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Robert Lepages „Eonnagata“ im Haus der Berliner Festspiele


Es ist eine tolle Geschichte, die der kanadische Regisseur Robert Lepage erzählt, und sie geht so: „Charles Liane de Beaumont war ein junger Chevalier mit hoher Stimme und sehr schönen weichen Gesichtszügen. Louis XV. bewunderte ihn sehr. Als bei einem Konflikt zwischen Frankreich und Russland die Zarin sich weigerte, die französischen Gesandten zu empfangen, schickte der König den Chevalier als Spion in Frauenkleidern zu ihr. Er verhandelte mit der Zarin und kam mit einem Vertrag zurück. Daraufhin rumorte in ganz Europa das Gerücht, dass er nicht ein Mann in Frauenkleidern sei, sondern eine Frau, die von den Eltern als Mann erzogen wurde. Es ist sehr mysteriös, weil er oder sie sechs Vornamen hatte, drei männliche und drei weibliche. Louis XV. schickte ihn/sie später als Konsul nach England. Unter Louis XVI. ging es ihm nicht gut. Marie-Antoinette schenkte ihm zwar ihre alten Kleider, aber Louis XVI. konnte ihn nicht ausstehen und wollte ihn loswerden. Nach der Französischen Revolution wurde seine Apanage eingezogen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste er als Freak in einem Zirkus auftreten. Er starb in London, und die Autopsie-Ärzte bestätigten, dass er ein Mann war. Doch sofort kam das Gerücht auf, dass der Bericht der Ärzte gefälscht sei.“
Das Leben schreibt die besten Geschichten, diese wurde als Roman und als Film nacherzählt. Nun kommt sie auf die Bühne. Robert Lepage, Sylvie Guillem und Russell Maliphant haben ein Theatertanzstück erfunden, in dem sie traumverloren dem dritten Geschlecht nachspüren. „Eonnagata“ (Onnagata ist der Name für die Frauendarsteller des japanischen Kabuki-Theaters) schwelgt in Bildern von exquisiter Schönheit, mit delikaten Farbtönen und melancholischen Chiaroscuro-Stimmungen wie aus einer anderen Welt. Dazu drei Tanzspieler von großer Klasse und enormer Bühnenpräsenz. Und auch die zahlreichen Kostüme des Modeschöpfers Alexander McQueen sind so edel und glamourös, so japanisch schlicht raffiniert, dass man nach jedem Umziehen den Atem anhält.

Foto: Erick Labb

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