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Kultur

EURE WORTE – TEIL 5: Alles wird gut

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Bitte, danke, Straßensperre. Ich gehe. Explosion im Maschinenraum. Enthusiastisch schmort ein Draht durch. Ja, ja: Insekten flüchten mit weit aufgerissenen Augen. Haarspangen auf Hautpore, Intensivstation mit Triangulaturen, Tor durch Überqualifizierung, Tangenten in Achsen, Fernverkehr mittels Querstreifen, Downloads unter Helikopter, Schiedsrichter über Kaffeetassen, Veranstaltungshinweise der Nagelschere, Kakteen des Praktikanten, Schwalben auf Unterbezahlung, Geäst mit Frequenzüberlagerungen, Seitenscheitel durch Verkaufskräfte, Fallrückzieher in Existenzgründungen, Gelage hier, Orgie drüben, Nahverkehr mittels  Sockenbildung, Schrauben unter Gläsern, Kniescheiben über Mundwinkeln, Artisten der Handtücher, Genderbudgeting des Wurzelwerks, Erde auf Resonanz mit Kinokassen durch Flyerboards in Tränen mittels Muskelstrenge unter Fersen über Waden der Fahnen des Gelächters,- sag, geliebtes Genmaterial, soll ich dich googlen,?
Du gibst mir die kalkulierte Tagesdosis Zärtlichkeit, ich bezahle Dich mit meinen Humanressourcen. Und ich lese in der „Zeit“: „Der Meisterbrief des Metzgers ist so vergänglich, wie seine Wurst.“

Genau das waren meine Gedanken nach dem Aufwachen. Die allerersten Gedanken des Tages. „I’m a family man!“ grölte gestern Abend ein betrunkener Rastafari einsam den Strand entlang torkelnd „I love my family. Good Vibrations!“, sang der vereinsamte Obdachlose “ I send you all my love. I love my family, I’m a family maaan“ und verschwand irgendwo hinter dem Hügel, hinter dem er sich versehentlich das Leben nahm.   
Aber das ist jetzt völlig arbiträr. Der Tag hatte längst begonnen, alle waren bereits wach, und ich wusste, unten saßen sechs Leute und warteten auf meine good vibes. Da fiel mir der Dachboden ein.  Meine Angestellten hatten mir am Vorabend berichtet, dass die Wände rosarot verschmiert seien mit einer klebrigen Substanz – sie vermuteten, das sei auf eine Oxidation des braunen Holzlackes, mit dem wir damals die Träger gestrichen haben, zurück zu führen. Nun gut, ich wollte den Dachboden sowieso ausräuchern lassen. Danach streichen wir das Ganze in Violett. Problemlösungsorientiert zog ich die Decke über den Kopf, um mich weiterhin vor dem Aufstehen zu drücken.

Plötzlich erschallte aus meiner High Tech Stereoanlage im Erdgeschoss in Dolby Surround 9.27. mein Lieblingsschlager der Wiener Underground Schlagerband TANZ BABY!:
„Es wird gut sein“

und alles wird
für immer gut
alles wird
für immer gut
alles wird für immer gut
und es wird
gut sein
und die liebe wird
für immer sein
für immer wird
die liebe sein  
ja, die liebe
sie wird
für immer sein
und es wird gut sein


Ich schwebte auf einmal lächelnd die Stufen hinab, eine wunderschöne Idee mich auf diese Weise hinunter zu sich zu bitten.
und es wird gut sein
Er wartete mit einem Strauß roter Rosen (wahrscheinlich gerade frisch geklaut aus meinem Rosenhain hinter der Plantage) auf mich, die Nase nicht in Zeitungen versenkt, sondern mir gerade zugewandt.
ja, die liebe
Am Tisch perlte Veuve Clicquot in rauschigen Gläsern.
und alles wird
für immer gut

Das Meer braust. Der Besuch: spurlos verschwunden.
für immer gut
Seine warmen Augen funkelten mich glücklich an.
alles wird für immer gut
und es wird
gut sein

Ohne Angst, ohne Erwartung.
für immer wird
Dieser Mann ist so schön geworden, unglaublich. Ein zu Hause in zwei Armen.
ja, die liebe, sie
Wie jemand immer schöner wird, von Sekunde, Monat zu Jahrhundert, wenn das so weiter geht mit ihm, wohin soll das noch führen. Irgendwann braucht man Sonnenbrillen, um seine silhouttenförmige Präsenz als menschlich zu verifizieren.
und es wird –
Apropos Strahlen.

Jemand zog die Vorhänge weg. „Steh auf, wir müssen los. Pack die Gummistiefel ein. Und einen Anorak. Es wird kalt.“ Grelles Sonnenlicht beschoss den Raum und attackierte meine Augenlider, worauf sie sich zurückzogen.
Nun gut, zur Hölle, suchen wir also den blöden Murmler.

