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Erik Heier über den Kreuzberger Guggenheim Lab-Dance

Guggenheim_Lab_NYDer Streit um das BMW Guggenheim Lab hat gute Chancen, als eine der beklopptesten Debatten der letzten Jahre in die Berliner Geschichte einzugehen. Kreuzberger Lab-Dance. Der komplette Irrsinn.
Falls der Leser gerade erst aus einem zweimonatigen Südseeurlaub mitten im Funkloch zurück ist, vorab dies: Der Zoff geht nicht um ein atomares Endlager im Wrangelkiez. Oder um ein Genmaisfeld auf der Brache an der Ecke von Schlesischer und Cuvrystraße. Es dreht sich um ein Diskussionsforum über Stadtentwicklung. Das sollte nicht auf Jahre bestehen. Nur neuneinhalb Wochen.
Im Mai wollte das New Yorker Guggenheim-Museum just auf dieser Brache mit Spreeblick, beliebt bei lokalen Grillfreunden, Sprayern und einem Investor für Luxuswohnungen, einen Karbonfaserkasten auf Stelzen landen lassen. Darin sollten – wie zuvor in der New Yorker Lower East Side und hinterher in Mumbai und dann in sechs weiteren Städten in der Welt – Experten multidisziplinär das künftige Leben in Großstädten diskutieren. Inklusive lokaler Gruppen. Bei freiem Eintritt. Gesponsert vom Autokonzern BMW.
Man muss dieses Diskussions-Ufo nicht toll finden, gerade nicht in Kreuzberg. Da könnte sonst ja jeder kommen. Hier, wo viele nicht nur wissen, wie man Gentrifizierung buchstabiert, sondern auch, wie sie sich anfühlt. Mieten, die mitunter durch die Decke gehen. Es ist aber sicher auch nicht die abstruseste Idee, die es je gab.
Nach der abrupten Absage des Labs in Kreuzberg fragt man sich jetzt, wer mehr überrascht ist. Die Salomon R. Guggenheim Foun­dation, der offenbar vorab keiner Bescheid gesagt hat, dass es in Kreuzberg bei einigen Folklore ist, gegen alles Mögliche zu ledern. Einen McDonald’s, ein Künstlerhaus. Oder gegen einen Großkonzern. Oder ob die offensichtlich überschaubare Gruppe von Protestlern – man hört von vielleicht 200 Leuten – ihr Glück schon fassen kann. Die wollte dem Vernehmen nach gerade erst damit loslegen, eine Organisationsstruktur aufzubauen, da war das Lab schon passй. In der Debatte um diese Absage geht es nun drunter und drüber.

Da ist zum Beispiel der Regierende Bürgermeister (SPD). Klaus Wowereits Job wäre es eigentlich, das Gentrifizierungsthema endlich adäquat zu adressieren. Statt dessen gibt er lieber den um das Standortimage besorgten Investorenversteher und rollt beflissen bei der Ausweichquartiersuche den „roten Teppich“ vor die kalten Füße. Oder auch Innensenator Frank Henkel (CDU), der endlich wieder die Gelegenheit erblickte, sein heißgeliebtes „Chaoten“-Verdikt zu entstauben, als wolle er schon mal für den 1. Mai üben.

Und da ist die Protestinitiative selbst – offenbar zwar zumeist aus der linken Ecke, aber es sind auch lokale Künstler darunter –, die die ihren Protest mit Gentrifizierungsangst, vor allem aber mit der NS-Vergangenheit des Sponsors BMW aufgerüstet hat, Guggenheim in ihrer Erklärung zur Lab-Absage fast gar nicht erwähnt und sich konsequenterweise nur „BMW-Nee!“ nennt. Prima Feind. Beharrlich bestätigen sich die Protestler nun selbst, ausschließlich BMW habe das Lab abgesagt, aus Furcht vor Imageschäden. Dabei fiel die Entscheidung offenkundig in New York, nicht in München. Womöglich tatsächlich, weil Guggenheim die LKA-Prognose nicht behagte, es könnte zu massiven Gegenaktionen kommen, wenngleich nicht zu Gewalt gegen Personen. Aber Demos, Besetzungen. Viel Ärger.

Im ersten Aufruf von „BMW-Nee!“ hieß es freilich auch: „Wir unterstützen alle Versuche, das geplante ,Lab‘ im Interesse der Anwohnerinnen und Anwohner zu verhindern.“ Alle Versuche. Alle. Protest ist legitim. Er macht Sinn, kann Diskussionen beflügeln. Aber Verhindern ist armselig. Unter einer Käseglocke riecht es streng. Denn vielleicht hätte dieses Lab, bei aller Wichtigtuerei, die Gentrifizierungsdebatte auch lokal auf eine neue Ebene stellen, sie von dort aus weitertragen können. Die Macher führten seit zwei Monaten Gespräche mit Kiez-Initiativen, sich mit eigenen Projekten zu beteiligen. Anfangs sollen sogar Teile der Initiative „Mediaspree versenken!“ durchaus Interesse daran signalisiert haben. Vorbei.

Was aber kommt als nächstes? Ein weiterer Gentrifizierungskleinkrieg gegen die Berlin Biennale wie 2010? Oder muss demnächst der Karneval der Kulturen von einer Protestgruppe genehmigt werden? Da kommen dann ja viele Touristen. Die mögen manche in Kreuzberg bekanntlich auch nicht mehr so sehr.  

Text: Erik Heier
Foto: Masatoshi Hirai_Atelier Bow-wow

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