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EURE WORTE – TEIL 3: Irgendein Fremder

 

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Irgendein Fremder schrie also in meinem Schlafzimmer herum, wütete und machte nicht die geringsten Anzeichen, mir zu erklären, was der ganze Auftritt eigentlich soll. Von Feuer oder Rauch keine Spur.
Ich hüpfte auf und trat ihm gegen das Schienbein, denn noch immer war ich mir sicher, dass er – wenn schon kein Traum – dann wenigstens eine Halluzination sei. Er schrie laut auf und verpasste mir einen Kinnhacken, der mich umwarf. Am Boden liegend schnaubte ich vor Wut und trat ihm mit aller Gewalt so heftig in die unbedeckte Intimzone, dass er zu Boden ging und winselte vor Schmerz. Um sicher zu gehen, trat ich ihm nochmals in die Nieren und endlich wimmerte er nur noch in einer Lautstärke, die ich für angemessen hielt.
Ich warf dem menschlichen Haufen Elend in meinem Schlafzimmer noch rasch eine Decke über den sich krümmenden Leib und ging in die Küche, um uns Kaffee zu kochen.
Nach einer Weile kam er in die Decke gewickelt zu mir, ziemlich blass, aber ruhig und setzte sich. Ich reichte ihm eine Tasse und sah ihn an. Ich hatte ihn doch schon einmal gesehen, er kam mir so wahnsinnig vertraut vor, ich glaube, es war damals vor zehn Jahren an diesem einzigartigen Sommertag in der Nähe der Kameldungverbrennungsanlage, bin mir aber nicht ganz sicher.
Während ich ihn so betrachtete, fiel mir auf, dass er schön war. Eigentlich sehr schön. Ein Wort im Raum: die Schönheit. Verpufft ebenso rasch, wie jedes andere Wort zum Beispiel Lubrifikation, Penisfraktur oder Hirnwichserei. Wir Wurmfischer binden uns nur an eines im Leben: An das Seil, das uns mit der Oberfläche verbindet. Ansonsten lassen wir alles hinter uns, was unser Gesichtsfeld einschränken und unsere Konzentration behindern könnte. Umschichten tun wir den Schlamm, nicht das Leben der Anderen. Wir lieben mehr als andere. Wir verehren, sehnen und träumen uns tagtäglich in völliger Blindheit durch schlammige Fluten reißender Gewässer, dabei vertrauen wir auf uns und das Seil und die Welt die uns beide (er-) trägt und wenn sie will, zerreißt. Das Destillat meines Glaubensbekenntnisses an ein unmögliches Leben durchdenkend, verfing sich mein Blick in seinen blauen Augen voller Meeresbrausen. Unwillkürlich dachte ich an eine gemeinsame Mahlzeit im Hinterstübchen einer Kläranlage und mir wurde mulmig zu Mute. Ich erinnerte mich an ein geheimes Treffen beim Taubenschlag auf meinem Dach, aber…
„Wir werden noch gemeinsam schüttelfrösteln, wenn du so weiter machst.“, sagte er mit einem Lächeln, das mich aus fremden Erinnerungen zurückholte. Da fragte ich ihn, was er denn eigentlich in meiner Wohnung zu suchen hatte, und vor allem, wie er hier hereingekommen war. Nach anfänglicher Unsicherheit überwand er sich und erzählte mir folgende sehr bewegende Geschichte:
„Ich war auf der Suche nach einem Soßenbinder.
Eigentlich wollte ich nur kurz zum Supermarkt, denn zu Hause fand ich keinen. Ich ging also hinaus und blieb mit den Manschetten am Haltegriff der Straßenbahn hängen. Du musst wissen, in San Francisco schließen die Türen nicht automatisch, oder bleiben offen, wie in Berlin, man bleibt einfach hängen und wird mit geschliffen. Ein paar Leute  im Wagen schrieen aus Leibeskräften. Aber die Straßenbahn hielt nicht. Manche versuchten mich hineinzuziehen in den Wagen, aber durch das Gerumpel der hügeligen Strecke schmiss es meinen Körper so heftig hin und her, dass sie mich nicht halten konnten.
Irgendwann riss Gott sei Dank das Hemd und ich kullerte ein paar Meter weiter vor einen parkenden schwarzen Mustang Combi. Ein paar Fußgänger blieben stehen, betrachteten mich und gingen gleich wieder weiter. So lag ich eine Zeit lang, halb bewusstlos herum, bis ich mich wieder erinnerte an mein Ziel, den Urologen, den ich wegen meiner Potenzprobleme aufsuchen wollte. „
„Ich dachte, du wolltest Soßenbinder kaufen gehen?“
„Siehst du! Schon wieder! Ich weiß es nicht mehr genau. Ich glaube, ich verwechsele mehrere Tage. Nur noch diese Situation ist mir recht klar im Kopf. Vor der Schnauze dieses schönen Autos liegend, mit einer dreifärbigen Katze, die auf der Motorhaube wohl gerade ein Nickerchen hielt und im Schlaf schnurrte. Doch ich war so durcheinander und hatte meinen Orientierungssinn komplett verloren, dass ich nicht mehr wusste, ob ich in einer Filmhochschule studiere, im Ensemble Oriol Saxophon spiele oder Windmaschinen baue, ich wusste es einfach nicht mehr. Ich weiß es übrigens noch immer nicht. Mein Name fällt mir auch noch immer nicht ein.“
„Jбnos.“, sagte ich völlig teilnahmslos und wunderte mich selbst über eine Ahnung, die da langsam Gestalt anzunehmen schien in meinem Unterbewusstsein.  
„Auf jeden Fall lag ich so im Dämmerzustand herum und hörte hinter mir leises Katzenschnurren. Ich schlief ein.“
„Und?“, fragte ich.
„Was und?“ – „Na, wie kommst du aus San Francisco hier her, Mann?!“
„Keine Ahnung.“
Wir waren also der Wahrheit über seine Herkunft noch um keinen Millimeter näher gekommen.
„Und warum schreist du, es brennt und weckst mich?“
„Ich dachte, ich träume nur und wenn ich schreie, dann wache ich auf.“

