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Einstiegs­droge Leberwurst – Zukunft des Lebensmittelhandels

Berlin ist längst eine kulinarische Metropole geworden. Nur: Kaufen wir schon so leidenschaftlich ein, wie wir leidenschaftlich essen gehen? Ein paar Gedanken über die Zukunft des Lebensmittelhandels in Berlin

Vom Einfachen das Gute, Foto: Autumn Sonnichsen

Die Supermärkte haben einen ziemlich tollen Job gemacht in den vergangenen vier Jahren.“ Sagt einer, der es wissen muss. Schließlich hat Jörg Reuter sein Büro genau über einem Supermarkt in der Ackerstraße in Mitte. Vor allem aber führt er, nur ein paar Häuser weiter, seinen eigenen Lebensmitteleinzelhandel.
Vom Einfachen das Gute heißt der Laden, der alles andere ist als ein Supermarkt – eine kuratierte Speisekammer voller handwerklich-bäuerlicher Käse, Würste und all den anderen großartigen Kleinigkeiten, die so zu einer guten Brotzeit gehören. Nur: Umgekehrt macht diese Gleichung plötzlich Sinn. Die großen Vollsortimenter, Rewe etwa und mehr noch Edeka, wollten zuletzt ein bisschen so sein wie Von Einfachen das Gute oder die Kreuzberger Markthalle Neun. Und so wird mit Stadtimkern kooperiert, mit urbanen Farmern und dem Potsdamer Sauenhain. Wurden Regale neu beschriftet. Drauf steht jetzt: Regionalität.

Das ist es, was Jörg Reuter „einen ziemlich tollen Job“ nennt. „Als wir vor vier Jahren hier in der Invalidenstraße aufgemacht haben, hat jeder dritte Kunde gesagt, sie hätten die Schnauze voll vom Supermarkt. Heute freue ich mich, wenn ich bei den Wettbewerbern gute Produkte finde.“ ­Essen, so hieß es auch in diesem Magazin immer wieder, ist also das neue Pop. Die Food-Szene ist das kreative ­Milieu, in dem das kulturelle und ökonomische Kapital dieser Stadt gemeinsam bei Tisch sitzen. Der Standortfaktor, der die Popmusik nie geworden ist, sind das heute die Street-Food-Märkte und brutal-lokalen Sterneläden? Tourismusmarketing jedenfalls, und das ist ein gutes Indiz, geht in dieser Stadt zunehmend durch den Magen.

Nur: Wenn Essen also das neue Pop ist und das Restaurant seine Bühne, ist dann der Lebensmitteleinzelhandel der neue Plattenladen? Oder gar: die neue Galerie? Er habe schon das Gefühl, dass die Menschen in Berlin zunehmend bereit sind, mehr für gute Lebensmittel auszugeben, sagt Jörg Reuter. Er beobachte das gerade in seiner privaten Nachbarschaft: „Die Leute hatten schon früher das Geld für gute Lebensmittel, aber es war lange kein Angebot da, bei dem sie sich auch emotional verstanden gefühlt haben.“ Die Biobranche habe bei all den sinnhaften Argumenten die Sinnlichkeit vergessen.
Von „Postbio“ spricht so auch Florian Niedermeier von der Markthalle Neun. Und meint damit jene neue Nähe zu den Produkten und den Produzenten, für die der Wochenmarkt in der Kreuzberger Markthalle steht: „Die kleinteilige bäuerliche Landwirtschaft“ liegt Niedermeier am Herzen. Ökonomische Organismen, die manchmal zu klein sind, um sich eine Biozertifizierung überhaupt leisten zu können: „Die Leute vertrauen auf die Qualität solcher Produkte, weil sie sie schlichtweg schmecken und weil sie die Bauern, Gärtner und Produzenten anfassen können.“ Nähe, das ist das Argument. Und gemeint sind damit nicht 200 asphaltierte Parkplätze direkt vor der Ladentür.

Florian Niedermeier spricht vom Lauch und von alten Kartoffelsorten. Jörg Reuter von der Leberwurst, die für viele seiner Kunden die Einstiegsdroge sei. Lauch? Leberwurst? Sind das die neuen Delikatessen? „Jein“, sagt Niedermeier, „ich glaube, dass die neue Küche, ob im Restaurant oder Kühlschrank, viel weniger dieser Statusprodukte braucht. Jeder kennt ja diesen Moment, wo ein gutes Brot mit einer guten Butter der Himmel auf Erden ist.“

Und das scheint sogar bis zum KaDeWe vorgedrungen zu sein. Die Feinschmecker-Etage im sechsten Stock, Inbegriff eines globalisierten Gourmet-Begriffs, wird in den kommenden Wochen regionalisiert: Lokale Produkte und Gastronomen sollen der alten Dame einen zeitgemäßen Geschmack geben. Die Avantgarde-Küche des Industry Standard in der Sonnenallee übernimmt ausgerechnet den ehrwürdigen Food-Stand von Paul Bocuse. Exzellente Lebensmittel werden zunehmend nicht mehr mit großen Namen und großen Produktionseinheiten assoziiert.

Also: Wo kommt das gute Brot, wo kommt die gute Butter künftig her? Florian Niedermeier verweist auf die knappen Margen der Lebensmittelbranche und deshalb darauf, „dass die extrem zeitaufwendige handwerkliche Lebensmittelproduktion fast nur noch als Direktvermarkter möglich ist. Der klassische Bio-Supermarkt als Vertriebsweg rechnet sich für die kleinen, guten Produzenten nicht.“ Jörg Reuter verweist auf den Onlinehandel, der bald, ganz bald schon „richtig wichtig“ werden wird. „Und ich bin guter Dinge, dass wir gemeinsam mit den kleinen, guten Produzenten online eine Atmosphäre schaffen können, die uns kein Amazon nachmachen kann.“ Auch darauf vertrauen die beiden: Dass es die guten Lebensmittel sind, die bis auf Weiteres auch die besseren Geschichten erzählen.

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