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Ernte 2018

Berlins Bio-Kreislauf: Ernten, teilen, genießen

Anfang Oktober wird in vielen Orten Deutschlands das Erntedankfest gefeiert. Doch geerntet wird auch in Berlin. In diesem Jahr sogar reichlich. Aber wohin dann mit dem vielen Obst und Gemüse?

Alle reden vom Jahrhundertsommer, von der großen Dürre – und den Besorgnis erregenden Folgen für die Landwirtschaft. Der Bauernverband berichtet von desaströsen Einbußen bei Getreide: Die durchschnittliche Erntemenge ging um 26 Prozent zurück. Besonders drastisch ist aber der Grundfutterrückgang für Tiere, der zwischen 50 Prozent bis hin zu Totalverlusten liegt. Grund ist die lange Hitzeperiode, die den einen Teil der Ernte vernichtet. Der Klimawandel eben. Nur Eva Kuch, 39, seit Anfang dieses Jahres stolze Pächterin einer Kleingartenparzelle in Berlin, hat ganz andere „Probleme“: Bei ihr im Garten biegen sich die Bäume vor lauter Obst. Natürlich hat sie ihre Pflanzen regelmäßig gegossen. Und – zusammen mit dem andauernden Sonnenschein – dadurch offenbar für optimale Wachstumsbedingungen gesorgt. Doch nun weiß sie kaum noch, wohin mit den Früchten. Vor allem ihre Mirabellenernte ist rekordverdächtig.

Marmelade für die nächsten fünf Jahre

Natürlich hat die Grafikerin ganz viele Mirabellen an Freunde und Nachbarn verschenkt. Bis der Bedarf auch da gedeckt war. Die Früchte, natürlich alle in Bio-Qualität, einfach verderben lassen oder kompostieren, kommt für Eva Kuch nicht in Frage: Lebensmittelverschwendung. Also stand in den letzten Tagen nach der täglichen Arbeit eine „Spätschicht“ an, genauer: Obst einkochen. Nun stapeln sich in ihrer Küche jede Menge Gläser mit Mirabellen-Orangen-Rosmarin-Marmelade, Mirabellenkompott in Weißwein, Mirabellen-Orangen-Anis-Marmelade, Mirabellen-Chutney und Mirabellen-Brombeer-Marmelade. Es sind, gefühlt, Vorräte für die nächsten fünf Jahre.

Eine Situation, die auch anderen Großstadtgärtnern nicht fremd ist. In der Hauptstadt gibt es 890 Schrebergartenkolonien mit 71.473 Parzellen, dazu zahlreiche Eigenheime mit Gärten, zudem Gemeinschaftsgärten wie die Prinzessinnengärten in Kreuzberg oder das Himmelbeet im Wedding. Wer in Berlin dieser Tage in Gegenden mit Gärten unterwegs ist, entdeckt links und rechts dieser Straßen pralle Laubsäcke der Berliner Stadtreinigung (BSR). In den transparenten Behältnissen befindet sich derzeit jedoch seltener Gras- oder Heckenschnitt, Laub oder Reisig. Stattdessen sind sie bis zum Bersten meist mit Äpfeln, Birnen oder Zwetschgen gefüllt – einer Ernte, die den Bedarf der Gartenbesitzer offenbar um ein Vielfaches übersteigt.

Mehr Bio geht nicht

Dabei sind Obst und Gemüse aus privatem Anbau eigentlich begehrt: Die Früchte haben keine weiten Transportwege hinter sich, sind nur saisonal zu haben und werden in der Regel ohne Pestizide angebaut. Mehr Bio geht nicht. Dachte sich auch Regina Gschladt, die 2012 in Berlin das Projekt „Sharegarden“ geplant hatte, eine Online-Plattform zum Austausch von Ernten. „Wir wollen die Gärtner mit den Menschen in ihrer Umgebung vernetzen und es ermöglichen, die eigene Ernte umzuverteilen“, sagte sie damals einem Radiosender. Allerdings: Die Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung der Webseite scheiterte. Wobei Geschadt, die mittlerweile in Österreich lebt, überzeugt ist: „Der Bedarf besteht weiter.“

Dies signalisieren auch diverse Inserate bei Ebay-Kleinanzeigen in Berlin. „Suche Fallobst“, heißt es etwa in der Rubrik „zu verschenken“, Bezirk Neukölln: „Habt Ihr Obstbäume, die ihr nicht abernten könnt? Ich hole Äpfel, Birnen, Pflaumen gern ab und koche daraus Saft! Gern auch im Tausch mit Saft.“ In Pankow hingegen schlägt umgekehrt jemand Alarm: „Mein Apfelbaum quillt über. Ich biete Äpfel zum Selbstabholen in Bioqualität.“ 14 Ergebnisse erzielt in diesen Tagen, wer auf dieser Webseite das Stichwort „Apfelernte“ in der Kategorie „zu verschenken“ eingibt. Fündig werden Interessenten aber auch bei foodsharing.de, einer Online-Plattform, die sich gegen Lebensmittelverschwendung richtet. „Äpfel frisch vom Baum, ungespritzt“ sind beispielsweise in Spandau zu haben. Außerdem weist eine Karte den Weg zu sogenannten „FairTeilern“, das sind in verschiedenen Berliner Bezirken errichtete Umschlagplätze, wo jeder Lebensmittel abgeben und kostenlos abholen kann.