In schweren Gedanken verloren schlürften wir schweigend an unserem Kaffee. Da fiel mir die Flasche Wein ein, die ich noch im Schrank hatte von meinem Urgroßvater, der an Alzheimer gestorben war und am Ende felsenfest davon überzeugt gewesen ist, er arbeite als Datenträger in einem kriminellen Betriebssystem.
Während ich die Flasche öffnete, fragte ich ihn: „Hast du mich im Traum lesen gehört?“
„Warum?“ „Weil du „unbewachen“ geschrieen hast. Und warum sprichst du nicht englisch?“
Seine Augenfarbe wechselte im Tempo seiner sich überschlagenden Gedanken, zurück blieb: grau.
Ich schenkte uns den uralten edlen Tropfen ein. Der schwere Alkohol meines debilen Urgroßvaters war das einzige, das uns jetzt noch retten konnte, dachte ich.
„Was ist, wenn wir beide träumen und noch immer träumen?“, fragte er völlig blauäugig.
Sofort trat ich ihm wieder gegen das Schienbein. Er schrie auf und trat zurück.
„Ich glaube nicht, sonst würden wir den Schmerz ja nicht spüren und du hast ja ein paar Schleifspuren am Körper, also… Aber wo du deine Klamotten hast, wäre auch nicht uninteressant. San Francisco war geträumt. Davon gehe ich aus. Prost.“
„Cheers.“
„Lass dich von mir inspirieren. „, flüsterte er nach einer langen Weile des Schweigens, eigentlich wie zu sich selbst, einfach so dahin, der Wirrkopf aus dem Nichts.
Ich ließ auch das im Raum stehen.
Doch plötzlich schmeckte der Wein vollmundig nach Hitze und Verlangen.  
Diese schönen Augen: Wie nervös ich plötzlich bin – wie ein rascher Sprung in die Gegenwart! Präsens, präsent sein – was los? Wer plaudert da? Ha, das ist jetzt also wirklich mein moralisch-hygienisches Gewissen oder einfach die romantische Ader, die pocht, wenn mein Blut sich mischt mit dem von roten Trauben.
Auf einen Schlag: Zeitraffer. Hohes Tempo. Verstecken hinter tausend Fragen. Small Talk, kleinlaut. Musik mischt sich ein ins Stimmengewirr am Küchentisch. „written on a bull in the heather“, singt Kim Deal aus dem Küchenradio.
Die eigenen Stimmbänder krächzen nur noch Wortfolgen in diesem Tumult. Eine sich soeben aus verdrängten Erinnerungsfetzen formierende Gewissheit wird sturmflutartig an die Oberfläche gespült:
Ich kenne dich!
Die Flasche Wein neigt sich ihrem Ende zu und eine zweite, billigere steht schon auf dem Tisch, wir schenken mechanisch ein, während der Gedächtnislose und ich nach Worten suchen, sprudeln plötzlich zwei Stimmen durch mich, die eine schreit hier etwas von Romantik, sehr, sehr laut und von außen ungehört, die andere, die echte Stimme setzt auf Halbmast.
