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EURE WORTE – TEIL 8: Die Scheinverantwortlichen

Stundenlang bin ich am Ufer des Flusses entlang geirrt, verzweifelt vom vielen Schreien nach meinem verrückten Wissenschaftler, der spurlos verschwunden ist, nachdem wir beide an dem vergiftetem Wasser einer Naturschönheit beinahe gestorben wären. Von der Weite sah ich nun endlich unseren Jeep. Aber keine Spur von Jбnos. Nun gut, ich nahm einen Umweg hinein in den Dschungel, um ihn zu finden.

Wofür tat ich mir eigentlich den ganzen Zirkus an? Für einen Kolibri? Oder einer Laus, die mir über die Leber gelaufen ist. Oder einer Taube in der Hand? Wen suchte ich eigentlich wirklich?
Blaue Augen, tiefschwarz, manchmal grau. Schöne Hände, Arme sehnig, schlanke Beine, Muskel, weiche Lippen und einen 3-Tage Bart. 
Nein. Einen Freund, einen Verbündeten, einen Vertrauten. Nein. Eine warme Hand. Einen Besuch in meiner Snob Villa. Einen guten Kontakt. Nein. Eine Manie, ein Phantom, eine Chimäre. Ein Laster, ein Hobby gegen die Langeweile. Ja. Ein Zeit- und Raumvertreib. Eine Rechtfertigung für Gefühlsschwankungen. Den Antagonisten für ein kleines Drama. Name und Daten sind alles, woran ich mich nach der stundenlangen, erfolglosen Suche entlang des Nunkui noch richten kann. Je mehr ich an ihn denke, nach ihm rufe, durch den Dschungel laufe, desto mehr verliere ich das innere Bild von ihm, die Erinnerung. Nachdenklich gibt man irgendwann der Erschöpfung nach. Eine Idee von etwas festhalten, sie in ein Wasserglas setzen, auf dass sie Wurzeln schlagen soll und blühen, nicht nur blühen, sondern fliegen, wie ein Schmetterling mit Gipsflügeln. Ist das der Auftrag?
Nein. Nach so etwas habe ich nie gesucht. Und er sucht einen Kolibri. Was jetzt? Zwei Beine. Zwei Augen. Zwei Arme. Eine Stimme. Tief. Geschliffenes Hochdeutsch sprechend. Ausgezeichnete Wortwahl mit einem Hauch Wissenschaftlichkeit konterminiert  Ich setze mich jetzt hierhin und schreie nur noch einen Namen. Sollte jemand kommen, gut. Ich warte eine halbe Stunde. Leider gibt es im Dschungel keine Uhren.
Schlammwanne.
Hinter mir knipst plötzlich eine Kamera. Weitere Blitze folgen! Eine Horde schwedischer Touristen trabt hinter mir durch das Dickicht und fotografiert mich olle Nackedei auf einem Baumstamm sitzend, nur in Schilf gewickelt. Ich verschwinde erschrocken im Gebüsch. Kreischendes Gelächter hinter mir. Alles komplett verschwedet hier.
Der Touristenführer mit der Shuar Frisur und dem Lendenschurz, ein geborener Däne, treibt grimmig die Horde weiter, und gibt ihnen immer wieder den Rat, nicht ins Wasser zu steigen, aber ruhig mal einen Schluck davon zu probieren, das Wasser sei nämlich nachgewiesener Maßen „Cholesterin senkend“, wie er einer pausbäckigen Blondine gerade hinterhältig grinsend versichert.
Ich schleiche mich von der Gruppe unbeobachtet in mehrere Lagen Geäst gewickelt zurück zum Jeep, steige ein, der Wagen war nicht mal abgeschlossen, und sitze. Sitze, warte, überlege. Freundschaft hin oder her. Ich fahre jetzt. Aber zuerst ziehe ich mir etwas an.
Mist, das rote Abendkleid passt jetzt irgendwie nicht so richtig zur Situation. Am besten wäre ein T-Shirt. Ein weites, langes, großes. Ich finde Jeans, öffne Jбnos’s Reisetasche und fetze ein T-Shirt heraus. So. Gut.
Hinter das Lenkrad. Zack. Auf jetzt. Weg hier. Nach Hause. Cotopaxi vergessen, Dachboden ausräuchern, Besuch abfüllen, schlafen gehen. Morgen Aufwachen und mit der Polizei nach Jбnos suchen. Schrecklich.
So, ich greife jetzt in das Seitenfach auf der naiven Suche nach einem Zulassungsschein. Da fällt mir ein schmales Heft in die Hand mit dem Titel:

„Klaferzengelee mit Wurstwasser: Junge, deutsche Protektionslyrik“

Ich blättere darin und bleibe bei einem sehr schön gesetzten Text des grafisch aufwendig gestalteten Heftes hängen, der den zungenbrecherischen Titel trägt:

„Schulschlusstress“

Du. Fuck.
Arschficken, Fuck! Prack, Du!
Harsch-nicken Lack.
Krassflippen. Schnack. Schnick ju. Pi?
Du!
Pi?
Schlack. Yak Kuh. Barsch kicken. Suck!
Luck to you do! Two?
Juhu.
Fuck Luck krass Suck You: Marsch rippen. 
Pi?
Pi.
Schnack, you, ju, fuck, Yak Kuh, Pi.
Krassflippen. Krassflippen. Krassflippen. 

