Abgewählter Abgeordneter

Erols Albtraum

Vom schwarzen Loch nach der Wahl: Der Neuköllner  SPD-Abgeordnete Erol Özkaraca hat sein Mandat verloren. Die Geschichte eines „Politik-Burnouts“

Erol Özkaraca, Foto: KW Lewien
Erol Özkaraca, Foto: KW Lewien

Er weiß, er hat keine Chance. Sein Kopf weiß es. Muss es doch wissen. Aber irgendetwas in ihm hofft noch. Vielleicht doch ein Wunder. Soll es ja immer wieder geben.
Aber dieser verdammte Balken auf dem Laptop will einfach nicht länger werden. Die grüne Gegenkandidatin liegt uneinholbar vorn. Die Linke zieht auch noch an ihm vorbei. Und er denkt: „Mein Albtraum wird wahr.“ Aschenbecher voll, Kopf leer.

Es ist ungefähr 22 Uhr am Wahlsonntag, sechs oder sieben von 27 Stimmlokalen in seinem Wahlkreis Neukölln 2 sind erst ausgezählt, da tut sich vor Erol Özkaraca – 53 Jahre alt, türkischstämmiger Anwalt mit Hamburger Zungenschlag, seit 23 Jahren SPD-Mitglied, seit fünf Jahren im Abgeordnetenhaus, Direktkandidat in Nord-Neukölln – ein schwarzes Loch auf. Noch fühlt er es  nicht richtig. Restwirkung der Wahlkampf-Endorphine. Wer unbedingt gewinnen will, muss ausblenden, dass er verlieren kann. Bis es dann tatächlich so weit ist.

Rund 40 der 148 Berliner Parlamentarier sind raus aus dem Parlament nach der Wahl. Einige davon freiwillig. Andere abgewählt, rausgeflogen. Wie der einstige SPD-Landeschef Jan Stöß, der in Mitte unterlag. Oder die grüne Haushaltsexpertin Clara Herrmann, die es in Friedrichshain-Kreuzberg nicht schaffte. Oder der Noch-Justizsenator Thomas Heilmann von der CDU, der in Steglitz-Zehlendorf gegen seinen SPD-Senatskollegen aus dem Finanzressort, Matthias Kollatz-Ahnen, verlor.
Wie fühlt es sich an, dieses schwarze Loch? Wie tief ist es? Und wie geht es da wieder raus?
Fünf Tage nach der Wahl, ein Freitagnachmittag.  Hermannstraße, Neukölln. Dort, wo es Läden wie „Money Gram“ für den Geldtransfer, „Batman Elektronik“ für das Handy und „Bärlin Sun“ für ein Gefühl von Süden gibt. Erol Özkaracas  Plakate weisen den Weg zu seinem Bürgerbüro. Eine ganze Armada, 25 Stück, oft zwei pro Laterne, stets dasselbe Motiv. „Mensch! Neukölln! Mensch! Erol!“

Sein Büro: das Chaos nach der Schlacht. Stapel von Plakaten an der Wand. Papiere türmen sich auf seinem kleinen Schreibtisch. Özkaraca mit Dreitagebart, Basecap, Sneaker, Cargohose. Er liegt fast auf seinem Stuhl. Akku leer. Auf seinem „Rammstein“-T-Shirt steht: „Wir müssen leben, bis wir sterben.“
– Wie lange nach dem Wahlabend dauert es, bis man in dieses Loch fällt?
„Es ging schon am Montag los“,  sagt ­Özkaraca mühsam. Seine Stimme ist brüchig, jedes Wort schiere Pein. Sein Husten klingt gar nicht gut. „Du wirst weniger angerufen. Keiner redet mehr mit dir. Du bist einfach nicht mehr wichtig.“ Er windet sich. „Man ist müde, erschöpft. Man weiß jetzt, das ­Leben ändert sich wieder. Keine Fraktion, kein Ausschuss mehr. Und jede politische Planung, die man hatte, wird null und nichtig.“ ­Seine Hände schieben fahrig Papiere auf dem Schreibtisch hin und her. „Man hat so einen Politik-Burnout“, sagt er dann.
Sein Wahlkampfmanager Gerald Winter, „ein Supermann!“ (Özkaraca), guckt zur Tür rein. „Gerald, bis wann müssen die Plakate runter?“ – „Bis Sonntag.“ Özkaraca stöhnt. „Oh Mann. Ich kann mich jetzt nicht mit den Scheiß befassen.“ Winter nickt. Geht raus.
– Was wird denn jetzt aus Herrn Winter?
„Tja“, sagt Özkaraca tonlos. „Arbeitslos.“