Ich weiß, dass wir uns kennen – viel besser, als wir wollen. Wir haben uns verabredet damals bei der Kameldungverbrennungsanlage, weil wir uns seit Monaten mochten. Dann haben wir den Kontakt verloren. Als wir uns kennen lernten, verbrachten wir jeden Abend miteinander, zogen durch die Straßen der Stadt und eines Abends tranken wir Bier auf meinem Dach und befreiten die Tauben aus ihrem viel zu engen Schlag. Das alles war so süß, dass es tief vergraben werden musste, denn das Farbspektrum wäre gemeinsam ein anderes geworden, die wahrnehmbaren Frequenzgänge wurden deutlich zu viele, Weltbilder gerieten ins Wanken und die Erde war plötzlich keine Scheibe mehr, von der wir springen hätten können. Was, wenn das aber in Wirklichkeit das einzige in dreißig Jahren gewesen ist, dass wirklich echt war? Wahrheit ist Wahrheit und rankt in schillernden Lügen hoch zum Himmel.
Diese schönen Augen, sie wechseln eingerahmt von fliegenden Wimpern ständig ihre Farbe und trotzdem erkennen wir sie unter Millionen als die einzig schauenden, in die wir blicken können, ohne Fernglas oder grauen Star. Spätestens, wenn die Welt untergeht, suche ich den Dschungel ab nach dir, das verspreche ich dir.
Mit einem Schlag war ich wieder im Präteritum gelandet, denn ich zündete soeben vor lauter Verwirrung der plötzlich wieder erkannten alten Romanze statt der Zigarette meine Fingerspitzen an. Aua.
Draußen war es mittlerweile dunkel geworden, es sind einige Stunden vergangen, seit seinem plötzlichen Auftauchen und das vertraute Gefühl der Seelenverwandtschaft konnte an der Tatsache nichts ändern, dass das alles nicht mit rechten Dingen zuging.
Schluss mit Inspiration.
„Sag’s ehrlich: Bist du mein moralisch-hygienisches Gewissen, wie Pater St. Remondis es mir schon einmal vorgeworfen hat?“
„Was? Schau ich aus, wie ein Gewissen?“
Mist. So blöde Fragen hat er früher auch schon immer gestellt. Schlammwanne.   
Und ich erinnere mich an eine Nacht mit ihm vor zehn Jahren, was wir beide längst vergessen haben, ein kleines Geheimnis, von dem niemand weiß. Written on a bull in the heather.
Wir tranken nun beide wieder zügiger. Er erkannte mich anscheinend nicht.
„Und wie war dein Tag so?“ fragte er mich.
„Ach, das Ostkreuz hat gesprochen und wurde dann von einem Baukran zerstört, nachdem ich in der Spree keine Würmer mehr fand.“
„Verstehe, mein Schatz. Kommst du mich in San Francisco besuchen?“ Ich nickte und wünschte uns beide sofort in ein Hotelzimmer mit Doppelbett nach  Indonesien.
Nach einer Weile ins Glas starren fasste ich den Plan:
„Dann werde ich Dich beim Fundbüro abgeben, ok?“
„Ok.“ Er nickte und stand auf.
Ich brachte ihm eine Hose und ein T-Shirt, natürlich war ihm alles etwas zu eng, aber in der Not frisst der Bauer Mücken und einem geschenkten Gaul klopft man nicht die Hufe mit dem Spatz auf dem Dach und der Taube in der Hand. Er tat mir schrecklich leid, denn in meine Stilettos passte er trotz aller Bemühungen nicht hinein. Ich gab ihm dicke Socken, mehrere Paare bester Qualität, gestrickt von Oma Schwinghammer. Dankbar zog er sich an und nach einer Weile fragte er: „Hast du ein wenig Biberdrüsenparfum für mich?“
„Was?!“