Bestürzt lege ich rasch das Heft weg und wühle weiter im Seitenfach herum. Ein Ausweis.
Sehr gut. Nein, nicht gut. Das ist nicht der Zulassungsschein, sondern Jбnos’s Reisepass, darin steckt ein Brief.
Aha, das ist ja spannend.
An: Jбnos Ismeretlentöl.
Absender: Meike Deppert.
Gut, dann bleibe ich halt noch ein bisschen hier und lese, wer weiß, vielleicht kommt ja meine große Liebe doch noch aus dem Dschungel.

 Geliebter Jбnos,
Vor ein paar Tagen war ich in der Hartz 4 World, da haben die Asozialen jetzt ein großes Plakat aufgestellt in denselben Farben und Schriftzug, wie der O2 Schriftzug, das steht an der Warschauerstraße, bevor man in die unvergleichlich dreckige Revalerstraße einbiegt. Ich finde es geschmacklos, vor allem, wenn man bedenkt, dass dort jetzt ein sehr hübsches Hotel steht, und was ist das erste, was die Gäste sehen, wenn sie in Richtung des Hotels gehen von der Warschauerbrücke aus kommen? Ja, genau: Elend.
Schon ein gutes Gefühl, wenn man wieder zu Hause am Savignyplatz angekommen ist. Ich bin ja open minded, aber Friedrichshain ist noch schlimmer als Neukölln, dort gibt es wenigstens kaum Auslandsstudis.

Heute ist nicht mein Tag anscheinend. Vor lauter Langeweile lese ich trotzdem weiter. Ich nehme an, das schreibt die Frau, die Jбnos heiraten will.
 
“ Ich verstehe das nicht, überall diese Faulheit, beschmierte Wände, Obdachlose, besoffene  Jugendliche,- haben die alle nichts zu tun? Und weißt Du, was die Zitty schreibt?
„F’hain entwickelt sich zum neuen Mode Mekka Berlins!“ Ich gehe aber nach wie vor mit Marie-Luise zum Ku’Damm. Soviel steht fest. Nicht jedem Trend muss man folgen, auch wenn man open minded ist. Die O2 Halle ist schön geworden! Marie-Luise und ich waren bei der Eröffnung! Schade, dass Du nicht dabei warst, Hans Peter Kuhn, der Cousin von Franz Kuhn, Jonathan Mies und sogar Karsten Steinbeck waren da und fragten mich nach Dir, sie vermissen Dein Handicap. Ein sehr schöner Abend. Ein bisschen Protest gab es von ein paar Asozialen, aber darüber konnte man hinweg sehen. Krawallmacher wird es immer geben.
Ansonsten ist es im Büro im Moment ganz schlimm.
Seit Florian Krauss sich von Regina Ahrem getrennt hat wegen Silke Lebenssporn, reagiert Konstanze (ja! Die Konstanze! Meine, nicht die Konstanze Hartmann ) ebenso verachtend auf mich, wie früher auf Florian Zumbühl, den Neffen von Jens Wagner. Nur weil sie weiß, dass ich mit Silke, Anna und Franzi einmal im Fitness Studio war und alle paar Monate mal telefoniere. Aber das ist noch lange nicht alles, weil ja Doerte, Doerte Kurzmann, die mit dem breiten Sächsisch, seit sie aus der Klinik zurück ist und von ihrem Bruder Jan-Alois, der jetzt übrigens bei Karsten Steinbeck arbeitet und dabei sehr gut verdient – dasselbe, was Du auch hättest machen können, mit allen Absicherungen und Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, auf über 4000.-Ђ netto kommt, obwohl er soeben erst sein Abitur gemacht hat, wie mir vor kurzem Klaudia ganz stolz erzählt hat, die Klaudia, die – „

Jetzt hab ich’s! Das ist das alte Testament, neu interpretiert!  Nein, doch nicht. Na, ja.  