Eingemachte Früchte

Wer sich mit der Idee des Lebensmittelteilens vertraut machen will, sollte übrigens das kommende 3. Foodsharing Festival in Berlin nicht verpassen. Vom 21. bis zum 23. September kann man auf dem Gelände der Malzfabrik in Tempelhof etwa in Koch-Workshops nicht nur lernen, „wie sich aus übrig gebliebenen Lebensmitteln leckere Gerichte zaubern lassen“. Die Veranstalter freuen sich auch über private Ernteüberschüsse, die bei dem Event roh oder verarbeitet an die Besucher weitergegeben werden. Bei größeren Mengen, so verspricht Leonie Bathow, die Pressefrau, würde die Ernte auch abgeholt.

Noch verbindlicher ist das Konzept von „Food Swapping“, einer Bewegung aus Amerika, die mit „Leckertausch Friedrichshain“ einen kleinen Ableger in Berlin hat. Hierbei geht es nicht nur um den unpersönlichen Austausch von Obst- und Gemüseernten sowie anderen Lebensmitteln: Man trifft sich auch regelmäßig, um gemeinsam selbstgemachte Apfel-Zimt-Tartes gegen Birnenmarmelade, ein Kilo Gartenäpfel gegen eine Packung Schoko-Nuss-Kekse und jede Menge Rezepte und Anbauerfahrungen auszutauschen. Das erinnert an die Veranstaltung „foodXchange“ von Pamela Dorsch und Cathrin Brandes. Einmal pro Saison luden die beiden in die Markthalle Neun nach Kreuzberg, um selbstgemachte Delikatessen untereinander zu tauschen. Eva Kuchs Mirabellen wären hier sicher heiß begehrt gewesen. Wegen eines Ortswechsels von einer der beiden Initiatorinnen ruht die Veranstaltungsreihe allerdings derzeit.

Veganaufstriche und Obstwein

Anders dagegen die Erntetauschaktionen der Klimawerkstatt Spandau. Dort engagiert sich Corinna Vosse, eine Expertin für nachhaltigen Konsum, nicht nur für die saisonal regelmäßig stattfindenden Tauschtreffs. Einmal monatlich finden mit „LebensMittelPunkt Spandau. Konservieren, tauschen, ausprobieren“ zudem Food-Treffen mit thematischen Schwerpunkten wie „vegane Aufstriche“ oder, diesen September, „Obstweinvergärung“ statt. Mitmachen kann dabei jeder: Egal, ob man die Ernte von sieben Obstbäume herankarrt oder die deutlich leichtere Ausbeute der Basilikumzucht von der heimischen Fensterbank mitbringt.

Hobbygärtner, die beim Tauschen vor allem mit verarbeiteten Früchten punkten wollen, können das entsprechende Know-how übrigens auch – kostenlos – in Seminaren und Workshops erwerben, die von Berliner Schrebergartenvereinen und -Bezirksverbänden angeboten werden. Beim Bezirksverband der Gartenfreunde Pankow e.V. etwa informierte man kürzlich zur „Aufbereitung und Verarbeitung von Obst und Gemüse“. Steffen Wichitill, Referent beim Bezirksverband der Kleingärtner Berlin-Hohenschönhausen e.V., will darüber hinaus am 10. Oktober seinen Zuhörern Wissenswertes zur „Früchteverarbeitung aus dem Kleingarten, z. B. Obstweinbereitung“ beibiegen. Wem dieses Do-It-Yourself zu aufwendig ist, kann aber auch die Dienste professioneller Mostereien in Anspruch nehmen. Mario Flach, Betreiber einer mobilen Mosterei, ist zum Saftpressen – ab 100 Kilogramm Früchtevorrat – nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg unterwegs.

Doch auch wer weder über einen eigenen Garten verfügt noch auf dem Balkon oder der Fensterbank Lebensmittel angebaut hat, kann ohne eigenes Tauschgut aktiv an der Ernte 2018 teilhaben. So ist in vielen Schrebergartenkolonien Usus, dass überschüssige Früchte auf eigens aufgestellten Tischen oder in aufgehangenen Körben zur Mitnahme ausgelegt werden.

Spannender noch geht es bei mundraub.org zu, einer Online-Plattform, auf der nicht nur in Berlin, sondern sogar bundesweit Standorte von öffentlich zugänglichen Obstbäumen, Haselnusssträuchern oder Brombeerhecken verzeichnet sind. Da kann man nur rufen: Halali und auf zur Jagd! Ernteschnitzeljagd, mitten in Berlin.