Um weiter fünf Jahre auf Bewährung im ­Abgeordnetenhaus hat er im Wahlkampf ­geworben. Einer, der Spaß an der Politik hat, lustvoll streitet, mit sperrangelweit offenem Visier. Der sich reinhaut bei Dingen, die ihm wichtig sind.  Gegen den politischen Islam zum Beispiel.  Vor der Wahl 2011 titelte die „taz“ über ihn: „Der Mann, der ernst mit ­Multikulti macht“.  Bei einem Wahlkampftermin kochte der Muslim beim Verein Morus 14 beim „Schweinemittwoch“ Kassler mit Sauerkraut. Sein Facebook-Account ist auch dann sehr unterhaltsam, wenn man nicht seiner Meinung ist. Kopftuchdebatte, Erdogan, Islamverbände, Parteiengezänk, Medienkritik. Und jeden Morgen ein lustiges Neukölln-Foto, von denen er über die Jahre tausende auf dem Laptop gesammelt hat. Mit einem „Moin“.
Lange galt Erol Özkaraca in Neukölln als Buschkowsky-Mann. Rechter SPD-Flügel. Mit der Nachfolgerin des wuchtigen Bezirksbürgermeisters, Franziska Giffey, ist das Verhältnis nicht so einfach. Unter anderem mit ihr.
Eine Mitstreiterin aus dem Wahlkampf ist ins Büro bekommen, steht vor seinem Tisch. Özkaraca blickt zu ihr: „Die sagen: Ja, er hat sich auch mit jedem zweiten im Kreis angelegt, ist ja kein Wunder.“ Er grinst ein bisschen. „Stimmt ja auch.“ Sie: „Das ist wohl wahr. Aber es war ja auch in Ordnung.“ Er, leise: „Hätte ich mich unterordnen sollen? – Sie, genauso leise: „Das kannst du gar nicht!“

Im November versagte ihm die Partei einen Listenplatz für die Wahl. Bei der ­Delegiertenkonferenz warb er noch damit, er können Sachen sagen, „die ihr nicht sagen könnt“. Da warf man ihm „positiven Rassismus vor“.  Er fuhr frustriert heim. Seine Whiskey-Sammlung war am Abend von Nutzen.
Seither war es klar: Er ist auf sich allein gestellt. Direktmandat oder raus. Die Pointe, dass die Liste gar nicht ziehen würde, weil die SPD in Neukölln um mehr als zwölf Prozentpunkte abstürzte, konnte noch keiner ahnen.
„So einer blendet dann die Möglichkeit des Scheiterns aus“, sagt der Berliner Professor für Politische Psychologie Siegfried Preiser. „Wenn man sich sehr intensiv für etwas einsetzt, funktioniert das meist nicht mit dem Hintergedanken: Es könnte auch schief gehen.“
Wie seine Chancen stehen, war Erol ­Özkaraca ja klar. Zehn Jahre lang hatte er seine Kanzlei auf der Hermannstraße. Seit der 2011er-Wahl, damals kam er über die Liste ins Parlament, hat er gesehen, wie Neukölln sich wandelte. Der Rollberg-, der Schillerkiez. Auch wenn er gerade nach Frohnau gezogen war, mit Frau und Sohn. „Aber ich laufe ja jeden zweiten, dritten Tag hier durch.“ ­Viele junge Leute auf den Straßen. Links, grün. Oder wie er es nennt: „Ökologisch denkendes, veganes Klientel aus bourgeoisem Hause.“

Jetzt ist die  Auflösung seiner politischen Existenz im vollen Gange. Büro im Preußischen Landtag ausräumen lassen, Bürgerbüro auflösen, Vorsitz der SPD-Abteilung Hermannstraße niederlegen. Den Rücktritt hat er am Dienstag nach der Wahl erledigt. „Nach einer Wahlniederlage muss man Veranwortung übernehmen. Und junge Leute aus dem Ortsverein wollen auch an die Pötte. Warum soll ich diesen Kampf machen? Ich bin 53!“
Bei Facebook schreiben ihm jetzt viele, er solle nicht gehen aus der Politik. Mitleid. Das letzte, das er braucht.  Oder will. Seine eigenen Einträge aber sind in den letzten Tagen  zahlreicher geworden. Aber Özkaraca überlegt, in die Türkei zu übersiedeln. Ganz und gar. In Istanbul hat er ein Verbindungsbüro.
– Glauben Sie, es geht Ihnen dort besser?

Erol Özkarca sagt: „Mir geht es hier nicht schlecht, mein Haus ist abbezahlt, ich ­schulde niemandem was. Aber es geht darum, ob wir Migranten Teil der Gesellschaft sind oder nicht. Und das sind wir nicht. Irgendwann ist Schluss mit der Toleranz, dann darfst du nicht mehr querschießen. So ist die Gesellschaft. Ich will hier nicht jammern. Ich habe mir mein ganzes Leben so viel erarbeitet, dass ich mit eigentlich den Luxus erlauben kann zu sagen: Leckt mich doch am Arsch.“
Sein Wahlkiez in Neukölln jedenfalls wird ihn nicht mehr oft sehen. „Ich wüsste gar nicht, was ich hier noch zu tun hätte“, sagt er.
– Mal zum Tempelhofer Feld vielleicht?
Özkaraca zuckt die Schultern: „Hat für mich keinen Freizeitwert. Da ist Frohnau schöner“. Treffer, versenkt! Der Mann muss wirklich fertig sein mit Neukölln.

Mehr über Cookies erfahren