• Kultur
  • Eine Begegnung mit Professor Robert Thurman

Kultur

Eine Begegnung mit Professor Robert Thurman

robert_thurman_c_jan_wirdeier_hipiIn einem Hinterhof abseits der Brunnenstraße soll im Cafй des Jivamukti Yoga Zentrums das Treffen mit Robert Thurman stattfinden. Um die Wartezeit des akademischen Viertels zu überbrücken, wird Kaffee angeboten – optional mit Soja- oder Mandelmilch. Es ist ein veganes Cafй. Dann tritt Professor Thurman festen Schrittes mit viel Dynamik herein und entschuldigt sich für die Verspätung: „Ich habe gestern einen Vortrag in Virginia gehalten, bin dann nach New York geflogen, um meine Frau abzuholen, und dann gemeinsam mit ihr heute Morgen in Berlin gelandet.“ Die Reisestrapazen merkt man dem 71-jährigen, der als Professor für Indo-Tibetische Buddhistische Studien an der New Yorker Columbia Universität lehrt, nicht an. Er ist wach, freundlich und sehr präsent. „Kennen Sie meinen Sohn?“, fragt er, denn sein Sohn Dechen ist eng befreundet mit der Direktorin des Yoga Zentrums, Anja Kühnel. Er war ihr Mentor und es entwickelte sich im Zuge von 800 Ausbildungsstunden eine Freundschaft. Dechen Thurman kommt regelmäßig nach Berlin, um so genannte Yoga Retreats bei Jivamukti zu geben. Manchmal kommt auch sein Vater und gibt in Berlin ein Yoga-Seminar. Sohn Dechen gilt als einer der besten Yoga-Instruktoren der Welt, was vermutlich nahe liegt, wenn der Vater ein enger Freund des 14. Dalai Lama und der erste zum tibetisch-buddhistischen Mönch ernannte Amerikaner ist. Und dann wäre da noch Schwester Uma – die nicht wegen Yoga berühmt geworden ist, sondern als Filmstar in Hollywood.

Was Yoga anbelangt, sei er sehr liberal, sagt Thurman. „Es ist ein prima Workout. Man musst nicht Buddhist sein, um es auszuüben“. Von Bekehrerdrang ist im Dialog mit ihm nichts zu spüren. Durchaus aber ein großes politisches Anliegen und eine tiefe Verbundenheit zu Tibet. Entstanden ist sie vor fast fünf Jahrzehnten. Als Thurman Anfang der sechziger Jahre bei einem Unfall ein Auge verlor, änderte er sein Leben, ließ sich scheiden und reiste einige Jahre durch die Türkei, den Iran und Indien. Er wurde Buddhist und schloss Freundschaft mit dem Dalai Lama. „Menschen ist der westlichen Welt gehen irrtümlich davon aus, dass Europa und Amerika der Gipfel der zivilisierten Welt seien. Wir glauben alles zu wissen. Wir haben BMW’s, Flugzeuge und all das. Aber wir haben auch nukleare Waffen, wir bringen den gesamten Planeten in Gefahr. Wir haben den Klimawandel und Atomkriege. Wir haben eine Menge guter Maschinen erfunden, sind aber innerlich nicht besonders ausgeglichen.“

Die Kellnerin bringt den Cappuccino und fragt, ob er gerne Zucker dazu hätte. „Nein danke“, sagt Thurman. Zum Verfeinern seines Getränks hat er das Süßkraut Stevia mitgebracht. „Das ist gesünder“, meint er und zwinkert freundlich. Trotz aller Philosophie und Globalität strahlt er etwas Jungenhaftes, ja fast Schelmisches aus. In der akademischen Welt ist Thurman anerkannt wegen seiner herausragenden englischen Übersetzungen und Erklärungen von religiösen und philosophischen Texten des tibetischen Buddhismus. Zu seinen Grundüberzeugungen gehört ein fester Glaube an das Gute im Menschen: „Wenn jemand ein netter Mensch ist, sagen die Leute‚ das muss von den Eltern kommen, oder von der Gesellschaft.“ Ein Irrtum, meint Robert Thurman: „Menschliche Wesen sind freundlich. Sie sind jedoch in der Lage zu jeder nur denkbaren Tat. Freud hatte Recht mit dem Unterbewusstsein, wir können auf unterschiedlichste Art und Weise handeln. Aber Menschen sind eigentlich nicht dazu ausgestattet, um gewalttätig zu sein. Wir haben weder Klauen, noch Vampirzähne.“ 

Der amerikanische Professor redet voller Überzeugung, doch in Anbetracht täglich stattfindender Gräueltaten muss an dieser Stelle eine kritische Zwischenfrage erlaubt sein: Schließt Thurman denn grundsätzlich aus, dass Menschen von Anfang an Böses in sich tragen? „Aber natürlich tun sie das nicht!“, ruft er energisch. „Wenn wir kooperieren, von anderen lernen und unsere Ideen mit denen anderer zusammenbringen, dann können wir nukleare Waffen herstellen und sind im Stande jeden umzubringen. Aber eigentlich sind wir behutsame Kreaturen.“ Behutsame Kreaturen, die vor allem lernfähig sind. Denn die Bestimmung des menschlichen Daseins, so das Credo des Professors, sei das Lernen. „Das menschliche Hirn hat eine unendliche Kapazität. Es ist unglaublich. Der Geist ist möglicherweise sogar noch stärker als das Hirn. Denn Menschen haben transzendente Erlebnisse, zum Beispiel wenn sie träumen.“ So ist sein Rat an seine Studenten stets der, so viel zu lernen wie sie können und nicht auf Leute zu hören, die ihnen einreden, sie würden weder die Welt noch sich selbst verstehen. „Sie können alles verstehen, was sie wissen müssen, um ein wirklich glückliches Leben zu führen, um gütig und liebevoll mit anderen umzugehen und um ehrliche Freundschaften und Beziehungen zu haben. Aber sie müssen möglicherweise an Orten suchen, an denen sie es nicht erwartet hätten.“

So wie er selbst: „Für mich sind Traditionen wie Yoga und Buddhismus nicht nur eine religiöse Angelegenheit. Es sind Lernprozesse. Es geht um Wissen.“ Und darum, dass man nie aufhören soll, Fragen zu stellen: „Das ist meine Lieblingsthese!“, ruft der Professor und springt fast vom Cafetisch auf. „Die Leute wollen ja normalerweise raus aus der Schule, so schnell es geht. Dann werden sie zu Sklaven, sie werden so müde, dass sie nur noch in der Lage sind, fernzusehen und hören auf, ihren Geist zu erweitern. Ich sage meinen Studenten immer, sie sollen so lange in der Uni bleiben, wie die Eltern noch bereit sind, dafür zu zahlen. Schule ist die beste Zeit des Lebens.“

Text: Marie Wellmann

Foto: Jan Wirdeier / HIPI

Jivamukti Yoga Berlin Mitte Brunnenstraße 29, Mitte, Tel. 48 49 19 48, www.jivamuktiberlin.de

RAQUEL ARTILES ÜBER CATARA

Mehr über Cookies erfahren