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„Elling“ in der Inszenierung vom Clubtheater Berlin

EllingKünstliche Bühnenbilder sucht man beim Clubtheater vergebens. Die Spielstätte wird nicht dem Stück angepasst, sondern sie wird den Anforderungen des Stückes gemäß ausgesucht. Und was die Auswahl an Spielstätten angeht, hat Theaterchef und Regisseur Stefan Neugebauer in dem Bäder- und Gebäude-Komplex des ehemaligen Stadtbades eine fast unerschöpfliche Spielwiese gefunden. Erfreulicherweise wird diese Spielwiese auch in der aktuellen Inszenierung „Elling“ wohldosiert eingesetzt und dient nicht als Mittel zum Zweck.
So sitzt der Zuschauer zu Beginn des Stückes nicht etwa in einem typischen Theatersaal mit sturem Blick nach vorne zur Bühne, sondern kann sich im Cafй Freistil mit Getränken, Snacks und Zeitschriften sowohl leiblich als auch geistig noch stärken.
Schließlich wird die „Besuchergruppe“ abgeholt, um den geschlossenen Teil der Anstalt zu betreten und ehe sich der Zuschauer versieht, befindet er sich schon mitten im Stück. Denn in eben jener Anstalt – in einem Raum, wie er schmuckloser nicht sein könnte – lernt man schließlich die beiden Hauptfiguren des Stückes kennen.
Auf der einen Seite Elling (Michael Schäfer), der sich selbst als Muttersöhnchen bezeichnet und trotzdem mit unbestechlichem Charme über den Zustand unserer modernen Welt philosophiert. Auf der anderen Seite seinen „Blutsbruder“ Kjell Bjarne (Michael Hecht), der mit stoischer Hartnäckigkeit die zwei großen Interessen seines Lebens verfolgt: Essen und (endlich!) Sex mit einer Frau zu haben.
Die Beiden lernen sich hier in der Nervenheilanstalt kennen und sollen nun an einem Resozialisierungsprogramm teilnehmen, welches ihnen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft eine eigene Wohnung zur Verfügung und den Sozialarbeiter Frank (Peter Fieseler) zur Seite stellt.
Die Inszenierung von Stefan Neugebauer zeigt den schwierigen Weg der beiden Außenseiter zurück ins „normale“ Leben. Die einfachsten Dinge wie Telefonieren und Einkaufen müssen „neu“ erlernt werden und zudem nervt ihr Sozialarbeiter: Die Beiden sollen die Wohnung auch mal verlassen und unter Menschen gehen – was natürlich ebenfalls alles andere als leicht fällt, wenn man vom Staat eine solch schöne Wohnung zur Verfügung gestellt bekommt.
Doch Michael Schäfer und Peter Fieseler verstehen es, ihre Figuren in wohltuender Dosierung nach und nach von ihrer Oase des Andersseins zu lösen. Schritt für Schritt vermittelt vor allem Schäfer die Entwicklung vom schlaksigen, besserwisserischen und übertriebenen ängstlichem Elling zum Elling, der sogar ein echter Freund sein kann und am Ende mit Witz und Intelligenz zum echten Helfer seines Mitbewohners wird.
Kjell Bjarne hat sich nämlich in die Nachbarin Reidun (Esther Leiggener) verliebt und wie es aussieht, hat sich auch Reidun in Kjell Bjarne verliebt.
Letztlich ist es gerade die Verliebtheit von Kjell Bjarne, die den schmalen Grad zwischen Normalität und Anderssein offenbart. Entdeckt der Zuschauer schon vorher in vielen kleinen Details auch eigene Unzulänglichkeiten, quittiert er spätestens jetzt die hilflosen Versuche Kjell Bjarnes, sich mit pochendem Herzen nicht wie ein Idiot zu verhalten, mit einem Lächeln – immer im Wissen, dass wir alle schon mal irgendwann im Rausch der Schmetterlinge im Bauch nicht nur ein bißchen Kjell Bjarne waren.

Text: Martin Zeising

tip-Bewertung: Sehenswert

Elling, Stadtbad Steglitz, Regie: Stefan Neugebauer, Do 5.2., 20 Uhr, 15 Euro, erm. 10 Euro.

Weitere Aufführungen: Fr 6.2., Sa 7.2., Do 12.2., Do 19.2., Fr 20.2., Sa 21.2. jeweils 20 Uhr

www.clubtheater-berlin.de

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