„Biberdrüsenparfum. Ich würde mich gerne, bevor wir die Wohnung verlassen, kultivieren.“  
„Nein. Hab ich nicht. Ist gerade ausgegangen, leider.“
„Was hab ich gerade gefragt?“
„Du wolltest Biberdrüsenparfum, ziemlich ekelhaft, wie ich finde, aber wenn du…“
„Das ist es!“ Er schrie überglücklich und hüpfte.
„Ich kann mich erinnern. Oh Gott… Ich war auf dem Weg zum Ostkreuz, als da…“
„Und?“
„Reden wir nicht drüber. Du solltest mich trotzdem beim Fundbüro abgeben, wahrscheinlich werde ich schon gesucht. Auf jeden Fall lebe ich in Berlin, Neukölln, in der Selchowerstraße 14, heiße Jбnos Ismerentlentöl, gleich, wie dein Lyriker, hasse aber Literatur, arbeite als Chemiker in einem Kosmetikunternehmen und bin Projektleiter eines Forschungsprogramms zur Entwicklung einer Pflegelinie mit hautverjüngenden Substanzen. Die ganze Geschichte ist zu lang, es hat auch etwas mit deiner Nachbarin zu tun, dass ich in deine Wohnung geflüchtet bin, die Tür war offen übrigens. Sprich sie nicht drauf an. Sie ist gefährlich. Wir müssen los. Danke für alles.“
Plötzlich war er sehr hektisch und stand schon vor der Tür. Ich verstand gar nichts und blieb reglos felsenfest in meiner schwankenden Wohnung stehen.
Da wandte er sich um, hielt mich an den Schultern und sagte: „Es war wirklich damals bei der Kameldungverbrennungsanlage. Wir kennen uns. Und ich hoffe, wir sehen uns wieder.“
„Mal schaun, mal schaun.“ Ich lehnte mich an einer halbwegs schwankungsfreien Wand an und dachte: Wenn du weg bist, wirklich weg, denn ich dachte du wärst es ja schon längst, dann bin ich endlich auch die Verlierermentalität los, die du mir damals geschenkt hast, oder? „Gut, gehen wir.“
Wir fuhren also zum Platz der Luftbrücke. Ich verabschiedete mich vor dem Flughafengebäude, flüchtig, österreichisch, mit zwei Küsschen auf die Wange und drückte ihm noch rasch meine Verlierermentalität in die Hände, die er versprach mitabzugeben.
Beim Rückweg musste ich einen großen Umweg nehmen, denn das Ostkreuz gibt es ja nicht mehr.
Ich konnte meine Wohnungstür fast nicht aufsperren, als ich wieder zurück war. Fünf mal hab ich denselben schon beim ersten Mal nicht passenden Schlüssel probiert, weil ich das Gefühl hatte, er stünde noch immer neben mir, obwohl er längst weg war.
Etwas später schon konnte ich tief durchatmen und am nächsten Tag war die Spree so voller Tubifex, dass mir zwei meiner teuersten Netze rissen.

Nur zwei Monate danach zog ich nach Ecuador. Hinter meiner Villa liegt ein riesiger Garten mit Rosen, Avocados und Bananen, den ich sehr günstig gleich dazu erwarb zur Orangenplantage. Manchmal, wenn ich so bei Sonnenuntergang, mit feiner Musik im Hintergrund in der Hängematte schaukelnd meinen Mojito schlürfe, denke ich zurück an Berlin und vermisse das olle Luder keine Sekunde lang.

 

°°°°The Wurmfischer’s Paradise°°°°   (To be continued)

 

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