann wäre rundherum Ruhe.

Text: Erik Heier

Mehr über Cookies erfahren