• Kultur
  • EURE WORTE – TEIL 9: Genderbudgeting

Kultur

EURE WORTE – TEIL 9: Genderbudgeting

 Liebe Leser,

Das ist vorläufig der letzte Teil der Reihe „EURE WORTE“, der hier veröffentlicht wird, ich danke Euch für die vielen Zusendungen!

In diesem Blog werden in Zukunft andere Texte erscheinen: Rezensionen, Berlin Beobachtungen und andere Marktschreiereien, vielleicht auch die eine oder andere Sprachverhunzung. Ansonsten findet Ihr mich wie immer im Wurmfischer’s Paradise auf www.jekely.net. 

Hasta Luego & don’t blame it on the Finanzmarktkrise,

Alles Gute, 

LJ 

 

 EURE WORTE – TEIL 9: Genderbudgeting

(INKLUSIVE ÖSTERREICHISCH/DEUTSCH WÖRTERBUCH AM ENDE DES TEXTES!)

 

„So ein Hudriwudri! Kannst du bitte mit dem Ober anbandln, der kommt sonst net weg von seinem Nudelfriedhof, so, wie’s ausschaut.“, bittet mich der vor Hunger und Durst schon völlig ausgezehrte Jбnos gerade eindringlich.
Wir sitzen in der einzigen Schenke im Umkreis von hundert Kilometern, die aus Bast und schiefen Schilfblättern zusammengezurrt im Wind bibbert, die Luft surrt, Fliegen schuhplatteln über den Tischen, eine einäugige Katze streicht um meine Beine und der sandige, wuselnde Boden zu unseren Füßen ist selbst mir nicht ganz geheuer. Es gibt ungefähr fünfzehn winzige, hochgiftige Skorpionarten, die sich in dieser Region sehr wohl fühlen. Eine kaputte Gestalt lehnt am Tresen bzw. lehnt der kaputte Tresen an einem Fleischberg, denn der Jüngling wiegt um die zweihundert Kilo und trinkt gerade sein viertes großes Bier in einer halben Stunde. Sengende Hitze. Der Wirt, von dem wir annehmen, dass es der Wirt ist, befindet sich in einem Meeting mit einer üppigen Dame, in dem es wahrscheinlich nicht um die aktuelle Finanzmarktkrise geht.  
Bin ich froh, dass ich den Ventilator an unseren Tisch gestellt habe, trotz des finsteren Blickes des zweihundert Kilo Mannes, wir werden schon merken, wenn er aufsteht.
Wieder einmal rufe ich dem Wirt zu, dass wir verdammt hungrig sind und ihm gleich die Bude kurz und klein schlagen, wenn er uns nicht sofort etwas zu trinken und zu essen bringt. Er nickt verständnisvoll, wirft einen Blick in die Küche, wo gerade eine kleine hagere Gestalt, wahrscheinlich seine Mutter, zwischen dampfenden Deckeln hin und her läuft und es scheint, als würde sie dabei murmeln und mit sich selbst sprechen. Unterwürfig deutet er mir, sie sei gleich fertig, man dürfe sie in dieser Phase auf keinen Fall stören.
Vom Überlebenstrieb gepackt, gehe ich also selbst hinter den Tresen und suche nach Nahrung, während sich der Wirt dem Aktienindex der Dame widmet.  
Eigenartigerweise berührt es niemanden, dass ich mich soeben selbst bediene und das in rauen Mengen. Man glaubt nicht, was hinter dem klapprigen Holzversschlag, aka Tresen alles versteckt ist: blitzend sauber polierte Kristallgläser, Erdnussflocken, Hummerchips, die neueste Ausgabe der Lichtungen, Zimtsterne von Tante Anneliese, unveröffentlichte Skripten von Jean Genet, die Skizze eines  fliegenden Tresens von Michelangelo, eine Großpackung Psychopax und Methadon, die aktuelle Zitty! Nein, doch der Tip, und hier, ich fasse es kaum: eine Kiste bestes, deutsches Mineralwasser in einer Kühltruhe und darunter mehrere Flaschen Veuve Cliquot!
