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Berliner Straßen

Eine friedliche und freie Welt – Die Motzstraße in Schöneberg

Die Schöneberger Motzstraße hat eine lange Geschichte, die genauso bunt und abwechslungsreich ist wie die Menschen, die dort wohnen – und wohnten

Willi Hepperle, der Betreiber von Motzbuch

Wenn man vor dem Eldorado steht und den originalen Schriftzug betrachtet, kann man sich leicht in die wilden 1920er-Jahre zurückdenken. Federn, Herren in schicken Fracks und jede Menge Alkohol, Drogen und Partys und eben das Theater Eldorado scheinen zum Leben zu erwachen. Damals tobte hier das Party- und Nachtleben. Vor allem fühlten sich schon damals Schwule aber auch Lesben hier wohl, wofür die Straße bis heute bekannt ist. Angefangen hat diese Geschichte unter anderen mit den berüchtigten Travestie-Shows im Eldorado.

Inzwischen, bald 100 Jahre später, toben dort höchstens noch ernährungsbewusste Kiezbewohner und Touristen mit Laktoseintoleranz herum. Die Speisekammer, ein Bio-Laden, hat sich im ehemaligen Theater eingerichtet, den alten Schriftzug aber behalten. So viel Sinn für die Historie der Straße muss sein, die hier bei aller hedonistischen Lebensfreude nicht vergessen werden sollte. Denn die Ausschweifungen in Zeiten der Weimarer Republik fanden hier ein jähes Ende, Schwule und Lesben wurden in der NS-Zeit verfolgt und ermordet. Daran erinnert eine Gedenktafel am Nollendorfplatz.

Erinnerung ist wichtig, doch längst dominiert wieder die Lebensfreude. Schwules Leben ist in der Motzstraße selbstverständlich. Zwei Männer mit Sonnenbrillen, Glatze, und Hotpants, laufen Händchen haltend die Straße entlang. Vorbei an Cafés, in denen gleichgeschlechtliche Paare entspannt sitzen, rauchen und die Atmosphäre genießen. „Hier müssen sie sich nicht so verstecken“, sagt Willi aus der Buchhandlung Motzbuch. Zwischen sich biegenden Regalbrettern und hunderten Büchern sitzt wohl der beste Geschichtenerzähler der Straße. Seit 35 Jahren lebt und arbeitet Willi schon hier. Zu jeder Geschichte hat der Buchhändler einen Titel parat, den er auch blitzschnell aus dem Regal fischt, damit man das Buch ehrfürchtig bewundern kann. Willi kennt sich hier aus, kennt jedes Buch und erinnert sich auch noch 25 Jahre später an das kleine Mädchen, das inzwischen erwachsen und mit eigener Tochter im Laden steht. Auf die Frage, warum hier wohl so viele bekannte Menschen gelebt haben, antwortet Willi nur schulterzuckend: „Naja, das zeigt wohl, dass es hier halt schon immer schön war.“

Er erzählt vom einen befreundeten homosexuellen Schriftsteller mit Fesselvorrichtungen am Bett und von all den Persönlichkeiten, die in der Motzstraße gelebt haben. Der Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner genauso wie Erich Kästner, Billy Wilder und viele mehr nannten die Motzstraße ihr Zuhause. Die deutsch-jüdische Lyrikerin Else Lasker-Schüler bewohnte jahrelang ein besonderes Haus in der Motzstraße: Das Dachgeschosszimmer im Hotel Koschel, das heute Sachsenhof heißt, woran eine Gedenktafel erinnert. Oft kommen hier auch Kinder vorbei, die auf den Spuren von Herrn Grundeis sind, dem Bösewicht aus Kästners „Emil und die Detektive“. Im Roman hat der zwielichtige Herr seinen Hut in diesem Hotel vergessen, der nun im Foyer bestaunt werden kann.

Schaufenster in der Motzstraße

Else Lasker-Schüler floh bereits 1933 vor den Nazis, die sich in gewissen Sinne in der Motzstraße 22 schon um 1920 in dem jungkonservativen Juniklub um Alexander von Gleichen-Rußwurm und Arthur Moeller in Stellung brachten. Die nationalistische Männer-Organisation verfasste eine völkische Zeitschrift namens „Gewissen“ und hatte auch mal Adolf Hitler als Redner zu Besuch.

Unweit der Rechtsintellektuellen wohnte der Journalist Ludwig Bothe, der aufgrund seiner Homosexualität mit seinem Lebenspartner deportiert wurde. So ist die Motzstraße eine Ort der Gegensätze, an dem die Geschichte Berlins deutlich spürbar wird.

Heute ist die Straße Jahre nicht nur ein Symbol des schwulen Lebens in Berlin sondern auch ein weit über die Grenzen der Stadt und des Landes bekannter Hotspot für schwule und nichtschwule Touristen. In den vielen Kneipen und Kaffees hört man Englisch, Spanisch, Französisch und andere Sprachen. Es gibt hier ein schwules Hotel, einen Leder-Sexspielzeug-Läden und in allen Schaufenster hängen die Regenbogenflaggen.

Wenn man durch die Straße läuft, ist man für den Moment in einer friedlichen und freien Welt, in der es überall etwas zu entdecken gibt: interessante Bondage-Lederfesseln, Geschichten und Geschichtchen und mittendrin Motzbuch. Die kleine Buchhandlung ist das Herzstück der Straße.

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