„die jetzt wieder mit ihm zusammen ist, – auf jeden Fall – Ja, von Jan hat sie erfahren, dass Regina sie als „nervenkrankes Kamel“ bezeichnet hat und seitdem sprechen wir nicht mehr miteinander. Ich war dabei, als das Wort „nervenkrank“ gefallen ist, aber ist das so schlimm? Camille, Jürgen und Paula Hinpel  waren damals übrigens auch dabei.  Ich meine, wenn man in die Nervenklinik kommt, ist man ja wohl nervenkrank, oder nicht? An das „Kamel“ kann ich mich nicht erinnern und überhaupt. Ich habe es ja nicht ausgesprochen, also trifft mich ja auch keine Schuld, oder?
Ich könnte jetzt wirklich Unterstützung und liebevolle Zuwendung brauchen, wie Du siehst, aber Du bist ja leider mit wichtigeren Dingen beschäftigt und Marie-Luise ist so im Stress wegen ihrer Hochzeitsvorbereitungen, jetzt muss ich ganz allein damit fertig werden.
Ich mag Doerte ja wirklich gern. Ich war ihr immer eine ehrliche und gute Freundin. Letztens hat sie wieder ihre Mac Donalds Box auf meinem Tisch abgestellt, bevor sie auf’s WC ging und da habe ich auch nichts gesagt. Gemüse greift sie ja nicht an. Das könnte ja schädlich sein. Davon könnte sie ja abnehmen, – übrigens trägt sie noch immer dieselbe Frisur von der Du damals gemeint hast, sie erinnere Dich an den verstorbenen Yorkshire Terrier Deiner Großmutter kurz vor seinem tragischen Ableben an der Starkstromleitung… Immer kommt sie mir mit: „Meiki, Meiki. Wann heiratest Du denn endlich? Jetzt seid ihr doch schon ein halbes Jahr zusammen und die allerjüngste bist du ja auch nicht mehr, usw.“, das blöde Psycho Luder.
Na, ja. Soviel zur Arbeit.
Und wie geht’s Dir so?
Hast Du diesen Vogel schon gefunden?
Ich hoffe, Du hast recht viel Spaß mit Deinem Nico. Muss ja ein ganz toller sein. Du weißt, ich bin überhaupt nicht der Typ, der in den Sachen anderer herumwühlt, aber letztens als ich Deine Hemden bügeln wollte, da- ja, ich hab Deine Sachen alle zu mir gebracht, ich wollte Dir ein wenig Arbeit ersparen, wenn Du zurück kommst – Du hast ja gesagt, Du möchtest nach der Reise bei mir einziehen, ich habe einfach ein paar Arbeiter besorgt und das ging alles ganz rasch, nur Dein Arbeitstisch und Deine Baseball Handschuhe sind noch in der Wohnung, ich dachte das möchtest Du sicher persönlich holen, Intimes und Persönliches wollte ich natürlich nicht berühren. Du musst mir nicht danken, ich habe es gerne gemacht. Damals. Vor einer Woche. Das war ja auch noch bevor… Ich wusste da ja noch nichts von dieser… diesem… Deinen… wie soll ich sagen.. Neigungen?
Du Schwein!
Ich habe all seine Briefe gefunden! Alle beiden!
Zuerst wollte ich sie nicht lesen, legte sie gleich wieder zurück, da wankte die Kommode und heraus purzelte ein Haufen unabgeschickter Briefe von Dir an ihn und einer davon  flog so unglücklich,- das Fenster war ja auch offen, ein extrem windiger Tag, nieselig, schwül und.., und landete genau schräg auf meiner Handfläche, so, dass der Brief aus dem unverschlossenen Kuvert von selbst heraus glitt und ich beim Wieder Hinein Stecken  nicht wegsehen konnte.
Ich bin open minded, wie Du weißt, aber was Du da schreibst.. Das..
Ist selbst für mich zu viel.
Du Schwein!
Auf jeden Fall ist die Sache mit der Hochzeit gestorben, ich akzeptiere Deine Neigungen, so krank sie auch sein mögen, was übrigens auch Marie-Luise findet, die sich das bei Volker Behrens, der ein richtiger Mann ist und immer zu ihr steht, obwohl er als Spitzenverdiener bei Siemens wirklich viel um die Ohren hat, niemals vorstellen könnte, und ich will Dich nie wieder sehen.
Die Sachen lasse ich morgen wieder in Deine versiefte Wohnung zurück bringen. Werde glücklich mit diesem Mann und am besten bleibst Du gleich in Ecuador, denn hier wissen alle Deiner Arbeitskollegen bescheid. Immerhin musste ich ja mit jemandem darüber reden, wenn Du schon nie für mich da warst.
Ein herzliches Tschüss aus Berlin! Nicht-mehr-Deine Meike“