Nur einen Meter entfernt von dem Wirt und seiner Transaktion hole ich all die Köstlichkeiten hervor, ohne dass sich jemand darum schert. Ich trage so viel ich nehmen kann an unseren Tisch, wo Jбnos sitzt und gerade versucht, die Situation zu verstehen. Er spricht noch immer österreichisch. Ich weiß nicht, wie ich dieses Problem lösen soll. Nach dem Schock des Nahtoderlebnisses hat er einen traumatischen Persönlichkeitsverlust erfahren und glaubt nicht nur aus einem Bergdorf zu stammen, sondern denkt auch noch, wir würden hier unsere Flitterwochen verbringen. Was aber noch viel erschreckender ist, ist, dass all das, was ich so an ihm geliebt habe,- seine Taktlosigkeit, seine Neurosen, seine Überheblichkeit, ausgelöscht sind, keine Spur mehr von Sarkasmus, keine Anzeichen von Misanthropie, sondern nur noch Liebenswürdigkeit und ein Dialekt, der noch fataler auf die Libido wirkt, als ein Besuch im Schlachthof zur Vorweihnachtszeit. Mein Plan ist, dass wir hier ein wenig essen, zur Ruhe kommen,  nach einer Tankstelle fragen und danach gemütlich nach Hause fahren in meine Villa, ich den Doktor meines Vertrauens anrufe und ihn sofort einweisen lasse. Hudriwudri.
„Soviel klasses Nunzelwerk hast gfunden? Ein Nudelaug der Wirt. Super! Prost!“
Schon lange frage ich nicht mehr nach, was die Worte bedeuten, aber ich glaube ihren Inhalt nachvollziehen zu können, denn einiges klingt auf Shuar sehr ähnlich.
„Du, i mag ja net raunzen, Schatzi, aber mir kommt vor, seit i des verschissn hab mit dem Balkenmäher, bist irgendwie bes auf mi. I muass alles aus dir aussa zuzeln, du redst net mehr mit mir. I was, i hab mi in letzter Zeit zerspragelt vor lauter Hackln, aber du wast ja, dass i volle Granatn auf die steh, oder?“
Ich nicke. Das passt fast in jeder Situation.  
„Des Wiegel Wagel von Früher is jetzt vorbei, es wird a kane Wadelbeissereien mehr geben, des versprich i dir. I bin damals komplett versumpert, weil i nach der Kameldungverbrennungsanlage nie mehr was ghört hab von dir. Weg warst! Drauf hab i mein Hof verscheppert und meine Viecher, und damit i des übertauch, des mit dir, bin i in die Stadt gangen und hab stantapede mit großem Tam Tam angfangen meine Spompanadln auszumleben. I hab a Techtel Mechtel ghabt nach dem andern, – a Spinnerin!!“ – Er schreckt zurück, als eine Spinne über seinen Stuhl krabbelt.
„Spuck aus und schwimm ham, Drecksmiachn!!“, schreit er die schüchterne Spinne an und versucht sie mit seinem Schuh zu erschlagen.  
Da öffnet sich kreischend die Küchentür! Alles ist schlagartig still. Die steinalte Frau aus der Küche fixiert Jбnos griesgrämig und stemmt die Hände in die knochigen Hüften.
In Zeitlupentempo lässt Jбnos seine Hand sinken und zieht sich wieder den Schuh an. Als er sich setzt, schüttelt die Alte abschätzig den Kopf und verzieht sich wieder in die dubios dampfende Küche.