Jбnos sah mies aus. Grau, lumpig, aufgeschwemmt und das schöne, schwarze Hemd, das er normalerweise zum Ausgehen trägt, machte es auch nicht besser. Geistig immer abwesend, außer das Thema drehte sich um etwas, was in seinem direkten Interesse lag. Da kam sie mir wieder entgegen, diese höflich distanzierte Art, small talkerisch perfekt, immer genau am Informationsgehalt klebend, leichtfüßig und belanglos, unverfänglich bis ins Letzte,- die Anonymität der Großstadt war auf einen Schlag in San Lorenzo angekommen. Die anderen Gäste hatten sich schon zum Strand aufgemacht und Wechselgeld und Falschgeld scharrten im Garten nach Gold. Rasch würgten wir unser Frühstück hinunter und betrachteten die Landkarte. Als erstes wollte er zum Vulkan Cotopaxi, im Landesinneren gelegen – eine Riesenentfernung von hier. Dort sei der crazy Kolibri vor ein paar Tagen gesichtet worden. Dass ein uns dasselbe Tier auf einem aktiven Vulkan in fünftausend Metern Höhe wohnt, aber auch im tropischen Flachland, irritierte mich nicht. Die Tiere hier sind völlig unberechenbar, ich traue ihnen alles zu. Ecuador ist geographisch, topographisch, klimatisch und ethnisch eines der vielfältigsten Länder der Erde. Ich muss gestehen, der wunderschöne Cotopaxi mit seiner regelmäßig kegelförmigen Eiskappe und den Rauchschleiern, die er, wenn er sich gerade mit etwas beschäftigt, manchmal so auspafft, ist sehr niedlich und ich wollte ihn schon immer gerne einmal besuchen, um mit ihm ein Bier zu trinken oder von mir aus auch Cola. Jбnos bemerkte, dass soeben Abenteuerlust über meine Augen huschte und sagte sofort, das würde kein Urlaub werden und Pilze nehmen wir auch keine mit. Kein Techno, kein mp3 Player. Sogar den Laptop wollte er zu Hause lassen, der Freak. Aber meine Liebe zu Ecuador glühte trotzdem wieder auf bei dem Gedanken durch die Allee der Vulkane zu schlendern. Schon Alexander von Humboldt bemerkte vor zweihundert Jahren, dass die einzige Konstante in der Geographie Ecuadors seine Vielfalt sei. Wie zauberhaft. Ich habe gerade erst entdeckt, dass die einzige Konstante in meinem Leben neben der Nikotinsucht die ständige Wandelbarkeit und Unverlässlichkeit aller Erscheinungen inklusive Mensch und Tier und dem, wovon man glaubt, es selbst zu sein, ist. Murmler inklusive. Wurst sowieso. Nudel – und Nordic Walker inbegriffen.
Der Jeep stand bereit, Thermoskannen voller Kaffee und Equipment zum Fangen der Murmler lag in zwei silbernen Kisten im Auto verstaut, daneben ein paar meiner schönsten Gummistiefel, die gesamte letzte Staffel „Lost“ auf DVD, Pilze (versteckt), ein Lexikon ungeliebter Wörter, ein Magazin mit dem Spezialthema „Die Ratlosigkeit im Dickicht des Digitalen“ und zwei Flaschen bulgarischer Schnaps, die Jбnos noch mitgebracht hatte.
Das Auto fuhr bereits los. Ich rief meinen Angestellten noch rasch nach, dass sie bitte den Dachboden ausräuchern sollten, so, dass wenn ich zurückkomme, keines der singenden Drecksviecher überlebt hat.
alles wird für immer gut
Sie nickten widerwillig, aber ich wusste auf sie ist Verlass.
ja, die liebe
Zur Orangenernte in ein paar Tagen sei ich natürlich spätestens zurück.
sie
Wir rechneten mit zwei Tagen für das Murmler Catching.
wird für immer sein
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft lächelte der missmutige Soziopath hinter dem Lenkrad, als wir an der Küste entlang fuhren und meine akut chronische Nackenverspannung löste sich dabei ein wenig.
für immer wird
Ich misstraute diesem Lächeln.
für immer sein
Ich misstraue jedem Wort von diesem Kerl, doch solange mein Nacken positiv auf ihn reagiert, beuge ich mich meinem Rückgrat, als leitender Instanz. Auf meinen Kopf ist ja schon lange kein Verlass mehr, geschweige denn auf diverse innere Organe, die sich überheblich als lebenswichtige Motoren bezeichnen, aber launisch anspringen und ausgehen, wann sie wollen,- unberechenbare Teile mit großen Klappen. Auch die Galle ist kein guter Ratgeber, geschweige denn die Nieren. Wenn das mit der Wirbelsäule auch nicht klappt, versuche ich’s mal mit den Fersen, vielleicht beweisen die mehr Standfestigkeit in Glaubensfragen.
für immer wird
für immer sein

Mist! Vor uns eine Straßensperre! Daneben vermummte Männer mit Schlagstöcken – schwarz gekleidet. Jбnos tritt auf die Bremse, der Wagen schleudert. Eine Staubwolke vor der Windschutzscheibe. Ich sehe nichts. Jбnos reißt das Lenkrad um. Ich höre einen Schuss.

°°°°The Wurmfischer’s Paradise°°°°   (To be continued)

 

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