Ok. Ok. 
Sie weiß also zu glauben, dass ich ein Mann bin.
Ok.
Und, dass Jбnos…
Puh!
Warum hab ich bloß vorgestern aufgehört zu rauchen?
Mist.
Ein Königreich für eine Marlboro.
Ob er es geschafft hat, den Brief bis zu Ende zu lesen? Vielleicht ist er beim ersten Absatz eingeschlafen und weiß gar nicht, wie open minded sie das mit der Hochzeit mittlerweile sieht. Nein, er muss es gelesen haben. Aber warum hat er nichts davon erzählt? Na, ja. Typisch. Jбnos halt. Persönliches erzählt er nur in Randnotizen, außer man bohrt ihm Löcher in den Bauch. Was ich jetzt übrigens gerne tun würde, aber nicht verbal.
Ein Lächeln huscht über meine Lippen: Was hat er mir da bloß alles geschrieben? Davon hat sie natürlich nichts erwähnt.. Leider. Und Murmler sind keine Vögel, sondern Schmetterlinge, die so tun, als wären sie Kolibris, das ist ein riesiger Unterschied, ich bin ja auch kein Delphin. Zumindest momentan. Stimmt! Wo sind die Pilze?
Nein. Jetzt nicht. Die Situation ist schon abstrus genug.

„Servas!“ schreit da jemand aufgeregt aus dem Gebüsch kommend. Jбnos! Na, endlich, Alter.
„I bin nackert!“. Er rennt auf’s Auto zu, stürzt sich Hals über Kopf in den Kofferraum und zieht sich rasch, peinlich berührt an. In aller Ruhe stecke ich den Brief und den Pass wieder ins Seitenfach.
„Oida, i bin voll zerwuselt. Bei dir ois senkrecht?“, fragt er mich und ich blicke fassungslos in sein schönes Gesicht.

Warum spricht er plötzlich einen so eigenartigen Dialekt?
Oh, Gott, sag nur, er hat schon wieder das Gedächtnis verloren! Das kann doch nicht sein, dass jemand auf Schock immer mit Gedächtnisverlust reagiert, Himmelherrgottsakra!
„Wos isn, was schaustn so betropezt?“
„Du sprichst in einem seltsamen Dialekt und was zur Hölle heißt „betropetzt“?“
„Deppert.“
„So, wie Meike?“
„Meike? Man’st die Würschtln, oda wos?“
Ok. Jetzt ist es klar. 
Jбnos glaubt, nachdem er das Leben fast verloren hätte, er sei Österreicher.
„Schau, was i im Wald gfunden hab!“
Er zeigt mir einen großen, braunen Pilz. Völlig unspektakulär.
„Parasol!“
„Weißt Du, wie ich heiße?“, frage ich ihn ernst.
„Jo, Nico, glaubst i hab an Vogel, was is? Fahrst jezan amol los mit deina Kreibn, oda miass ma latschn bis zum nächstn Wirtn, i hab so an Hunger! Rasiern könntest di a wida amoi, so nebenbei.“
Stimmt, in dem Punkt hat er Recht. Aber nur in diesem einen.
„Weißt Du, was wir hier eigentlich vorhaben, warum wir hier sind?“
„Wos sulln denn die bleden Fragen, wo hastn den Ring? Des san unsare Flitterwochen, wasn sunst!“
Er will mich küssen. Ich weiche rasch aus.
Verliebt schaut er mich mit seinen großen blauen Augen an und sagt: „Schau, wennst wissen wüst, wer i bin, dann sag i’s dir gern: I bin a bissl wer und gar nix in Wirklichkeit. Oba: Des wast nur du! I bin net reich, i bin net schen, aber i steh auf di mehr als auf den ganzen andern Quargel, mit dir is immer schen, egal wann, wie und wo. I wüll bei dir sein, net mehr und net weniger. I seh die Wöd dann irgendwie anders und sie is schener. Verstehst? Und kannst jetzt bitte losfahren, mir knurrt der Magn. I was net, was ma da so lang gmacht haben, aber schen, dass’d des ganze Camping Zeigs scho verstaut hast. Danke, Schatzi.“

Ich starte betropezt den Motor. Und fahre angewidert von diesem depperten Charakter, der mit meinem Jбnos so gar nichts zu tun hat, aber sein makellose Gesicht  trägt, in Schrittempo zur nächsten Kneipe.
„Du, der Parasol, der passt sicher super zum Schweinsbraten.“, nuschelt Jбnos neben mir und schnüffelt an dem braunen Pilz. Ich konzentriere mich nur noch auf die Mittelstreifen und murmle in Gedanken mantrenartig: „Bitte Kneipe, sei bald da, bitte Kneipe sei bald da, bitte Kneipe sei bald da und rette mich..“

 

(To be continued) 

 

VERWENDETE WORTE IN DIESEM TEIL: 

Fuck_
Fuck you_
Arschficken_
Schulschlusstress
Scheinverantwortlicher

Klaferzengelee mit Wurstwasser

 

 

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