„Was isn mit der Schragen los?“
Ich schüttle den Kopf und hebe fragend die Schultern.
„Wo war ma grad? Ah, ja. I hab gschnackselt, gschustert, pudert, was des Zeug ghalten hat, aber, “ –
Er merkt wohl, dass ich mich unwohl fühle und gibt mir einen väterlichen Kuss auf die Stirn.
„Hast di nie gfragt, warum i mi dann glei wieder gschlichen hab, nachdem i di durch Zufall wieder fgunden hab? Des woar net weil i Schlampatatsch die Nummer verschustert hab,- i hab dir so viel Schmiraschen gschrieben und nix davon abgschickt, – ja, Sakrameichel!!“
Wieder springt er erschrocken auf, die Küchentür öffnet sich, er setzt sich, die Küchentür schließt sich, eine kleine Wolke Dampf hinterlassend.
Leise flüstert er mir zu: „No a Spinnerin.“
Ich nicke und frage mich, was mit der Alten in der Küche los ist und ob wir das, was dort entsteht, wirklich essen sollten.
„Ja, wurscht. Grupft ham’s mi z’erst in da Stadt. Nur Schmähtandler und Rauschkugeln, egal wohin’st schaust. Aber irgendwie hab i’s dann gschafft, zum hackeln, aber i was net mehr was eigentli….. Irgendwas mit Viechern glaub i..“
„Chemiker?“
„Wos? – Na! I hab ja immer nur pipperlt. Na, pomale, pomale.“
„Arbeit bei einem Kosmetikkonzern?“
„Du, du brauchst mi jetzt net pfitschigogerln, göll? I was, du wüllst net alles wissen, kalt wie’sd bist, aber es is hoid net wie im Patschenkino, es woar net alles parat. Erst hab i glebt bei am Peitscherlbuam, der drei Pferderln am Laufen ghabt hat. Verdient hat er net viel mit denen, die ana war a Landpomerantschen, die andere a fade Nocken und die dritte a mieselsüchtige Menschin, über die’s gmauschelt haben, dass sie eigentlich des Gschäft nur zur Gaude macht, weil ihr Vater is a hoher Politiker. Immer ham’s mi probiert zum niederbügeln, die Menscher und ihr Marmeladinger, i war ja komplett neger, wir i in der Stadt anmarschiert bin und war scho heppy, dass i überhaupt irgendwo hab schlafen können, wenn i zum schlafen kommen bin, auf jeden Fall war da Hawara a richtiges Märzveigerl und seine Weiba ham den ganzen Tag gmatschkert. Er war a a geistiges Nackerbatzerl und a Neidhammel, weil’s auf mi gflogen san, de Weiber hat er mi aussa ghaut. I ruinier des Gschäft, hat er gsagt und dann war i wida auf da Straßn.“
Mit einem langen Seufzer beendet er den Satz und wir stoßen mit eiskaltem Champagner in Kristallgläsern an, die übrigens das einzig Saubere im ganzen Lokal sind, neben meiner weißen Weste.
„Verstehst?!“
Ich nicke bedeutungsvoll, so ernst, wie möglich.
Plötzlich bricht es aus mir hervor: „Pfitschigogerln?!“
Ich kann mich vor Lachen nicht mehr halten und pruste los: „Pfitschi-pfitschi- was? He, he!“, es lässt mich nicht los, dieses Wort macht mich fertig. Tränen kullern über mein Gesicht, plusterroten Kopfes trinke ich rasch ein Glas Schampus ex, um mich abzukühlen und meinen Lachkrampf zu ertränken.
Pfitschigogerln…