Adressen, Veranstaltungen, Infos

Foodsharing.de
Ernte aus dem Garten – und andere Lebensmittel – übrig oder gesucht? Auf dieser Plattform wird man fündig.
https://foodsharing.de

Leckertausch ­Friedrichshain
Leckertausch verbindet als food swap Essensliebhaber, die selbst gemachtes Kulinarisches zum Tauschen – auch als Anlass zum Fach­simpeln – mitbringen. Dabei sein dürfen nicht nur Friedrichshainer: Es gab sogar schon Besuch aus Thüringen.
@Kollektive 86, Rigaer Str. 86, Sa 13.10., 15–17 Uhr, Eintritt frei, Anmeldung unter: [email protected] (Bitte auch ­nennen, was mitgebracht wird)

LebensMittelPunkt Spandau. Konservieren, tauschen, ausprobieren
Jeden zweiten Dienstag im Monat organisiert die ­Klimawerkstatt Spandau DIY-Lebensmittel­treffen. Nächste Termine: Di 9.10. + Di 13.11., jeweils 17–19 Uhr, Eintritt frei.
Gartenarbeitsschule/ Schulumweltzentrum, Borkzeile 34, Spandau, www.klimawerkstatt-spandau.de

Gemeinsame Ernte im Himmelbeet
Der populäre Gemeinschaftsgarten im Wedding lädt zum Ernten, gemeinsamen Kochen und Wissensaustausch ein.
Himmelbeet, Ruheplatzstr. 12, Wedding, 27.10., weitere Infos folgen auf: https://himmelbeet.de

Mundraub.org
Über die Online-Plattform erfährt man, auf ­welchen öffentlichen Flächen, z.B. Naturspielplätze (nicht nur) in Berlin Kirschbäume, Johannisbeeren oder Haselnussträucher wachsen. Anhand der Karte unternimmt die BUNDjugend Berlin mit weiteren Interessenten übrigens am 30.September eine Exkursion. Aber auch über die Mundraub-Plattform wird zu Aktionen geladen, z.B. Fallobst sammeln für das Stadt Land Food Festival am 5. und 6. Oktober.
Herbstexkursion „Mundraub“, Treffpunkt: BUNDjugend, Erich-Weinert-Str. 82, Prenzlauer Berg, Facebook: Herbstexkursion „Mundraub“; Fallobst sammeln siehe: mundraub.org

Früchteverarbeitung aus dem Kleingarten, z.B. Obstweinbereitung
Seminar für Kleingärtner und andere ­Interessenten. Bezirksverband der Kleingärtner.
Berlin-Hohenschönhausen, Gehrenseestr. 19, Hohenschönhausen, Do. 18.10, ab 19 Uhr, Eintritt frei, www.gartenfreunde-berlin.de

Mobile Mosterei
Beim Traditionsfest der Späth’schen Baumschule am 22. und 23. September steht die ­mobile Mosterei ab 9 Uhr am Eingang Ligusterweg bereit. Besucherinnen und Besucher, die mit 100 Kilogramm Äpfel und Birnen zum ­Mosten kommen, haben am Eingang Ligusterweg freien Eintritt. Vorherige Terminverein­barung erforderlich.
Infos und Anmeldung unter: https://mostquetsche.de, Tel.: 0176-96 32 19 28

Gartenpaten
Mehr als nur die Ernte teilen: Auf der Online-Plattform gartenpaten.org suchen bundesweit und auch in Berlin Gartenbesitzer Menschen mit Lust auf Gartenarbeit und eigene Ernten. Und umgekehrt.
www.gartenpaten.org

1. Apfeltag
Kann man meine Äpfel lagern? Saft aus ihnen pressen? Und um was für eine Sorte handelt es sich überhaupt? Beim 1. Apfeltag auf dem Naturhof Malchow erzählt der Apfelkenner Dr. Lutz Grope Wissenswertes über Äpfel. Wer die Sorte seiner Äpfel bestimmten lassen möchte, kann diese zudem mitbringen (bitte dann Stiel und Blätter dran lassen, Äpfel nicht polieren!).
Naturhof Malchow, Dorfstr. 35, Malchow, So 7.10., 12– 18 Uhr, Eintritt frei, www.naturschutzstation-malchow.de

Genial lokal. So kommt die Ernährungswende in Bewegung
Der Filmemacher Valentin Thurn („Taste the Waste“, D 2011) sowie Gundula Oertel und Christine Pohl stellen ihr neues gemeinsames Buch „Genial lokal. So kommt die Ernährungswende in Bewegung“ vor, in dem sie problematisieren, ob unsere Äpfel wirklich aus Neuseeland angereist kommen – und wir so viele Lebensmittel wegwerfen müssen.
Stadt Land Food Festival Markthalle Neun, Eisenbahnstr. 42/43, Sa 6.10., 13 Uhr

Schraubgläser…
… sind das A und O bei der Konservierung von Obst und Gemüse in der eigenen Küche – und kommen als Einweggläser regelmäßig beim Einkauf von Oliven, Marmeladen oder sauren Gurken zu uns. Gläser nicht wegwerfen, sondern aufheben und weiterverwenden, statt neue im Haushaltswarenladen zu kaufen. Auch bei Ebay Kleinanzeigen „zu verschenken“ gibt und bekommt man Schraubgläser.

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