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Eine selbst fahrende Busflotte ist denkbar

Die führende Smart City in Europa – das ist die Senatsvision für das Jahr 2030. Angesichts täglicher Staus und Sperrungen, langwieriger Baustellen, häufiger S-Bahn-Ausfälle und eines höchst unfertigen Neu-Flughafens eine überaus kühne Prognose.
Der Mobilitätsforscher Andreas Knie aber sagt: „Berlin hat durchaus gute Voraussetzungen, eine Smart City zu werden. Die Infra­struktur, der öffentliche Nahverkehr und die Menschen, die sich eine lebenswerte Stadt wünschen, sind bereits vorhanden.“ Doch dafür sei jetzt die politische Ebene gefragt: „Wenn hier nichts geschieht, werden sich auch in 15 Jahren noch Blechlawinen durch unsere Straßen schieben.“
Professor Andreas Knie vom Berliner Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel beschäftigt sich mit der Entwicklung von Verkehr und Energie in urbanen Ballungsräumen. „Städte wie Zürich, Kopenhagen oder Paris investieren bereits konkret in Nachhaltigkeit und ­regenerative Energien. Wir hinken da noch hinterher.“ Denn im Berlin der Zukunft bewegt man sich postfossil: ausschließlich auf Basis alternativer und regenerativer Rohstoffe. Nach den Plänen des Senats legen die Berliner künftig den Großteil ihrer Wege im öffentlichen Nah­verkehr, zu Fuß oder per Rad zurück.
Auch die Prognose von Andreas Knie und seinem Institut kommt zu diesem Ergebnis. In den städtischen Verdichtungsräumen wird der Alltagsverkehr danach in aller Regel multi­modal abgewickelt. Für jede Gelegenheit stehen Busse und Bahnen, Räder und Autos zur Verfügung, man checkt sich morgens ein und abends einfach wieder aus. Information, Buchung und Zugang werden genauso wie die Abrechnung digital organisiert, Schalter oder Fahrkartenautomaten gibt es nicht mehr. Die Erreichbarkeit ist besser, der Verkehr flüssiger, der Energieverbrauch niedriger – alles auf Grundlage erneuerbarer Energien. Und Autos werden Gemeinschaftsgüter, die allen zur Verfügung stehen. Überall, jederzeit.
Wird es aber auch 2030 noch keine fliegenden Autos und Roboter-Busfahrer geben? „Es ist denkbar, eine selbst fahrende Flotte mit automatisierten Fahrzeugen in der Stadt zu haben“, sagt Knie. „Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es in der Zukunft vermehrt darum geht, noch mehr clevere Lösungen zu finden, sich durch die Stadt zu bewegen und dabei Kombinationen öffentlicher Angebote und digitaler Medien zu nutzen.“
Auch für die Informatikerin Ina Schiefer­decker, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme und Professorin an der Freien Universität Berlin, geht der Weg hin zu einer Smart City nicht nur über neue, mitunter futuristische Techno­logien, sondern vor allem über das Vernetzen verschiedener Daten- und Informationssysteme. „Heute geht viel Zeit wegen Staus, fehlerhaften Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr oder fehlenden Übergängen zu anderen Verkehrsmitteln verloren“, sagt Schieferdecker, die am Berliner Stadtrand wohnt und das Problem selbst zur Genüge kennt. „Wenn wir es schaffen, live und zeit­naher zu informieren und besser individuelle, tagesaktuelle Routen über mehrere öffentliche und kommerzielle Anbieter bis hin zu Citybikes und Carsharing zu ermöglichen, dann kann viel Zeit und Geld gespart werden. Vor allem für die Bürger und Bürgerinnen.“
Mit dem Berliner Open-Data-Portal ­Daten.­berlin.de oder ­GovData für ganz Deutschland versucht ­Schieferdecker zum Beispiel, solche vernetzten Informations­systeme zu schaffen. „Das geht über Fahrpläne hinaus“, sagt sie. „Wir wollen mit Livedaten und in 3D sehen, wie sich die verschiedenen Verkehrsströme und Fahrpläne im Betrieb auswirken, um bei besonderen Situationen wie Blitz­eis schnell reagieren zu können.“ Das Projekt, mit dem unter anderem so ein Szenario möglich werden soll, heißt ­STREETLIFE. Smart City eben. Die Stadt der Zukunft.
Für diese Zukunft verfolgt Berlin ein ehrgeiziges Ziel: eine internationale Metropole für Elektromobilität werden. Schon heute gibt es in der Stadt zwar mehr als 2000 Sharing-Fahrzeuge verschiedener Anbieter – die Mehrheit davon aber nach wie vor mit konventionellen Verbrennungsmotoren.
„Um unsere Ziele in der Energiewende zu erreichen, brauchen wir in diesem Bereich noch nachhaltige Konzepte, damit die Anbieter auch langfristig am Markt bestehen können“, sagt Mobilitätsforscher Knie. In der aktuellen Studie seines Instituts hält er gar einen CO2-freien Verkehr bis zum Jahr 2030 für machbar. „Aber nur, wenn wir in innovative Konzepte und erneuerbare Energien investieren. Wir brauchen daher mutige Politiker, die den Wandel wollen und umsetzen.“
Noch allerdings gehören Fluglärm, Feinstaub und die Nutzung privater Fahrzeuge so selbstverständlich zur Stadt wie das Brandenburger Tor. „Menschen sind routine­affin, sie verzichten nicht gerne auf Vertrautes“, sagt Knie. „Wir müssen uns also fragen, welche Routinen wir bereit sind, aufzugeben.“ Die Bereitschaft, ganz aufs Auto zu verzichten, ist eher bei Neuberlinern als bei Alt­eingesessenen vorhanden. Jeder zweite Berliner besitzt ein Auto.
Für sie hat Andreas Knie trübe Aussichten parat: „Würde ein Parkplatz täglich 25 Euro kosten, fiele den meisten die Entscheidung wahrscheinlich nicht schwer, auf das Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr um­zusteigen.“     

Text:
Dina Herrler

Mitarbeit: Sascha Karberg

Foto: David von Becker

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