„Bist a Mann oder bist a Frau?!“, donnert er wütend hervor, während ich mich am Stuhl festhalten muss vor lauter Lachen.  
„Ein Mann natürlich. Ha, ha, pfitschi, pfitsch…. Hirgs.“
„Dann benimm di a wie ana.“
Stop.
Das war genug. In dieser Sekunde ist aller Spaß verflogen.  Solche Machosprüche habe ich nicht nötig, nein, wirklich nicht, ich gehe, sofort, raus hier, soll er schauen, wo er bleibt, der Spinner.
So etwas lasse ich mir nicht bieten, nein, ich nicht. Nach all dem, was ich bisher für ihn getan habe. Nein. Frechheit.
„Fliezpiepe!“, schmettere ich ihm Wut entbrannt entgegen, als ich nach meiner Handtasche greife, um dieses schmuddelige Etablissement zu verlassen.
„Mehr fallt da net ein, Bosnigel? Na, dann gemma auf die Bluatwiesn, i kann da’s im Alphabet aufsagn, wennst wüst!“
Schlagfertig haue ich ihm noch ein bitter böses: „Mistfink!“ um die Ohren.
Er kontert: „Armutschkerl, Bemmerl, Coloniakübel, Dampfplauderer, Eiskasten, Fetzenschädel, Gwandlaus, Hirnedi, i-Tüpfel-Reiter, Jogl, Kanalforelle, Lawurpappn, Mastdarmakrobat, Nebochant, O.. oh, oh.“
„Was ist, Schluchtenscheisser, fällt dir nichts mehr ein?!“, piepse ich tapfer meiner verbalen Niederlage entgegen.    
„Mir fallt mit O nix ein. Aber mit P! Pleampel, Quetschen, Rabenbratel, Schlaucherl, Topfenneger, Urschel, Ungustl, verhatschter Wappler, X…. Moment.“
Es reicht.
„Tschüss!“, ich stehe auf, nehme die Flasche Champagner und verlasse die Bruchbude.
„Zwiederwurzn, Zniachtl!“
„M.. Mistfink!“
„Dodel, Pipn, Trutschn!“
Ich öffne die Tür und will zum Jeep.
In dem Moment wird die Küchentür aufgerissen und der Wirt erstarrt in Ehrfurcht. Heraus tritt.. Dampf. Darunter erkennt man zwei winzige, runzlige Füßlein. Zwei riesige Kochtöpfe dampfen um die Wette, keine Ahnung, wie das alte Weiblein sie so behände tragen kann.
Der Fleischberg nimmt respektvoll den Hut ab.
Die unerkennbare Alte bringt die riesigen Töpfe an den Tisch, ich will gehen, da herrscht sie mich an, ich solle gefälligst hier bleiben und essen.
Sie deutet auf meinen Stuhl und ich gehorche. Der Wirt bringt zitternd Teller. Der Kurs seines üppigen Spekulationsobjektes ist von allen unbemerkt in den Keller gerasselt. Alles starrt uns an. Hochspannung.
Die Alte nimmt einen großen Schöpflöffel und gießt als erstem Jбnos Suppe auf den Teller. Dazu murmelt sie einige unverständliche Worte.  Lange blickt sie ihn aus verschleierten Augen an, bis er den ersten Löffel probiert. Sie lässt ihn nicht aus den Augen. Er muss den ganzen Teller aufessen, bevor sie sich mir zu wendet.
Aus dem anderen Topf, auf dem in großen roten Lettern „GVS“ steht, reicht sie mir blutrote, dickflüssige Brühe. Mein Gott, ich mag’s ja nicht scharf! Wie bringe ich ihr das bloß bei?
Aber eigenartigerweise nickt sie mir nur freundlich zu, wünscht mir guten Appetit und richtet wieder ihre ganze Konzentration auf Jбnos. Er muss essen. Einen Teller nach dem anderen. Die ersten drei scheinen ihm zu schmecken. Mit der Zeit wird er immer müder und müder, doch die Alte lässt nicht nach, bis der gesamte Topf mit dem hellgrünen, sämigen Avocadobrei leer ist und vom vor Aufregung schwitzenden Wirt abgeholt wird.
