• Kultur
  • Eröffnung der Staatsoper Unter den ­Linden

Wiedereröffnung

Eröffnung der Staatsoper Unter den ­Linden

Zurück nach Mitte: Die Eröffnung der Staatsoper Unter den ­Linden weist mit Robert Schumanns Szenen aus Goethes „Faust“ eher auf einen Rollback hin – nicht in die Zukunft

Gordon Welters / www.GordonWelters.com

Bei der letzten Besichtigung, Ende Juni, waren noch keine Stühle drin. Die Wandverkleidung lückenhaft, die Künstlergarderoben Löcher im Rohzustand. Man dachte: Dafür wäre doch eigentlich früher Zeit gewesen. Die vierjährige Verspätung bei der Sanierung der Staatsoper lag an einem unterirdischen Tresor (leer) und einem wässrigen Tunnel (voll). Wir werden noch mit Helmen hier stehen, so dachte man, wenn Daniel Barenboim die Wiedereröffnung dirigiert. Auch er mit Helm?

Zur Stunde geben sich alle optimistisch, dass zumindest für eine Schnupper-Eröffnung (mit anschließender Wiederschließung) der Eindruck eines glücklich überstandenen Albtraums erweckt werden kann. 400 statt 239 Millionen Euro wird der Spaß gekostet haben, wenn am 3. Oktober mit Jürgen Flimm an der Spitze eine Garde alter Herren in den Knobelsdorff-Bau (oder was davon übrig ist) wieder einzieht.
Tatsächlich, die regierenden Fürsten dieses Staats­theaters haben sich alle Mühe gegeben, der ersten Spielzeit am ursprünglichen Ort die Weihe des Altmeistertums zu verleihen. Keiner der bekannten Regisseure (Kupfer, Freyer, Neuenfels, Flimm) ist unter 70. „Willkommen in der Vergangenheit!“ ruft uns die Broschüre der neuen Spielzeit zu. Die Vorschau – in Weiß und Königsblau – sieht aus, als sei sie ein Werk der untergegangenen Opern-Konditorei (nebenan im Prinzessinenpalais).

Für Intendant Flimm bedeutet der Rückzug zugleich den Abschied. Sein Nachfolger Matthias Schulz wird längst von ihm eingearbeitet. Der wird inzwischen bemerkt haben, dass nicht er selbst, sondern General­musikdirektor Daniel Barenboim die Zügel in den Händen hält. Solange Barenboim da ist – der große Mann wird im November 75 Jahre alt –, heißt das vor allem: stets eine ordentliche Sättigungsportion Wagner. Das zeigt Traditionsbewusstsein, aber auch, dass Barenboim außer in Berlin kaum über Opernerfahrung verfügt. Und damit über zu wenig Repertoire. Seine einzige Vorgängerstellung (in Paris) verlor er eben deswegen, weil er für zu wenig Background als überbezahlt galt. (In Paris waren es angeblich 1,1 Millionen Dollar im Jahr; damit haben wir schon einen Grund vor Augen, warum in Berlin die Maestri strikt gegen die Öffentlichungmachung ihrer Bezüge sind.)

Freuen wir uns also auf Barenboims dritten „Tristan“ (Regie: Dmitri Tscherniakov, ab 11.2.), seinen zweiten „Macbeth“ (ab 17.6.) und auf die Tatsache, dass er ein allbekanntes Stück wie „Falstaff“ (ab 25.3.) nie zuvor dirigiert hat. Bejubeln wir die Rückkehr von Regisseur Jürgen Flimm im großen Stil: Mit zwei Inszenierungen zeigt er noch einmal, was er kann und nicht kann. Darunter die Eröffnungspremiere mit Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ – vermutlich eher ambulant verarztet, da im nicht eröffneten Haus kaum geprobt werden konnte. Das Bühnenbild spachtelt Markus Lüpertz. Die Titelrolle singt – faustisch abgerockt – der altgediente Roman Trekel.

Das alles ist so, dass man sich auf eine neue Ära maßlos freut. Wenn dies nur keine falsche Erwartung ist! Der konservative Rollback, der sich im neuen Auftreten äußert – und darin, dass der Paulick-Charme der 1950er Jahre nicht verflog –, deutet eher auf eine zunehmende Versteinerung der Oper hin. Bezahlbar ist sie kaum noch. Dass eine Palastrevolution von dieser Hütte zu hoffen ist, darf bezweifelt werden.

Staatsoper Unter den Linden 7, Mitte, Di 3.10., 20 Uhr, Fr 6.10., 18 Uhr, Karten 22–160 €

Mehr über Cookies erfahren