Die Alte berührt sanft Jбnos’s Gesicht, das mittlerweile eine ähnliche Farbe angenommen hat, wie die Suppe, und murmelt wieder ein paar Worte, während sie die Augen schließt. Jбnos schläft ein.
Vorsichtig bettet sie seinen Kopf auf die Tischplatte und verschwindet leise, schwebend wieder in der Küche.
Mich ignoriert sie vollkommen.
Der vollschlanke Mann bekreuzigt sich gerührt, steht nach dem achten Bier auf und wankt aus dem Lokal.  
Der Wirt ist spurlos verschwunden. Jбnos beginnt zu schnarchen.
Ich strecke meine Hand aus, um ihn zu wecken, da reißt die Alte die Küchentür auf und befiehlt mir, das sofort zu unterlassen.
Nun gut.. Ich kann doch nicht einfach gehen. Meine Suppe war wahnsinnig versalzen, aber wenigstens nicht scharf. Also trinke ich die ganze Flasche Champagner aus und warte bis Jбnos erwacht.  
Eigenartigerweise ändert sich meine Optik auf einmal. Ich habe das Gefühl, meine Prisma Dioptrien entwickeln ein Eigenleben. Hinter dem Tresen erscheint ein Berg. Der Cotopaxi! Nein. Doch nicht. Ein alpines Bergdorf. Ich drehe mich zu Jбnos, doch dort, wo er gerade eben noch saß, steht nun plötzlich eine geöffnete, goldene Schatztruhe. Daraus funkelt und glitzert es in tausenden Farben. Unfassbar. Ich greife hinein und wühle in Brillianten, Perlen, Edelsteinen, schlinge Goldketten um meine Arme.
Das edle Geschmeide fühlt sich wunderbar an. „Retropositiomamae, Retropositiomamae“, klingt es leise durch die Luft, die nun kühler geworden ist und frisch riecht nach Edelweiß und Enzian. Keine Ahnung, was soll das heißen? Sanfte Stimmen, wie von tausend Engeln seufzen: „Retropositiomamae, Retropositiomamae“. Es klingt wunderschön, so weich und zart. Ich möchte gerne in meinem Artikelverzeichnis nachsehen, was das Wort bedeutet, aber leider habe ich keines, deshalb greife ich nach ein wenig Kuhschnappelbrot, das noch von der Suppe auf dem Tisch steht und kaue. Kauen, einfach kauen. Herrlich. Wieder: kauen. Ich lasse den Blick über das spektakuläre Bergpanorama hinter dem Tresen gleiten und betrachte den Sonnenuntergang über den Alpen. Ein paar Gämsen sind in der Weite zu erkennen, ich verhalte mich leise, um sie nicht zu erschrecken und wühle zur Beruhigung wieder ein wenig im Geschmeide der bodenlosen Schatztruhe mir gegenüber. Hätte ich bloß eine Steinschleuder. Dann könnte ich hinter den Tresen steigen und Murmeltiere jagen.. Aber das muss nicht sein, ich bin ganz eins mit meinem Gebiss und dem grandiosen Ausblick. Kauen. Einfach kauen. Wunderbar.
„Retropositiomamae, Retropositiomamaeee…..“, hallt es lieblich durch den Wind.
Ich fühle mich ein wenig, wie Iphigenie auf Tauris, weiß aber nicht, wieso.
„Retropositiomamae.“
Es wird Nacht und die Eulen rufen: „Retropositiomamae, Retropositiomamae.“ Da greife ich auf meinen Rücken, um mich zu kratzen und bemerke… bemerke….
Ahne… Nein.
Um mich abzulenken von dem grausigen Gedanken greife ich rasch nach ein wenig Schmandrhabarbererdbeergebäck und kaue daran. Kauen. Wieder: kauen. Lecker. Schmeckt gleich wie in Berlin. Wo wohl Jбnos hin ist? Ach, ist ja egal, ich genieße die Ruhe. Den Frieden. Das Gold mir gegenüber ist ein wunderbarer Tischnachbar, mir mangelt es an nichts. Aber ich habe das Gefühl, plötzlich sogar ein wenig zu viel zu haben. Rückwärts. Wieder taste ich behutsam auf meinen Rücken. Nein! Da ist es schon wieder. Das gibt es doch nicht! Ich berühre die andere Seite! Auch hier!
Ich schreie auf vor Schreck und in dem Moment sitzt statt der herrlichen Schatztruhe wieder Jбnos mir gegenüber, der aus seinem Traum hochschnellt und ruft: „Wir sind nicht schwarzgefahren!“
Er weckt sich dadurch selbst, schaut mich an und greift erschrocken mit beiden Händen an meinen Hals. „Wie siehst du denn aus? Ist ja schrecklich!“
Was dann geschah verstehe ich bis heute nicht…
Fest steht: er nahm meinen Hals und den darauf liegenden Kopf und drehte ihn um 180 Grad. Nun ergaben auch die seltsamen Erhebungen am Rücken plötzlich einen Sinn.
Und als ich zum Tresen blickte, war dahinter auf einmal wieder die gammlige Küchentür, über die gerade eine tapfere Wanze wanderte, im Schneckentempo auf das Gipfelkreuz der Türklinke zu, mit dem Esprit eines Reinhold Messner in den sechs strammen Waden.  
Der Wirt wischte pfeifend an einem Glas herum, das dadurch immer dreckiger wurde und der dicke Mann kam gerade von der Toilette zurück und ließ sich wieder auf den viel zu kleinen Barhocker fallen, als wäre nichts gewesen.
„Was tun wir hier eigentlich?“ fragte mich Jбnos, missmutig, skeptisch – blitzscharf wie eh und je.
„Ich weiß es nicht, ich denke, wir wollten etwas essen..“
„Genug, gehen wir. Es wird Zeit. Komm.“
Er war wieder er selbst! Wie schön.
Sachlich und nüchtern bezahlten wir und gingen.
Sofort durchzog mich dieses wohlige Gefühl der Nähe wieder und ich schaute zu ihm auf, wie zu dem Mann meines Lebens, mit dem ich alles teilen wollte, selbst Persönlichkeitsverluste, spontane Geschlechtsumwandlungen und Schulschlussstress.
Kurz vor dem Jeep hielt er abrupt an und sah mir tief in die Augen:
„In zwei Stunden könnten wir schon bei der Unterkunft sein, die ich uns besorgt hab. Ein ziemlich hübsches Apartment nicht mehr weit vom Cotopaxi.“
Wie bereits erwähnt, habe ich meiner Wirbelsäule die letzte Autorität über mein Handeln zugesprochen und weiß der Geier, der Rohrspatz oder die Kellerassel warum: mein Kinn zog sich in gerader Linie nach unten, meine Mundwinkel nach oben und mein Nacken nickte. „Dйja-vu, mein Liebster.“, hörte ich mich flüstern, weiblicher, sanfter und zarter denn je, von ihm leider völlig ungehört, denn er legte schon den Gang ein und fuhr los.
Gut, suchen wir also den beknackten Kolibri, wieder als Mann und Frau, was wir zumindest glauben, dass wir sind, was wir sein wollen, wir Bio Piraten auf dem Raubzug durch die Natur, die sich kaputt lacht bei unseren linkischen Versuchen, ihr das Paten der großen Ingenieurskunst zu entwenden.     

 

(To be continued, but not here 😉

 

 

 

 ÖSTERREICHISCH/DEUTSCH WÖRTERBUCH:

IN ORDER OF APPEARANCE:

HUDRIWUDRI

Wirrwarr; oberflächlicher, schusseliger Mensch

OBER 

Zahlkellner

ANBANDLN 

Kontaktaufnahme zwecks Einleitung eines Liebesverhältnisses oder einer Schlägerei

NUDELFRIEDHOF 

Nymphomanin

NUNZELWERK

Sammelbegriff für Speiseabfälle

NUDELAUG

despektierliche Bezeichnung eines Mitmenschen

RAUNZEN

nörgeln, jammern

ZUZELN

lutschen, saugen; lispeln

ZERSPRAGEN 

sich überarbeiten

HACKELN 

arbeiten (das Beil schwingen)

VOLLE GRANATN 

äußerst; sehr

WIEGEL WAGEL 

Unentschlossenheit

WADELBEISSEREI

unseriöse Debatte

VERSUMPERN

geistig abstumpfen

VERSCHEPPERN

verkaufen

VIECH 

Tier

STANTAPEDE

sofort; auf der Stelle

TAM TAM

Aufsehen

SPOMPANADELN 

vernunftwidriges Tun (ital. spampanare: aufschneiden)

TECHTEL MECHTEL

schnellebige Liebschaft

DRECKSMIACHN

unflätiger Lauser

SCHRAGEN

Schimpfwort für eine ältere Dame

SCHNACKSELN

koitieren

SCHUSTERN

koitieren

PUDERN

koitieren

SCHLEICHEN (SICH)

verschwinden

SCHLAMPATATSCH

Mensch mit mäßig ausgeprägtem Ordnungssinn

VERSCHUSTERN

verlieren

SCHMIRASCH

unleserliches Gekritzel

SAKRAMEICHL 

Ausruf des Erstaunens und der Entrüstung

WURSCHT

egal

GERUPFT

ausgenommen

SCHMÄHTANDLER

unglaubwürdige Person

RAUSCHKUGEL

Spiegeltrinker

PIPPERLN

dem Alkohol fröhnen

POMALE

langsam, gemächlich (tschech.: po malu)

PFITSCHIGOGERLN

Spiel mit Münzen; als Aufforderung: Du kannst mich mal!

PATSCHENKINO

Fernseher 

PEITSCHERLBUA

Zuhälter

PFERDERLN

Prostituierte

LANDPOMERANTSCHE

einfältige Maid vom Lande

NOCKEN

keine zum Pferde stehlen

MIESELSÜCHTIG

depressiv

MENSCHIN

Mädchen, ledige Frau

MAUSCHELN

etwas Unseriöses flüsternd aushandeln (von Moische, Moses)

GAUDE

Vergnügen

NIEDERBÜGELN

einschüchtern

MARMELADINGER

Norddeutscher

NEGER

pleite

HABARA

Freund, Liebhaber (hebr. haber)

MÄRZVEIGERL

charakterschwaches Subjekt, welches im März 1938 Hitlers Einmarsch in Österreich begrüßte (Veigerl = Veilchen)

MATSCHKERN

vor sich hin schimpfen

NACKERBATZERL

nacktes Kind

NEIDHAMMEL

mißgünstiger Mensch

BOSNIGEL

boshafter Mensch

BLUTWIESN 

Kampfstätte zur tätlichen Fortführung verbaler Konflikte

ARMUTSCHKERL

armes, bedauernswertes Geschöpf

BEMMERL

(Kot)Kügelchen

COLONIAKÜBEL

Abfalltonne der städtischen Müllabfuhr

UVM.

Dampfplauderer, Eiskasten, Fetzenschädel, Gwandlaus, Hirnedi, i-Tüpfel-Reiter, Jogl, Kanalforelle, Lawurpappn, Mastdarmakrobat, Nebochant

Pleampel, Quetschen, Rabenbratel, Schlaucherl, Topfenneger, Urschel, Ungustl, verhatschter Wappler, Zwiederwurzn, Zniachtl, Dodel, Pipn, Trutschn

 

 

VERWENDETE WORTE IN DIESEM TEIL:
schatztruhe
Dйjа-vu
retropositiomamae
Berg
Iphigenie
schmandrhababererdbeergebäck
Genderbudgeting
Balkenmäher
Schulschlusstress
Kuhschnappelbrot
Schwarzfahren
Artikelverzeichnis
GVS
Prisma Dioptrien 
Steinschleuder

 

Mehr über Cookies erfahren